Stories

Studio Formafantasma: Fragen statt Formen

Tradition, Handwerk, Kontext, Relevanz: Studio Formafantasma machen Design mit Anspruch.

von Jörg Zimmermann, 10.10.2013

Sofort fällt ins Auge, mit welcher Präzision die Arbeiten von Studio Formafantasma ausgeführt sind, wie perfekt jedes Detail gestaltet ist. Natürliche Materialien und auch solche, die geschickt ihre Künstlichkeit unter einer natürlichen Anmutung verbergen, sind verarbeitet zu Vasen, Schalen, Leuchten, Hockern. Bisweilen wundersam und verspielt in der Wirkung, doch die Funktion der einzelnen Stücke ist stets offenkundig. Die Formensprache wirkt einen Moment ungewohnt, sperrig und beunruhigend, und zugleich wieder seltsam vertraut. Bekannte Kategorien nutzend, würde man wohl an Kunsthandwerk denken, aber so einfach ist die Lage nicht. Denn Experten sind sich einig: Simone Farresin und Andrea Trimarchi machen Design.

Schluss also mit der Gewissheit der Kategorien? Braucht (Produkt-)Design eine neue Positionsbestimmung? Daran besteht kein Zweifel. Die allenthalben auftauchende Frage nach der Unterscheidung von Kunst und Design ist dabei noch die geringste Herausforderung. Denn für die jüngere Generation der Gestalter stellt sich diese Frage schlicht nicht. Mit großer Bestimmtheit reklamieren sie Kompetenz als Designer für sich. Design sei nicht gleich Kunst, „und wenn wir Kunst machen würden, würden wir ganz andere Methoden verwenden“, konstatiert Simone Farresin ohne Zögern. Mit ihren artifiziell anmutenden Entwürfen können Formafantasma als Stellvertreter gelten für die veränderte Denk- und Ausdrucksweise einer neuen Generation von Gestaltern.


Kontext ist alles
Schon die ersten veröffentlichten Arbeiten des italienischen Duos lassen die Unterschiede zum Industrie- und Produktdesign der Moderne und Postmoderne erkennen. Nicht die Ideen einer industriellen Fertigung stehen im Fokus, sondern die Kontextualisierung. Statt Formgebung bestimmen Fragestellungen die Arbeit. Im Projekt Moulding Tradition von 2009 forschen Formafantasma in der sizilianischen Geschichte, fragen nach Tradition und Politik. Sie rücken die bekannten Teste di Moro aus der folkloristischen Ecke ins Licht einer bis heute hoch aktuellen gesellschaftlichen Diskussion. Nicht länger werden Köpfe namenloser dunkelhäutiger Afrikaner auf den Keramikgefäßen dargestellt, bei Formafantasma zeigen die Abbildungen reale Personen. Menschen, die als Flüchtlinge nach Europa kamen. „Auf diese Weise ersetzen wir das Fiktionale aus der Geschichte durch ein reales Element, um beim Betrachter und Nutzer Fragen und eine Auseinandersetzung auszulösen.“

Zwei Italiener in Holland
Hier scheint sie auf, die gesellschaftliche Relevanz, die Design vielleicht haben könnte, von der im Bauhaus und in Ulm mehr geträumt als verwirklicht wurde. Bei Formafantasma ist der Wille zur kritischen Positionsbestimmung da, der Wunsch nach Auseinandersetzung durch und über die Formgebung hinaus. Simone Farresin: „Wir sind eigentlich mehr an Menschen interessiert als an Dingen.“ Im Studium habe man gelernt, die eigene Position durch das „Machen“ zu finden und auszudrücken. Nach dem Masterstudium an der Design Academy Eindhoven blieben die Italiener und eröffneten dort ihr Studio.

