Projekte

Landlust im Plattenbau

Unkonventionelles Fe­ri­en­haus Palais Brut in Müncheberg

Viel Herzblut und Eigenleistung stecken in der Transformation eines alten Plattenbaus östlich von Berlin. Der Bauherr Patrick Petzold und der Architekt Hans Sasse haben rigoros in die bestehende Bausubstanz eingegriffen und dabei konsequent wiederverwendet, was noch nutzbar war. Die Ferienunterkunft Palais Brut bietet einen überraschenden Blick auf das architektonische Erbe der DDR und macht Lust auf Land und Platte.

von Uta Gelbke, 17.06.2024

Am Rand von Eggersdorf, einem 400-Seelen-Dorf und Ortsteil von Müncheberg, stehen entlang der Ausfallstraße vier alte Plattenbauten. Für einen seriellen Wohnbau sind sie recht klein geraten – zweigeschossig und als Doppelhaus konzipiert. Es handelt sich also um Platten im XS-Format: hübsch aufgereiht, das Rapsfeld vor der Haustür und rückseitig mit Blick auf die Öko-Anbauflächen der Hofgemeinschaft Apfeltraum. So kann Idylle in Brandenburg aussehen.

Typenbau wird Unikat
Doch die Plattenbauten waren lange Zeit in schlechtem Zustand. Noch im Frühjahr 1990 als Bauernhäuser für die ortsansässige LPG errichtet, wurden sie Zeugen der Umbruchzeit und nicht fertiggestellt. Nach einigen Jahren Leerstand und bewegten Nutzer- und Eigentümerwechseln erwarben Patrick Petzold und seine Frau eines der Gebäude. Zusammen mit Hans Sasse, einem befreundeten Architekten, wurde der serielle Bau aus WBS70-Elementen mit großem Engagement und Freude an der Bauaufgabe in ein echtes Unikat und ansprechendes Feriendomizil verwandelt.

Variation im Raster
Im Modell entstand frühzeitig die Idee, aus dem Schuhkartongrundriss auszubrechen und mit einer geschossübergreifenden Öffnung einen großzügigen Raum zu schaffen, der durch die Standarddeckenhöhe von rund 2,60 Metern sonst nicht möglich gewesen wäre. Statt der ursprünglich symmetrischen Aufteilung in zwei gleich große Haushälften sah der Umbau eine Neuordnung des Grundrisses vor: Im südwestlichen Teil des Gebäudes befindet sich im Erdgeschoss eine kleine Einheit mit Wohn- und Schlafraum für zwei Personen. Über einen zweiten Eingang wird die andere Haushälfte erschlossen, wo das Erdgeschoss als offener Raum mit Küche, Wohn- und Essbereich angelegt ist und sich über den neuen Luftraum zum Obergeschoss öffnet. Dort nimmt die Unterkunft die gesamte obere Etage mit drei Schlafräumen ein.

Platte soll Platte bleiben
Trotz der radikalen Entkernung sollte der Plattenbau als solcher erkennbar bleiben. Anders als bei zahlreichen Vorgängerprojekten – man denke nur an Stefan Forsters verputzte Stadtvillen in Leinefelde – wurde die Plattenstruktur der Fassade mit dem typischen Fugenraster erhalten, ebenso wie die straßenseitigen Öffnungsgrößen. Statisch notwendige Stahlträger setzen das Konstruktionsraster fort und im Luftraum wurde ein breiter Streifen der Decke stehen gelassen, der das Raster ablesbar macht und der Aussteifung nützt. Lediglich zum Garten wurden die bestehenden Öffnungen zu größeren Ausschnitten zusammengefasst und über die Seitenfassaden werden die neu angelegten Terrassen erschlossen. Ein paar Annehmlichkeiten wurden ergänzt: Die Innendämmung mit Kalziumsilikatplatten und Holzfenster mit Dreifachverglasung verbessern den Wärmeschutz. Im Fußboden wurde ein Heizestrich verlegt und im Garten ein Saunahäuschen errichtet.

Recycling als Haltung
Die Bausubstanz wurde bestmöglich weitergenutzt oder anderweitig verwertet. Der angefallene Betonschnitt aus Decken und Wänden befestigt die Terrassierung im Garten. Vordach, Treppe und Türen wurden aufgearbeitet. Die überzeugte Haltung zum Recycling zeigt sich auch bei der Möblierung. Es ist eine Mischung aus restaurierten Kellerfundstücken der Gründerzeit sowie diversen Elementen und Leuchten aus Abrissbauten, die der Bauherr bei einem Besuch bei der belgischen Kooperative RotorDC aus der Fundgrube geholt hat. Im Innenraum bilden neue und alte Holzelemente sowie die dezente, aber kontrastreiche Farbpalette der Möbel einen eindrucksvollen Gegensatz zu den kühlen, nüchternen Bauteiloberflächen von weißen Wänden und Stahlträgern, geschliffenem Beton und Estrich. Die Räume wirken offen, hell, nicht überladen und doch gemütlich.

Waschbetonwürfel statt Dreiseitenhof
Das Palais Brut bietet ein etwas anderes Urlaubserlebnis auf dem Lande. Die erkennbare Lust am Gestalten und viel eigene handwerkliche Leistung zeichnen das Projekt aus. Das unkonventionelle Ferienhaus ist bei Urlaubsarchitektur gelistet. Wer also auf der Suche nach einer einzigartigen Unterkunft ist, kann in Müncheberg einen echten Geheimtipp entdecken.

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