Mehr als Kulisse
Filmreife Büros von MIL Studios in Madrid
Von der Chefetage zum Dancefloor, aus New York nach Madrid und aus den Nineties ins Jetzt: Für die neue Zentrale der Kreativagentur Jungle hat MIL Studios die mondäne Arbeitswelt aus Hollywoods Corporate-Thrillern in vier atmosphärisch eigenständige Büroetagen mit filmreifen Qualitäten übersetzt.
Wall Street, Enthüllung oder Die Firma: In den Neunzigern entwickelte sich parallel zu Manhattan auch im Hollywood-Kino ein neuer Archetyp des machtbewussten Executive Office. Gigantische Schreibtische, glänzend polierte Möbel, Leder, Glas und Stein waren die Existenzräume einer neuen Wirtschaftselite, die tagsüber und vor allem auch nachts vor raumhohen Fensterfronten und einem urbanen Lichterteppich samt Skyline mit Geld, Macht und Status jonglierte. Die Bildwelt des Genres „Corporate-Thriller“ haben Naroa Quirós und Juan Luis Medina von MIL Studios wiederentdeckt und als Vorlage für die neue Madrider Zentrale der Kreativagentur Jungle genutzt.
Die Gestalter*innen sehen im New York der Neunzigerjahre ein Zeitalter, in dem „Kontrolle und Ausdruck“ nebeneinander existierten und „Minimalismus weniger Ästhetik als eine Haltung war“. Nach den letzten zwei Jahrzehnten voller informeller Rutsch- und Schaukellandschaften, Open-Plan- und Multiuse-Offices glaubt das Designstudio, hier eine Büroumgebung mit Identität entdeckt zu haben, die zur Kreativität anregt und allein aufgrund ihres Erlebnisfaktors die Mitarbeitenden zum Kommen motiviert, statt sie im heimischen Wohnzimmer aka Homeoffice zu halten.
Auch Arbeit ist ein Erlebnis
Im Madnum-Turm von Lamela Arquitectos besetzt Jungle vier Geschosse mit unterschiedlichen gestalterischen Kapiteln eines durchgängigen Narrativs. Jedes Stockwerk hat einen eigenen Charakter und bildet Hierarchien ab, wobei nicht klassisch von oben nach unten gedacht wurde, sondern – von der Mitte ausgehend – von den öffentlicheren Bereichen zu den privateren. Der Empfang befindet sich in der 13. Etage und ist von gebürstetem, verzinktem Stahl mit klaren Geometrien und scharfen Kanten geprägt.
Das Thema der sterilen Hightech-Ästhetik wird dort konsequent ausgespielt. Weite, leere Flächen werden von Röhren und Lichtbändern, die kargen Wände nur von großformatigen Gemälden im Stil Basquiats geschmückt. Jedes Möbel wirkt wie eine Skulptur und wurde entsprechend kuratiert: Ein feuerroter Arbeitstisch dominiert den Konferenzraum und eine lange schwarze Tafel wird zum Mittelpunkt der flexiblen Arbeitszone. Gedämpft wird die Atmosphäre vom durchgängig ausgelegten Teppichboden, der nicht nur akustisch beruhigt, sondern auch die Strenge der Industrieästhetik mildert.
Büroetage mit Tanzfläche
Aus der 13. Etage geht es hinauf in die 14. zur Geschäftsführung oder hinunter in die 11. und 12. Etage an die Schreibtische und in die Kollektivbereiche. Dabei folgt vor allem die 12. Etage dem Minimalismus in seiner mondänsten und elegantesten Version. MIL Studios nennt die Clubkultur der Neunziger als Inspiration und bediente sich ihres Vokabulars: mit dunklen Decken, weiten Dancefloors und tiefen Sofa-Lounges, geschwungenen Wänden und dämmerungsähnlichen Farbverläufen auf den Metallflächen. Zonen für konzentriertes Arbeiten fließen in Entspannungsbereiche über und folgen dabei dem Metathema der Musik.
Die 11. Etage erfüllt die Aufgabe eines funktionalen Souterrains, in das sich die Angestellten dank einer kleinteiligen und flexiblen Raumgliederung zurückziehen können. Mit ihrem Interieur führt sie die darüberliegende Materialwelt fort, zeigt sich aber zurückgenommener und ruhiger. Die oberste, 14. Etage hingegen fungiert als Penthouse. Sie vollführt einen konsequenten Material-, aber keinen Stimmungswechsel. In nahezu monochrom braunen Räumen treffen Holzflächen auf Leder und schwere Polster und erzeugen eine japanisch anmutende Ästhetik.
Business as unusual
Die Designer*innen heben die Lichtinszenierung auf den 2.850 Quadratmetern des Projekts als wichtiges Element hervor. „Das Beleuchtungskonzept basiert auf drei Ebenen, mit funktionalem Licht, atmosphärischer Beleuchtung und maßgeschneiderten Lichtlösungen“, erläutern sie. Gerade die indirekte Beleuchtung sorgt im Zusammenspiel mit den umhüllenden Raumkokons für cineastische Momente. Dabei ist die räumliche Dramaturgie weit mehr als bloße Kulisse. Hinter den aufwendig inszenierten Flächen steckt ein durchdachtes, modulares Bürokonzept, das zunächst 230 Mitarbeitenden Platz bietet und auf bis zu 400 Personen wachsen kann. Akustisch wirksame Materialien, integrierte Technik und flexibel nutzbare Bereiche sorgen dafür, dass die Arbeitswelt auch jenseits ihrer visuellen Wirkung funktioniert. MIL Studios gelingt damit der Spagat zwischen spektakulärer Inszenierung und pragmatischem Büroalltag. Entstanden ist ein Ort mit einer ganz eigenen Identität.
FOTOGRAFIE Germán Saiz Germán Saiz
| Projektname | Jungle |
| Entwurf | MIL Studios |
| Typologie | Büro |
| Ort | Madrid |
| Fläche | 2.850 Quadratmeter |
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