Von Pariser Salons über die Schweiz bis nach Helsinki: Die Geschichte des Streifenstoffs, der später zu Arteks Markenzeichen wurde, führt durch Mode und Möbelgestaltung der Moderne. Dabei gerät auch eine lange verbreitete Zuschreibung ans Bauhaus ins Wanken.
Ein Zebramuster auf finnischem Bugholz: Was heute als unverwechselbare Kombination gilt, hat seinen Ursprung in zwei unterschiedlichen Gestaltungswelten. Der Stoff stammt aus dem Umfeld der französischen Mode und des Art déco, die Möbel aus der skandinavischen Moderne. In den 1930er-Jahren fanden sie zusammen. Mit der neuen braun-weißen Farbvariante interpretiert Artek diese Verbindung nun erstmals farblich neu. Wie der Stoff einst seinen Weg nach Helsinki fand, hat die Berliner Künstlerin und Designforscherin Judith Raum in ihrem Essay Tracing the origins of Artek’s Zebra untersucht.
Von Paris in die Moderne
In den Zwanzigerjahren waren exotische Tierfelle in der europäischen Mode und Innenraumgestaltung begehrt. Zebrafelle dienten als Teppiche, schmückten elegante Salons und bildeten die Kulisse für Modefotografien. Die Vorliebe für solche Materialien war eng mit dem kolonial geprägten Blick Europas auf Afrika verbunden. Zugleich entsprach das kontrastreiche Streifenmuster dem Formempfinden des Art déco, das expressive Ornamente und grafische Kompositionen bevorzugte.
Auch als gewebter Möbelstoff fand das Motiv bald Verwendung. Einen frühen Nachweis dokumentiert Judith Raum in ihrer Untersuchung zur Geschichte des Artek-Textils. Auf dem Pariser Salon d’Automne von 1929 präsentierte der französische Gestalter Michel Dufet zwei Polstersessel mit einem Stoff, dessen Streifen bereits dem späteren Zebra von Artek entsprachen. Wer das Muster ursprünglich entwarf, ist bis heute unbekannt.
Ein Umweg über die Schweiz
Von Frankreich aus gelangte das Textil Anfang der Dreißigerjahre in die Schweiz. Dort gehörte es zum Sortiment des Einrichtungshauses Wohnbedarf AG, das 1931 unter Beteiligung des Architekturhistorikers Sigfried Giedion gegründet worden war. Das Unternehmen wollte moderne Möbelentwürfe einem breiteren Publikum zugänglich machen und arbeitete von Beginn an mit Alvar Aalto zusammen. Bereits 1934 bot Wohnbedarf gepolsterte Sessel und Hocker des finnischen Architekten mit Zebramuster an. Der Stoff war also schon mit Aaltos Möbeln verbunden, bevor er Teil der Artek-Kollektion wurde. Auch ein Aluminiumsessel von Marcel Breuer für den Schweizer Hersteller Embru war mit dem Streifenstoff bezogen.
1935 begegnete Aino Aalto dem Textil auf einer Reise durch Paris und Zürich. Die Architektin und Designerin hielt ihre Entdeckungen in einem Notizbuch fest, darunter auch einen Hinweis auf dessen Herkunft: Es stamme aus Lyon, damals einem bedeutenden Zentrum der französischen Jacquardweberei. Welcher Betrieb den Stoff tatsächlich herstellte, ließ sich bislang nicht klären. Aino Aalto bestellte das Gewebe nach Helsinki. Als Artek im März 1936 sein erstes Geschäft in der Fabianinkatu eröffnete, waren dort bereits Möbel mit Zebrapolsterung zu sehen. Seitdem ist das Textil durchgehend Teil der Kollektion.
Ein Bauhaus-Rätsel
Lange Zeit wurde das Muster der Textilgestalterin Otti Berger zugeschrieben. Die am Bauhaus ausgebildete Weberin hatte ab 1933 für Wohnbedarf eine eigene Kollektion von Vorhang-, Wandbespannungs- und Möbelstoffen entwickelt.
Judith Raums Recherchen sprechen jedoch gegen Bergers Urheberschaft. Schließlich lässt sich das Zebramuster bereits Ende der Zwanzigerjahre in Frankreich nachweisen, mehrere Jahre vor Beginn ihrer Zusammenarbeit mit Wohnbedarf. Möglicherweise entstand die Verwechslung durch Aino Aaltos Reisenotizen, in denen sowohl das Zebra-Textil als auch Bergers Stoffe erwähnt werden.