Unkompliziert und alltäglich
Auch Autarchy, eine Fortführung der Studien über Techniken und Traditionen auf Sizilien, ist mehr ein gesellschaftlicher Entwurf, vorgetragen durch eine ausdrucksstarke Gestaltung. Die Verbindung von Mensch und Natur, die Möglichkeit der Selbstversorgung, von eigenhändigem Anbau, Ernte und Verarbeitung. Formafantasma: Autarchy ist eine Hommage an das Unkomplizierte, das Einfache, das Alltägliche.“ Klingt eine Spur verklärt romantisch, doch die beiden meinen es ernst. Organische Formen und Oberflächen mit natürlicher Anmutungen legen bei Botanica zunächst eine falsche Spur. „Es ist unser Versuch, eine neue post-industrielle Ästhetik zu entwickeln“, sagen die Designer zu ihrer Beschäftigung mit Kunststoffen im Auftrag der italienischen Stiftung Plart. Einst galten die synthetischen Polymere als Material der Zukunft, mit dem absehbaren Ende der Ölreserven sind Alternativen gefragt. Formafantasma suchen in der Botanik und der Tierwelt nach möglichen Substituten. Harze, natürliche Polymere und Naturgummi bilden die Basis für die Vasen, Schalen und Gefäße, die in der Kombination mit Materialien wie Wolle, Keramik und Metall eine natürliche Ganzheit suggerieren. „Weltweit wird gerade das Wissen aus der Zeit vor der Öl-Ära als Ausgangspunkt für neue Ansätze entdeckt“, beobachten die Designer.
Besitz ist überbewertet
Sind es doch wieder die großen Ideen, die zählen? „Die demokratische Vorstellung von Design ist definitiv vorbei. Der Besitz von Produkten wird heutzutage deutlich überbewertet“, sagt Simone Farresin. Es stört ihn nicht, dass die Entwürfe von Formafantasma mit einigem Recht als Luxus-Objekte gewertet werden können. „Die Rolle von Design ändert sich. Nicht der Besitz, sondern die Nutzung der Produkte ist entscheidend.“ Es gehe um die Rezeption und den Umgang mit den Dingen. Für Fendi haben Formafantasma im Projekt Craftica mit Leder gearbeitet. „Ein Material, das auf vielfältige Weise die Beziehung zwischen Mensch und Natur repräsentiert.“ Die Designer haben Lederreste aus der Produktion von Fendi verwendet, aber auch Fischhäute, Korkleder und Schweinsblasen. So tragen die Hocker Texturen aus Fischschuppen, Schwämme dienen als Polster, Flüssigkeiten werden in Beuteln aus Fischhaut aufbewahrt. Craftica ist hoch ästhetischer Ausdruck von archaischen Ritualen, von Wohnen, Trinken, Essen. Die Objekte allesamt auf hohem handwerklichen Niveau gefertigt, aber eben doch Einzelstücke.

Noch nicht bereit für die große Zahl

Simone Farresin: „Wir werden auch von Unternehmen angefragt, für größere Stückzahlen zu entwerfen. Doch dafür fühlen wir uns noch nicht ganz bereitet.“ Das Studio sei klein und zunächst wolle man noch mehr lernen über Fertigungstechniken und Produktionsmethoden, aktuelle und längst vergessene. Und Fragen stellen, einen offenen Dialog mit den Firmen eingehen. Der eigene Anspruch ist hoch. „Durch die industrielle Fertigung sind wir von den Produkten entkoppelt. Auch deshalb erlebt das Handwerk zurzeit ein großes Revival.“ Wohl auch, weil das Duo sich dem Üblichen verweigert, schaut die Fachwelt genauer hin. Designkritikerin Alice Rawsthorn und Paola Antonelli, Designkuratorin des MoMA in New York, bezeichneten Formafantasma 2011 als das vielversprechendste Nachwuchsdesignstudio.

Ein neues Biedermeier?
Im Geymüllerschlössel, einer Außenstelle des MAK in Wien, haben Simone Farresin und Andrea Trimarchi nun ihre erste Soloausstellung. Museale Weihen vor der harten Erfahrung der industriellen Wirklichkeit? Simone Farresin: „Durch die Ausstellung haben wir gelernt, unsere Arbeit in einem größeren Kontext zu betrachtet. Die Herausforderung hier war, die Objekte in die bestehende Ausstellung zu integrieren.“ Die Intervention The Stranger Within zeigt nicht nur eine Vielzahl von Objekten aus früheren Projekten, sondern auch neue Arbeiten, die speziell als Reaktion auf die Räume und die ständigen Exponate im Geymüllerschlössel entstanden sind. „So wie die naturerforschende Ära des Biedermeier von der industriellen Revolution, wird die derzeitige digitale Moderne von der Suche nach alternativen Rohstoffen und Fertigungstechniken sowie von einer neuen Sinnlichkeit der Produkte begleitet“, sagt Kurator Thomas Geisler. Studio Formafantasma stecken mittendrin in diesem Forschungsprojekt.

Die Ausstellung im Wiener Geymüllerschlössel läuft bis zum 1. Dezember 2013 und ist nur am Wochenende (Sa/So) geöffnet.

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Links

Studio Formafantasma

MAK – Österreichisches Museum für angewandte Kunst / Gegenwartskunst

www.mak.at

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