Pause im Palmenhof
Ein Tropicália-Workplace von Tabitha Isobel und Studio Multi in London
Auskragende Palmen, rostrote Terrakotta und dunkles Walnussholz statt grauer Büroästhetik: Im Londoner Workspace „Conductor“ machen Tabitha Isobel und Studio Multi einen Glashof zum grünen Zentrum einer Arbeitswelt, in der nicht nur die Funktion, sondern auch die Atmosphäre bestimmt, wo gearbeitet wird.
Als in der viktorianischen Zeit Pflanzen aus tropischen und subtropischen Kolonien nach Großbritannien kamen, schufen die Architekt*innen ihnen nicht nur imposante Glashäuser, sondern ließen sie auch in repräsentative Stadtbauten einziehen. Palmenhöfe sind zentrale Atrien mit hohen Decken, gläsernen Lichtdächern und exotischer Flora, aber ohne Nieselregen, Nebel oder kühle Atlantikbrisen. Sie sind typisch für die britischen Inseln. Diese lichtdurchfluteten Refugien mit historischer Relevanz und viel Aufenthaltsqualität dienten den beiden Design- und Architekturbüros Tabitha Isobel und Studio Multi als konzeptioneller Ausgangspunkt für die kollaborative Gestaltung des Londoner Workspace Conductor.
Im Zentrum des 3.400 Quadratmeter großen Arbeitsorts öffnet sich ein lichtdurchfluteter Glashof. Die Wände sind aus Sichtbeton und die Lüftungen und Installationen laufen offen. Darunter aber setzt die wohnliche Szenerie einen Kontrast zum industriellen Grundton. Bouclé, Samt, Holz und Keramik bilden ein Material-, Möbel- und Farb-Patchwork, das zufällig und doch abgestimmt wirkt, während Pflanzbereiche alles rahmen und zonieren. Zusammengestellte Töpfe mit großblättrigen Exoten schaffen grüne Inseln. In den wandnahen Hochbeeten strecken sich Palmen und Bäume Richtung Himmel, eingerahmt von Strelitzien, Monsteras und Farnen.
Patchwork aus Farben und Fliesen
„Wir wollten, dass Menschen den Raum betreten und überrascht sind, dass es sich um einen Arbeitsplatz handelt“, sagt die Interiordesignerin Tabitha Organ. Überraschen könnte die Besuchenden neben der Ausstattung auch die Atmosphäre: Obwohl das Büro im Osten von London liegt, fühlt sich sein Interieur wie eine Reise in wärmere Gefilde an. Die Naturmaterialien, erdigen Farben, hochflorigen Teppiche und bunten Fliesen zitieren Gestaltungstraditionen, die aus Mexiko oder Brasilien vertraut sind.
Glasierte Dzek-Fliesen aus vulkanischer Asche ummanteln in senfgelben und braunen Streifen die Pflanztröge, der Boden ist mit weißer und kupferfarbener Keramik belegt. Begrenzt wird der Raum von halboffenen und geometrisch strukturierten Mauerpartien aus Terrakotta, die Patricia Urquiola für Mutina entworfen hat. Sie markieren auch den Übergang zu Bibliothek, Besprechungszonen, Café und Loungebereichen und kündigen einen Stimmungswechsel an. Dort wird es dunkler, kleiner und privater, farblich gedämpfter und akustisch ruhiger.
Clubhaus-Flair statt Großraumbüro
Tabitha Isobel und Studio Multi setzten dunkles Walnussholz ein – nicht nur bei den Möbeln, sondern auch als schallschluckende Kassettendecken, bei deckenhohen Einbauschränken und Wandverkleidungen. Dazu kombinierten sie Weinrot, Ocker- und Ebenholznuancen sowie ein warmes Olivgrün, während die Lichtinszenierung mit Spots und kleinen Leseleuchten für Clubhaus-Atmosphäre sorgt.
„Wir wollten einen Raum schaffen, der unterschiedliche Formen des Arbeitens unterstützt. Durch die Überlagerung von Materialien, das Absenken von Decken in bestimmten Bereichen und das Filtern des Lichts, anstatt es vollständig abzuschirmen, konnten wir Intimität herstellen, ohne den Raum abzuschotten“, erläutert Tabitha Organ. Ihr Ziel war eine Arbeitswelt, die bewusst ein Gegenpol zu konventionellen und unternehmerischen Büros ist. Denn statt einer „bloßen Kulisse für Produktivität“, wünschen sich die Menschen auch beim Arbeiten Räume, die mit Materialien, Farbe und szenografischer Vielschichtigkeit für Aufenthaltsqualität und Abwechslung sorgen.