Berger entwickelte für Wohnbedarf tatsächlich einen schwarz-weißen Möbelstoff, dessen Erscheinungsbild gewisse Ähnlichkeiten aufweist. Ihr Entwurf beruhte jedoch auf einer wesentlich kleinteiligeren Webstruktur. Ob sie an einer späteren Weiterentwicklung des Zebramusters beteiligt war, bleibt offen.
Zwischen Ornament und organischer Form
Warum aber harmoniert ausgerechnet dieses auffällige Muster so gut mit Aaltos Möbeln? Eine mögliche Erklärung liegt im Zusammenspiel von Kontrast und Unregelmäßigkeit. Die schwarzen und weißen Streifen folgen keinem streng geometrischen Raster. Ihre geschwungenen Verläufe erinnern an natürliche Strukturen und bilden damit eine Verbindung zu Aaltos Formensprache, in der organische Linien und industriell gefertigte Bauteile zusammenfinden.
Besonders deutlich wird das beim 1936 entworfenen Sessel 400, der wegen seiner breiten, geschwungenen Armlehnen auch den Spitznamen „Tank“ trägt. Die markante Polsterung setzt einen lebhaften Kontrapunkt zur Konstruktion aus gebogenem Holz. Entscheidend ist auch die textile Umsetzung. Die Streifen eines echten Zebrafells sind für kleinere Möbelstücke zu großformatig. Als gewebtes Muster lassen sie sich dagegen in einem geeigneten Maßstab wiedergeben. Die doppelte Jacquardwebtechnik ermöglicht komplexe Linienverläufe und eine strapazierfähige, strukturierte Oberfläche. So kommt Zebra nicht nur auf einem ausladenden Sessel, sondern ebenso auf der runden Sitzfläche des Hockers 60 zur Geltung.
Ein Klassiker in neuen Farben
Ganz unverändert ist das Textil über die Jahrzehnte nicht geblieben. Die ursprüngliche Webware besaß eine unruhigere Oberfläche, bei der helle Fäden auch innerhalb der schwarzen Streifen sichtbar waren. Die heutige Ausführung geht auf eine Weiterentwicklung aus den frühen Sechzigerjahren zurück. Durch eine zweifarbige Kette erscheinen die dunklen Partien geschlossener, während eine feine Rippenstruktur an den historischen Stoff erinnert.
Seit 1996 wird Zebra vom deutschen Textilhersteller Krall+Roth gefertigt. Der Wollanteil in den dunklen Streifen verleiht dem Gewebe zusätzliche Farbtiefe und eine weiche Haptik. Die heutige Ausführung ist somit keine originalgetreue Reproduktion, sondern eine Weiterentwicklung des historischen Textils.
Mit der neuen Variante in Braun und Weiß erweitert Artek erstmals die Farbpalette des Klassikers. An die Stelle des starken Schwarz-Weiß-Kontrasts tritt eine wärmere, weichere Farbkombination. Die charakteristischen Streifen bleiben erhalten, wirken jedoch weniger plakativ und lassen sich mit unterschiedlichen Holzarten und Einrichtungskonzepten kombinieren. Beide Ausführungen sind für gepolsterte Möbel und Accessoires wie Kissen oder Taschen erhältlich.
Begleitet wird die Einführung von einer Capsule Collection, die das neue Farbschema aufgreift. Der niedrige Tisch 90D von Alvar Aalto sowie der Zeitschriften- und Kaminholzständer Kanto werden mit einer Nussbaumbeize angeboten. Hinzu kommen zwei Pendelleuchten von Alvar Aalto: die A330S „Golden Bell“ und die A110 „Hand Grenade“, die in einer limitierten Edition in Ziegelrot erscheinen. Der Farbton stammt aus dem Archiv des Herstellers und setzt einen warmen Akzent zu den braun-weißen Textilien.
So zeigt sich Zebra auch nach mehr als neun Jahrzehnten wandlungsfähig. Das Muster verbindet die dekorative Ausdruckskraft des Art déco mit der organischen Formensprache der Moderne. Mit der neuen Farbvariante schreibt Artek diese Geschichte fort – und erinnert zugleich daran, wie international die Einflüsse des skandinavischen Designs sind.
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