Design in Berlin bekommt eine Bühne
Unsere Highlights für Currents und die Berlin Art Week
80 Aussteller, drei Tage, parallel dazu die Art Week: Die neue Plattform Currents für Produkt- und Interiordesign feiert im September Premiere und gibt der Berliner Szene endlich einen gemeinsamen Rahmen. Wir verraten Ihnen, welche Orte Sie auf jeden Fall besuchen sollten.
Berlin hat eine lebendige, international vernetzte Gestaltungsszene. Nur hat sie bisher selten gemeinsam auf sich aufmerksam gemacht. Wer im vergangenen Jahr während der Art Week Möbel, Objekte oder Materialexperimente sehen wollte, musste sie sich zwischen den Kunstadressen zusammensuchen. Es gab gute Ausstellungen, aber sie blieben Einzelfälle, ohne gemeinsamen Rahmen und ohne die Sichtbarkeit, die der Disziplin zusteht.
Genau diese Lücke schließt in diesem Jahr Currents. Design in Berlin. Vom 10. bis 12. September rückt die von den Journalistinnen Jasmin Jouhar und Laura Ewert initiierte Plattform die Berliner Produkt- und Interiorszene erstmals gebündelt in den Fokus. Parallel dazu bringt die Berlin Art Week vom 9. bis 13. September zum fünfzehnten Mal Museen, Galerien, Privatsammlungen und Projekträume in der ganzen Stadt zusammen.
Dass das Design nun einen eigenen Rahmen bekommt, ist ein überfälliger Schritt. Ob am Ende genügend Aufmerksamkeit bei den rund 80 teilnehmenden Ausstellern ankommt, wenn zeitgleich die Kunst mit ebenso vielen Adressen lockt, wird sich zeigen. Ein Grund mehr, sich die Route vorher zurechtzulegen: Wir haben aus dem dichten Programm die Stationen ausgewählt, die sich aus unserer Sicht besonders lohnen.
The Overview Effect in den Wilhelm Hallen
Schon am 4. September eröffnet The Foundry by Bocci in den Wilhelm Hallen die von Anna Carnick kuratierte Schau The Overview Effect. Ausgangspunkt ist jener Perspektivwechsel, den Astronaut*innen beim Blick auf die Erde aus dem All erleben. Arbeiten von Virginia San Fratello, Fernando Laposse, Tara Sakhi, Chmara Rosinke und we+ loten das Verhältnis von Design, Natur und einer gemeinsamen planetaren Zukunft aus. Meyers & Fügmann haben für The Global Mélange: Interwoven Latitudes mit Rohmaterialien und Verschnitt von Bolon gearbeitet. Im Bolon-Showroom sind zudem zwei Entwürfe von Martino Gamper zu sehen, die zuvor in Mailand gezeigt wurden.
Currents Agenda und Currents Bar im Eternithaus
Im denkmalgeschützten Eternithaus im Hansaviertel bündelt das Festival abends seinen Diskurs. Das Talkformat Currents Agenda stellt täglich eine Zukunftsfrage der Szene, von „Berlin – the lost creative capital?“ über eigenständiges Unternehmertum („When Designers build brands“) bis zur Zukunft der Designausbildung. Im Anschluss öffnet jeweils die Currents Bar als zentraler Treffpunkt.
Mono und die UdK Berlin im Eternithaus
Ebenfalls im Eternithaus zeigt Mono das Ergebnis der neuen Mono Summer Residency, eines gemeinsam mit der UdK Berlin initiierten Projekts. Ausgangspunkt ist ein Kurs zu Design und sozialem Kontext, den Johannes Seibel vom Mono Studio Berlin im Frühjahr 2026 als externer Gastberater begleitete. Die UdK-Studierenden Garance Pröbsting und Jan Cichon haben einen Pop-up-Stand entworfen und realisiert, an dem Pommes und Eis während des Festivals serviert werden. Zugleich soll dort erstmals ein neues Mono-Produkt präsentiert werden, das der UdK-Student Oskar Poetsch gestaltet hat.
Soft Commons der Weißensee Kunsthochschule in Dahlem
Abseits des zentralen Trubels zeigt das Fachgebiet Textil- und Materialdesign der Weißensee Kunsthochschule Berlin im Forschungscampus Dahlem die Ausstellung Soft Commons. Essi Johanna Glomb und Katrin Steiger haben eine Auswahl kuratiert, die Textilien als soziale Infrastruktur begreift. Von Materialexperimenten bis zu Performances wird erfahrbar, wie textile Praxis Gemeinschaft stiften und öffentliche Räume aktivieren kann.
