Design 2006-2026
Eine Stilgeschichte der letzten zwanzig Jahre
Im Design geht es immer auf und ab: Phasen der Opulenz und Ernüchterung wechseln sich ab, häufig laufen sie parallel zueinander. Doch welche Entwicklungen überdauern den Moment und prägen den Zeitgeist nachhaltig? Die wichtigsten Tendenzen der letzten 20 Jahre im Überblick.
„Es gibt schon seit Jahren keine Trends mehr, weil jeder und alles für sich selbst ein Trend ist“, bringt der Designer Roberto Palomba die Situation auf den Punkt. Jeder Farbe, jedem Material, aus dem sich ein Trend destillieren ließe, stehen heute tausende Gegenbeispiele entgegen. Und doch gibt es Entwicklungen der Jahre 2006 bis 2026 – seit der Gründung von BauNetz interior|design – die herausstechen und bis heute nachwirken.
2000er-Jahre
Super Normal
Super Normal hieß die Ausstellung, die Jasper Morrison und Naoto Fukasawa im Sommer 2006 in Tokio präsentierten. Es war ein Manifest für die normalen, einfachen Objekte des täglichen Gebrauchs, bei denen die Namen der Gestalter*innen oft unbekannt bleiben. Aspekte wie Schönheit oder Geschmack sollten nicht ausgeschlossen werden, genossen aber keine oberste Priorität. Es ging um die Selbstverständlichkeit des Gebrauchs. Super Normal skizzierte eine Welt, in der die leisen Dinge das laute, um Aufmerksamkeit ringende Design ersetzen. Man könnte diese Auffassung auch als eine Art Antidesign interpretieren. Gestaltung wird weniger auf einer visuellen als vielmehr auf einer unterbewussten Ebene wahrgenommen.
Mut zum Schnörkel
Natürlich ließ die Gegenantwort zu „Super Normal“ nicht lange auf sich warten: Marcel Wanders propagierte parallel den Neobarock. Laute, ornamentale Dekore bestimmten das Wohnen, gerne wurden sie auf vielfältige Weise miteinander kombiniert. Möbel und Leuchten warteten mit narrativen Qualitäten auf. Das Wohnen wurde zur Bühne.
Hybride
Das Designstudio Front verwandelte für Moooi Pferdeskulpturen in Lebensgröße in Leuchten. Die Campana-Brüder schufen Sofas, die wie Gruppen von Krokodilen anmuten. Es sind hybride Wesen zwischen gestern und heute, zwischen Steinzeit und Techno. Die Natur wurde zum zentralen Thema. Neue Technologien durften dabei nicht fehlen: Der Bone Chair (2006) von Joris Laarman wurde durch ein Computer-Programm entwickelt, das Wachstumsprozesse von Knochen nachempfindet. Das Ergebnis hat er schließlich in Eisen gegossen. Analog, digital, neu und alt, alles findet zusammen.
Skandi-Chic
Die Finanzkrise von 2008 hat die Möbelbranche keineswegs nur wirtschaftlich getroffen. Sie hat auch auf stilistischer Ebene Spuren hinterlassen. Der Blick wanderte plötzlich hinauf in den hohen Norden. Nicht Memphis, sondern die skandinavischen Meister wie Wegner, Jacobsen oder Aalto dienten als Vorbilder. Viele neu gegründete Labels wie Hay, Muuto oder Ferm Living sicherten die Skandi-Dominanz. Selbst die italienischen Marken sprangen auf den Hygge-Hype auf, der Gemütlichkeit und Wärme propagierte. Vom Norden zu lernen, das galt plötzlich für alle. Das Ziel: Dem Design wieder Sinn zu geben. Weg vom schnellen Konsum hin zu einer neuen Fixierung auf Beständigkeit.
2010er-Jahre
Langlebigkeit
Zeitlosigkeit wurde zum neuen Zeitgeist, die Suche nach einer neuen Klassik. Das Dekorative ging zurück. Alle Designer*innen versuchten, aus ihrer Arbeit Archetypen zu destillieren, die dem Vergänglichen enthoben sein sollten. In diesem Zusammenhang wurde Marmor zum Material der Stunde. Er verkörpert schließlich Langlebigkeit par excellence. Nicht das Momenthafte, sondern die Ewigkeit wurde in dieser Zeit als Referenz gesehen. Ein wichtiger Impuls hierbei kam vom Marmorhersteller Marsotto Edizioni, der unter der Art-Direction von James Irvine das schwergewichtige Naturmaterial massiv für Stühle und Regale verwendete statt nur für Tischplatten. Es war der Beginn einer neuen Steinzeit. Und ein Plädoyer für eine radikale Nachhaltigkeit.