Ein Ort für jede Stimmung
Wer dennoch mal eine klassischere Arbeitsumgebung sucht, begibt sich ins Obergeschoss. Hinauf führt eine Stahltreppe, hinab geht der Blick ins Atrium. Die Pflanzen mit ihren weit auskragenden Blätterfächern erfüllen auch eine abschottende Funktion. Wie Sonnensegel auf einem Marktplatz schirmen sie die lebhafte Atmosphäre partiell ab, ohne sie aus dem Raumgeschehen auszublenden. Gleichzeitig verändert sich die Raumstimmung. Helles Hirnholzparkett trifft auf viel Glas, das Büros unterschiedlicher Größe voneinander trennt. Das durch die Decke einfallende Tageslicht wird durch eine weit gestreute, gleichmäßige Beleuchtung ergänzt. Arbeitskabinen, Alkoven und hellblaue Sofas bilden einen kühlen Kontrast zu den warmen Terrakottatönen unten und schaffen unterschiedliche Situationen für informellen Austausch und konzentrierte Gruppenarbeit.
Die zwei Welten setzen sich zu einem Universum zusammen, in dem jeder Bereich seinen eigenen Charakter hat und doch Teil eines kohärenten Ganzen ist. Wer dort arbeitet, orientiert sich deshalb nicht nur an der Aufgabe, sondern auch an der eigenen Stimmung – und wählt den Ort nach Funktion ebenso wie nach Gefühl.
FOTOGRAFIE Jasper Fry Jasper Fry
Mehr Projekte
Arbeitsplatz auf Zeit
Züricher Co-Working-Space von HSB Architekten für FlexOffice
Flurfunk war gestern
Umbau einer Firmenzentrale in Berlin von brandherm + krumrey
Stadt der Advocati
Erweiterung einer Anwaltskanzlei in Münster von studio eto
Lernen im Holzhybridbau
Bildungshaus NeckarPark von Glück + Partner in Stuttgart
Zwischen Atmosphäre und Funktion
Büroräume für eine Social-Media-Agentur in Berlin von RHO
Im Geist der Sechziger
Ortsspezifischer Büroumbau von Christopher Sitzler und Gizzem Cinar in Hamburg
Offen für Neues
Agiles Arbeitsumfeld im Continental-Headquarter in Hannover
Bunte Begegnungen
Shared Spaces im Bürobau M40 von Kinzo in Berlin
High Heels im Hochhaus
Aeyde-Headquarter in Berlin von Gonzalez Haase AAS
Yellow Submarine im Gewerbegebiet
Bürobau für Agrosemillas von Impepinable Studio in Spanien
Grüne Achse
Dschungel-Flur von Beyond Space in der Schweiz
Im Geist der Vergangenheit
Neugestaltung einer Bürofläche in Tokio von Symbolplus
Roter Riese
In Odense wurde das größte Holzbürohaus Dänemarks bezogen
Neue Welt in altem Gewand
Blomus Headquarter in Sundern
Kulturaffine Büro-WG
Neues Office von Kinzo und Karsten Jahnke in Hamburg
Flurfunk und Fernsehturmblick
Tech-Büro im Haupttelegrafenamt Berlin von de Winder
Raum mit Reserven
Umbau von YONT Studio für das Musiklabel Seven in Berlin
Flexible Arbeitslandschaft am Hafen
Umbau der Maersk-Zentrale in Rotterdam
Schlichte Bühne für starke Bilder
Fotostudio-Interieur von Sapid Studio in Genf
Umbau mit Gütesiegel
Neue Arbeitswelt für den TÜV-Verband in Berlin
Vertikal verbunden
Neues Headquarter der Publicis Groupe in Shanghai von Ippolito Fleitz
Vertikal, vernetzt, und verantwortungsvoll
Hochhausensemble FOUR in Frankfurt von UNStudio
Lieblingsplatz mit Tiefgang
Lepel & Lepel bauen eine Büroetage im Duisburger H2 Office um
Neu aufgegleist
Umnutzung eines Ringlokschuppens in Osnabrück von Kresings
Alte Schule
Wohnlicher Co-Working-Space in London von Daytrip
Ab ins Beet
Bürolandschaft in Japan von DDAA für Kokuyo
Arbeiten im Penthouse
RHO gestaltet das neue Headquarter von Design Hotels in Berlin
Ganz der Kunst gewidmet
Atelier für eine Malerin in Germantown von Ballman Khapalova
Kreative Transformationen
Nachhaltiges Bauen mit regionalen Ressourcen und innovativen Produkten von JUNG
Lebendiges Labor
Umbau einer Büroetage zum dynamischen Testumfeld