Wohnen als Ausstellungsraum am Tacheles in Mitte
Wo nach der Wende Kunst und Subkultur ein Zuhause fanden, ist auf dem Tacheles-Areal in Mitte ein Quartier mit Apartments und Townhouses entstanden. Während des Festivals werden einzelne Wohnungen zu temporären Bühnen. e15 kombiniert für Interior Dialogues eigene Möbel mit Accessoires von Andreas Murkudis und Arbeiten der Galerie Mehdi Chouakri. Maj van der Linden versammelt unter Narratives of Making materialbasierte Positionen zwischen Kunst, Handwerk und funktionalem Objekt. In einem Townhouse von Herzog & de Meuron zeigt Reuber Henning erstmals in Deutschland die handgeknüpfte Teppichkollektion ONO: Die von Studio Mara kuratierte Präsentation untersucht gemeinsam mit Studio Vogel das Zusammenspiel von Material, Form und Raum. Loehr zeigt mit Marek Polewski unter dem Titel Himmel über Berlin zwölf Stühle in einem eigens von Kolors entwickelten Farbton, in Szene gesetzt von Wastberg+ lighting.
15 Positionen in der Jalousiefabrik in Kreuzberg
Bevor Sanierung und Umbau der Jalousiefabrik beginnen, öffnet das Gründerzeitgebäude in der Pücklerstraße 24 noch einmal seine Türen. 15 Designlabels bespielen die alte Bausubstanz. Darunter Studio Llot Llov, das zum 20-jährigen Bestehen neue Entwürfe präsentiert, die Handwerkstechniken wie Makramee oder Stricken ins Zeitgenössische übersetzen. Und Pascal Hien gibt gemeinsam mit Tecta unter dem Titel Erlkönig – Design in Process Einblick in Prototypen neuer Polstermöbel und damit in eine ressourcenschonende Entwicklung.
Pflanzgefäße von Bruzkus Greenberg bei Marsano
Im Blumenladen Marsano stellt das Architekturbüro Bruzkus Greenberg seine modulare Pflanzgefäßserie brut vor, entstanden in Zusammenarbeit mit dem Betonatelier Gravelli. Der Name ist Programm: Die Entwürfe sind schwer, kubisch, monolithisch. Im Kontrast zu den üppigen Pflanzen wird die nahezu skulpturale Materialität erst richtig sichtbar. Ein guter Anlass, den Besuch mit einem Blumeneinkauf zu verbinden.
Follow the White Rabbit in der Galerie Nothelfer
An der Schnittstelle von Collectible Design und zeitgenössischer Kunst befragt die Gruppenausstellung Follow the White Rabbit mit surrealen, hybriden Objekten unsere Wahrnehmung. Gisbert Pöppler zeigt tischartige Bildträger aus silbernem Metall, Heike Buchfelder gefaltete Lichtobjekte. Die Grenzen zwischen funktionaler Gestaltung, abstrakter Malerei und humorvoller Materialstudie verschwimmen.
Liquid Resonance von Analog Glass und AOIRO in Lichtenberg
Etwas ab vom Schuss, aber immer einen Besuch wert ist San Gimignano in Lichtenberg. Analog Glass und AOIRO zeigen dort mit Liquid Resonance eine Rauminstallation für mehrere Sinne. Die glatten Glaskörper von Analog wecken den Drang, sie zu berühren und den erstarrten Moment der Bewegung nachzuvollziehen. Der darin eingefangene und freigesetzte Duft von AOIRO entfaltet sich in der Luft. Ein haptisches und olfaktorisches Zusammenspiel, das Bewegung, Form und Geruch im Raum erfahrbar macht.
Marble Shaping Space von Gonzalez Haase AAS in Mitte
Gonzalez Haase AAS zeigt gemeinsam mit dem Münchener Designstudio Marbledworks Möbel und räumliche Objekte aus Marmor bei OUVERTURE in Berlin-Mitte. Die von Judith Haase und Pierre Jorge Gonzalez kuratierte Ausstellung Marble Shaping Space versammelt Arbeiten aus der Reihe Spatial Objects, die Materialität, Nutzung und räumliche Wirkung verbinden. Zu sehen ist auch der neue modulare Baton Wardrobe aus Edelstahl, schwarz lasierter Eiche und Marmor.
Urban Tissue von Thilo Reich in der Bauakademie
Im Roten Saal der Bundesstiftung Bauakademie und auf dem umliegenden Gelände zeigt Thilo Reich mit Urban Tissue skulpturale Arbeiten, die urbane Oberflächen als Träger von Erinnerung lesen. Mithilfe von Silikonabformungen nimmt der Designer Spuren von Asphalt, Pflaster und anderen Bodenflächen auf, die durch Gebrauch, Witterung und Reparaturen entstanden sind. In Aluminiumgüsse übersetzt, werden aus den sonst übersehenen Strukturen reliefartige Objekte sowie Möbel. Urban Tissue versteht die Stadt damit als materielles Archiv von Zeit, Veränderung und menschlicher Präsenz.
Currents
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