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Werksbesuch: Archaik und Hightech

Hier geht es zu wie in einem alchemistischen Labor. In Reggio Emilia strebt die Tradition gebrannter Erde in die Gegenwart.

von Norman Kietzmann, 05.02.2018

Feuer, Erde, Sand: In den Fabriken der Keramikhersteller geht es zu wie in einem alchemistischen Labor – und an einigen Stellen sogar wie in einer Nudelküche. Ein Besuch in Reggio Emilia, einer Region, in der die Tradition gebrannter Erde in die Gegenwart strebt.

Fliesen haben viele Gesichter. Sie können zurückhaltend elegant sein oder mit überbordendem Dekor auftrumpfen. Einmal gebrannt, halten sie Feuer, Kälte und Nässe stand – und sind auf vielfältige Weise einsetzbar. Bereits im Mittelalter und in der Renaissance galt die italienische Stadt Faenza als ein bedeutendes Keramikzentrum, das luxuriöse Raumausstattungen für die Paläste der Medici ebenso lieferte wie dekorative Gebrauchskeramik.

Fayence, so die französische Ableitung des Städtenamens, wird in vielen Ländern noch immer als Synonym für glasierte Tonware verwendet. Das Zentrum der italienischen Keramikproduktion liegt auch heute noch in der Region Reggio Emilia. Der Standort ist allerdings im frühen 20. Jahrhundert rund 80 Kilometer weiter nach Westen gewandert. Im Umland der Kleinstadt Sassuolo wurde der Wechsel vom Handwerk zur Industrie vollzogen – mit teils rasantem Wachstum. 40 Prozent der weltweiten Fliesenproduktion wurden dort zwischenzeitlich umgesetzt. Bis heute haben 80 Unternehmen mit 15.000 Beschäftigten ihren Sitz vor Ort, die zusammen rund vier Fünftel aller italienischen Fliesen produzieren: 2016 waren es 414,5 Millionen Quadratmeter, rund 60.000 Fußballfelder, von denen 85 Prozent ins Ausland exportiert wurden. Damit ist Sassuolo auch der passende Standort für den Verband der italienischen Fliesenhersteller, Confindustria Ceramica, der seine Mitglieder unter der Marke Ceramics of Italy weltweit vertritt.

Archaik und Hightech gehen bei der Herstellung Hand in Hand. Verschiedene Tonarten werden mit Quarzsand, Feldspat, Schamotte, Farbstoffen und mineralischen Zusätzen vermischt. Die Ingredienzien werden in den Lagern der Fabriken zu hohen Bergen aufgeschichtet, die an miniaturisierte Alpenkulissen denken lassen. Bagger fahren in dieser unwirtlichen Landschaft umher und transportieren die Pulver zum Ort ihrer weiteren Verarbeitung: riesigen Metallmischern, die gemächlich ihre Runden drehen und mit grummelnden und schmalzenden Geräuschen den Raum erfüllen.

Unzählige Rohre und Schläuche bahnen sich an den Decken und Wänden der Hallen ihren Weg und münden schließlich in riesigen Tanks, wo das Gemisch mit Wasser vermengt wird. Im Anschluss wird die Masse zu einem Strang gepresst, von dem einzelne Platten abgeschnitten werden. Die Keramikplatten wandern auf automatischen Bändern weiter, bis sie in Form gepresst, getrocknet und anschließend bei 1.200 Grad Celsius gebrannt werden.

Nicht alle Fliesen erhalten eine Glasur wie die früheren Faenza-Keramiken. An Fassaden kommen in erster Linie unglasierte Platten zum Einsatz, die bei vielen Unternehmen in der Region mehr als zwei Drittel der Produktion ausmachen. Bevor die Fliesen mit selbstfahrenden Robotern zur Packstation transportiert werden, durchlaufen sie die Qualitätskontrolle. Pressen üben fast eine Tonne Druck auf jede einzelne Platte aus – genug, um sie schon bei kleinsten Rissen brechen zu lassen. Per Laserstrahl wird die Ebenheit der Oberflächen untersucht, damit selbst riesige Fassadenflächen ohne störende Wölbungen verkleidet werden können. Neue Wege werden keineswegs nur mit selbstreinigenden Oberflächen beschritten, für die viele der Unternehmen der Marke Ceramics of Italy mit Mikrobiologen der Universität Modena zusammenarbeiten. Auch an anderer Stelle stehen die Zeichen auf Veränderung. Statt mit glatten, abweisenden Oberflächen können Keramikfliesen ebenso mit Holz-, Marmor- oder Betontexturen aufwarten oder gar die Anmutung von Stoffen erzeugen. Vor dem Brennprozess durchlaufen die Fliesen mehrstufige Pressen und Färbestationen, wo die Platten ihr späteres „Gesicht“ erhalten und durch betont dreidimensionale Strukturen an Haptik und Sinnlichkeit gewinnen.

Eine wichtige Rolle spielt die Loslösung vom klassischen Rechteckformat. Viele Neuheiten auf der Cersaie, der alljährlich im nahe gelegenen Bologna ausgerichteten internationalen Messe für Baukeramik und Badezimmerausstattung, zeigen hexagonale, runde und andere Formen. Die neuen Zuschnitte erlauben eine Vielzahl an Kombinationen, die frischen Wind an Wand und Boden bringen. Die Branche blickt auch an anderer Stelle längst über den Tellerrand hinaus: Das Unternehmen Ricchetti ist eine Kooperation mit dem Modehaus Roberto Cavalli eingegangen, um sich mit opulenten Dekoren eine neue Zielgruppe zu erschließen. Marazzi arbeitet lieber mit den puristischen Mailänder Gestaltern Antonio Citterio und Patricia Viel zusammen. Casalgrande Padana bündelt Kräfte mit dem Designstudio Pininfarina, das neben PS-starken Schönheiten längst Innenarchitekturen aus dem Ärmel schüttelt.

Welch wichtige Rolle der Austausch mit den Architekten spielt, ist unweit des Firmensitzes von Casalgrande Padana zu sehen. Die Mittelinseln zweier Kreisverkehre sind von Kengo Kuma und Daniel Libeskind gestaltet worden, deren Entwürfe kaum gegensätzlicher sein könnten. Die CCCloud von Kengo Kuma ist eine 45 Meter lange und sieben Meter hohe Wand aus weißen Keramikplatten, die inmitten einer künstlichen Wasserfläche mit einem Grund aus weißen Kieselsteinen ruht. Die offene Struktur der Wand erlaubt unzählige Durchblicke, die je nach Perspektive des Betrachters variieren und im Zusammenspiel mit der Geschwindigkeit der vorbeifahrenden Autos einen dynamischen Effekt erzeugen.

Nur wenige Kilometer weiter zieht The Crown von Daniel Libeskind die Blicke auf sich. Das 17 Meter hohe Monument schraubt sich wie eine gezackte Spirale in die Höhe. Die 28 Innen- und Außenflächen sind mit silbrig schimmernden Keramikfliesen aus der Serie Fractile verkleidet, die ebenfalls von Libeskind entworfen wurden und auch bei anderen Projekten wie dem jüngst in Berlin fertiggestellten Apartmentgebäude Sapphire Verwendung finden. Feuer, Erde, Sand: Was in den Keramikfabriken von Sassuolo gebrannt wird, hinterlässt nicht nur ein Zeichen in der Region, sondern in der Welt.

Links

Ceramics of Italy

www.ceramica.info

Fotograf

Nicoló Lanfranchi

www.nicolanfranchi.com

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