imm cologne 2016: Grüsse aus Istanbul
Inspiration am Bosporus: Sechs Designer suchen die Auseinandersetzung mit dem Handwerk.
Diese Geschichte beginnt mit einer Reihe Postkarten. Abgestempelt in Istanbul, vorne im Bild der Galata-Turm, die Galata-Brücke und eine Bosporus-Fähre. Auf der Rückseite berichtet Florian handschriftlich von Ideen und Entwürfen und Michael vom „Design-Jazz“, in dem man sich gerade befinde. Nette Grüße aus Istanbul, doch die Absender bleiben unbekannt.
Das Rätselraten endet im Januar kurz vor der imm cologne 2016. Laura Jungmann, Dorothee Mainka, Pierre Kracht, Jonathan Radetz, Florian Saul und Michael Konstantin Wolke kündigten die Präsentation ihres Gemeinschaftsprojektes Istanbul’Dan an. Zwei Wochen hatten die Designer in den Handwerkervierteln Sishane und Galata an neuen Produkten gearbeitet, mit Materialien und Herstellungsmethoden experimentiert, die Zusammenarbeit mit örtlichen Handwerkern gesucht und das Stehgreif-Postkarten-Marketing ersonnen. Selbstbewusst präsentierten die Jungdesigner Konzept und Ergebnisse gleichzeitig auf der Messe und im Ehrenfelder Bunker.
Konzept mit Wurzeln
Auf den ersten flüchtigen Blick ist Istanbul’Dan ein typisches Gemeinschaftsprojekt junger Designer – einige interessante Produkte, experimentell entwickelt, gemeinsam präsentiert. Erst bei detaillierter Betrachtung wird die Relevanz des Projektes klar. Wer heute nach dem Studium als Designer Fuß fassen will, braucht offensichtlich mehr als ein nettes Skizzenbuch. Gefragt sind Eigeninitiative, Energie und eine ordentliche Portion Mut. Und eine gute Geschichte fürs Marketing. Die fing für Pierre Kracht 2012 an, als er zur Istanbuler Design-Biennale ein Studentenprojekt realisierte und anschließend die Workshopreihe „Mit Grüßen aus Istanbul“ auflegte. Unterstützt hatte ihn dabei Asli Kiyak Ingin, selbst Designerin und Gründerin der Initiative „Made in Sishane“. Die Gentrifizierung von Istanbuls historischen Handwerkervierteln sollte sichtbar gemacht und durch neue gestalterische Ideen aufgehalten oder gestoppt werden. An diese Zusammenarbeit knüpfte Istanbul’Dan im vergangenen Jahr an.
„Diese Viertel sind für Designer wie ein kleines Wunderland“, erzählt Florian Saul von seinen Erlebnissen und Eindrücken in Istanbul. Inspirierend sei der Zugang zu den ortsansässigen Werkstätten und Prozessen gewesen. „Dabei hatten wir zunächst alle die Angst, zu scheitern“, erinnert sich Michael Konstantin Wolke. Schließlich habe man Erfahrungen und Fehlschläge, die in der gewohnten Umgebung in Deutschland üblicherweise binnen eines halben Jahres zusammengekommen wären, sehr intensiv innerhalb von zwei Wochen erlebt. Trotz Vorbereitung holte die zielorientierten Designer aus Deutschland rasch die Istanbuler Wirklichkeit ein. Arbeit wird bei den dortigen Handwerkern als homogener Bestandteil des Lebens gesehen. Wolke: „Man trinkt einen Tee und raucht eine Zigarette, wenn es an der Zeit scheint, nicht wenn ein Zeitplan eine Pause vorschreibt“. Klingt nach romantischer Handwerkertradition, ist es auch, ist aber zugleich eine enorme Herausforderung für zeitoptimierte Zentraleuropäer.
Auch bei der Kalkulation der Kosten war für die Designer Umdenken notwendig. Jonathan Radetz: „Meine Vorstellung war, den benötigten Handwerker für eine feste Zeitspanne zu buchen und mit ihm zu experimentieren.“ Keine Chance. Der Handwerker nimmt die Aufgabenstellung an, arbeitet daran, sofort und andauernd oder nach Tee und Raki erst übermorgen wieder. Wenn das Produkt schließlich umgesetzt ist, werden die Kosten benannt, das Feilschen kann beginnen. Allein aufgrund der Arbeitsweise müssen die vorgedachten Produkte ständig hinterfragt und angepasst werden. Hier halfen die tägliche Diskussion und das kollegiale Feedback der Gruppe am großen Küchentisch im angemieteten Appartement.
Laura Jungmann war mit der Vorstellung angereist, intensiv mit einem Metalldrücker zu experimentieren und neue Ansätze für die Herstellung von Gefäßen zu finden. „Ich wollte in die Herstellungsprozesse eingreifen, aber der Handwerker hatte Angst um seine Maschinen. Experiment im Handwerk ist schwierig“, so Jungmann. Erfahrungen, die auch Dorothee Mainka gemacht hat. „Man darf nicht die Erwartung haben, dass eine Zeichnung einfach 1:1 realisiert wird.“ Die Kommunikation mit den Handwerkern sei entscheidend. Das Einlassen auf die vorgefundenen Prozesse und den Ort, das war vielleicht die weitreichendste Erfahrung, die die jungen Designer aus Deutschland am Bosporus gemacht haben. Doro Mainka: „Ich bin offen geworden für andere Entwurfsprozesse.“
Während die Präsentation im Ehrenfelder Bunker die konzeptionelle Seite des Projektes in den Vordergrund rückte, stellten die Designer im Rahmen des imm-Formats Pure Talents jeweils ein Produkt aus Istanbul einer älteren Arbeit gegenüber. So wurden persönliche Entwicklungen sichtbar und erste Entwurfslinien deutlich. Bei Laura Jungmann beispielsweise der experimentelle Umgang mit Gefäßen. Neben ihrem erfolgreichen Label SameSame, das umgestaltete Glasbehälter vertreibt, stehen nun Schalen und Becher, die ihren Reiz aus der Überlagerung von drei Metallschichten ziehen. Bei der Suche nach neuen Formen lässt Jonathan Radetz sich stark von äußeren Einflüssen inspirieren. Mit einem Aufnahmegerät zog er zehn Tage durch das Istanbuler Viertel und nutzte die Hüllkurven der Soundfiles zur Definition der Silhouetten seiner Leuchtenobjekte aus Draht. Ähnlich ging er bereits im Vorjahr bei einem Teppich aus Schurwolle und Seide vor. Die Draufsicht und das Höhenrelief einer Bergkette in Nepal lieferte die dreidimensionale Vorlage für die Teppichknüpfer. Für Pierre Kracht ist die Suche nach dem Neuen eng mit seiner Arbeit in Istanbul verbunden. „Das gemeinsame Arbeiten in der Gruppe und mit den traditionellen Handwerkern vor Ort hat uns dann die konzeptionelle Klammer für die Ausstellungen gegeben.“
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