Re-Editionen
Das Wesen eines Klassikers ist nicht so sehr seine Form und noch weniger seine Materialität. Es ist seine Authentizität, die ihn von plumpen Retro-Nachahmungen unterscheidet und die ihn zu einem Stück Kultur macht. Klassiker sind nicht nur Gebrauchsgegenstände, sondern Spiegelbilder ihrer Zeit. Mehr noch: Sie haben bis heute Bestand, weil sie ihrer eigenen Zeit voraus waren. Nicht ohne Grund gewannen Re-Editionen, die bereits mit dem Prädikat des Klassikers werben konnten, in diesem Jahrzehnt an Boden. Die Neuauflagen machen die Designgeschichte lebendig. Die Entwürfe der großen Meister sind nicht nur im Museum zu bestaunen. Sie finden zunehmend ihren Weg zurück in den Alltag.
Handwerk
Authentizität zeigt sich auch in der Verarbeitung. Designer*innen wie Sebastian Herkner arbeiteten nun verstärkt mit Kunsthandwerker*innen zusammen, die in Teilen auch zu Ko-Autor*innen wurden. Die oft über Jahrhunderte von Generation zu Generation weitergegebenen Techniken wurden von den Gestalter*innen in ihre Arbeit integriert. Das Design feierte die Intelligenz der Hände. Im Gegensatz zu industriellen Verfahren sind die Produkte nicht identisch, sondern zeigen leichte Abweichungen. Das ist charmant, gibt ihnen Charakter. Und ein Stück weit macht es jedes Objekt zum Unikat, da keines dem anderen gleicht.
Outdoor
Fast alle großen Hersteller führten wetterfeste Kollektionen ein, die den Designanspruch des Wohnens hinaus ins Freie transportierten. Anfangs überwogen organische, naturnahe Formen mit einer Spur Exotik. Heute geht es um eine Kontinuität. Die Outdoor-Möbel sind von ihren Innenraum-Pendants nicht mehr zu unterscheiden, weder in der Haptik ihrer Bezüge noch in der Formensprache selbst. Garten und Terrasse werden als vollwertige Erweiterung des Wohnzimmers verstanden. Selbst Designklassiker werden als Draußen-Version neu aufgelegt und erobern so ein neues Territorium.
2020er-Jahre
Innere Werte
Der Fokus verlagert sich immer mehr auf das, was unter der Oberfläche passiert. Hier geht es um die innere Zusammensetzung von Möbeln und Leuchten, die sich leicht in ihre Einzelteile zerlegen lassen. Damit sind sie sowohl reparaturfähig als auch einfach zu recyceln. Produkte werden über ihre eigene Lebenszeit hinaus gedacht. Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit bestimmen die Entwurfsplanung. Bestes Beispiel ist das Sessel- und Sofaprogramm Costume (2021) von Stefan Diez für Magis. Auch werden immer häufiger recycelte Materialien verwendet, sei es Aluminium oder Kunststoffe. Die Innovation springt hier nicht sofort ins Auge. Sie passiert zum Großteil auf einer unsichtbaren Ebene.
Conversation Pits
Immer mehr Polstermöbelkonfigurationen folgen einer Geometrie, die auf die „Conversation Pits“ der Sechzigerjahre zurückgeht. Damals hatten die Architekt*innen der kalifornischen Moderne in den Boden abgesenkte Polstergruppen geplant. Diese werden heute in eine Form übersetzt, bei der nicht mehr ein gewaltiges Loch in den Boden gegraben werden muss. Die neuen Möbel stehen auf ihrem Untergrund. Ihre Geometrie ist jedoch geblieben: Große U- oder kreisförmige Konfigurationen, die den Blickkontakt der Sitzenden verstärken. Das Sofa ist nicht mehr auf den Fernseher ausgerichtet. Es geht um den sozialen Zusammenhalt, eine neue Gemeinschaft.
Eklektizismus
Alles ist erlaubt, alles darf miteinander kombiniert werden. Es gibt keine Regeln mehr. Die Installationen von Dimorestudio in Mailand haben es vorgemacht. Eine kuratierte Vintage-Welt, in der sich Strömungen und Stile überlagern. Das Ganze wird ergänzt um heutige Entwürfe, die wiederum selbst vom Vintage-Hype inspiriert sind. Nach wie vor sind Referenzen an die 1970er-Jahre sehr stark. Aber auch Anklänge an das Art déco dürfen nicht fehlen, das im vergangenen Jahr sein 100. Jubiläum gefeiert hat. Das Design zelebriert die Vielfalt. Das Widersprüchliche wird zum Prinzip.
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