Stapelweise Stauraum
Vor 18 Jahren feierte „Stack“ von Raw-Edges seine Premiere in Mailand
Mit „Stack“ gelang Raw-Edges 2008 der internationale Durchbruch: Es ist ein Schubladenmöbel, das stabil wirkt und sich doch in ein bewegtes, fast schwereloses Objekt verwandeln lässt. Established & Sons machte das Stück zum Klassiker – und legt nun mit „Side Stack“ nach.
Als eine „mittlere Sensation in der verwöhnten Designszene“ bezeichnete der Journalist Jan van Rossem den Schubladenschrank Stack, der auf der Mailänder Möbelmesse 2008 vorgestellt wurde – entworfen vom Designduo Raw-Edges und produziert vom britischen Möbelhersteller Established & Sons. Wobei die Bezeichnung Schubladenschrank irreführend ist, denn einen Schrank im herkömmlichen Sinne gibt es hier nicht. Vielmehr handelt es sich bei Stack um einen Stapel von aufeinandergeschichteten Schubladen, die scheinbar ohne Befestigung hin- und herbewegt werden können.
An und für sich war das Spiel mit aufgetürmten Schubladen keine neue Idee. Bereits 1981 hatte das Schweizer Designerpaar Susi und Ueli Berger den Schubladenstapel entwickelt. Ihr Entwurf schichtete sieben unterschiedlich große Schubladen, die gegeneinander verschoben und verdreht waren, aufeinander. Noch weiter trieb diese Idee 1991 der niederländische Designer Tejo Remy, Teil des legendären Kollektivs Droog Design: Bei seinem Möbelstück Chest of Drawers wurden kreuz und quer liegende Einzelschubladen scheinbar nur durch einen umlaufenden Gurt zusammengehalten.
Ergebnis langen Experimentierens
Stack dagegen wirkt sehr stabil, wenn alle Schubladen geschlossen sind. Dann meint man beinahe, eine herkömmliche Kommode vor sich zu haben. Erst, wenn einige der Schubladen geöffnet werden, gerät das Möbel in Bewegung und verwandelt sich in eine Art kinetisches Objekt. Der Geniestreich des Entwurfs: Anders als beim Schubladenstapel und bei Chest of Drawers steckt bei Stack nicht jede Schublade in einer eigenen Kassette. Die übereinandergestapelten Schubfächer können nach links und rechts aus dem „Stapel“ herausgezogen werden, ragen dann unterschiedlich weit in den Raum hinein. Selbst alle Schubladen können gleichzeitig geöffnet sein, ohne dass Stack aus der Balance gerät. Dann entsteht ein Möbel mit wild bewegter Silhouette, bei dem man an den Gesetzen der Physik zweifelt. An der Konstruktion dafür hat Shay Alkalay, die männliche Hälfte von Raw-Edges, lange getüftelt. Experimentelle Ansätze zählen zu den Markenzeichen des Duos. Der Trick besteht in einer unsichtbaren doppelten Rahmenkonstruktion, in der die Schubladen geführt werden und die dafür sorgt, dass Stack nicht das Gleichgewicht verliert.
Traumpaarung in der Designwelt
Wie stabil die Konstruktion ist, demonstrierte der Hersteller Established & Sons bei der Premiere im Rahmen des Salone del Mobile 2008 in Mailand. In der ehemaligen Sporthalle La Pelota in Brera war Stack als sechs Meter hohe Säule aufgebaut. Dass sich Established & Sons für Stack begeisterte, war für das noch weitgehend unbekannte Designstudio eine Art Ritterschlag. Die damals erst knapp fünf Jahre alte Marke hatte sich in Windeseile den Ruf erworben, eine erste Adresse für europäisches Design zu sein.
Stack bildete aber auch den Auftakt für einen stetig fortschreitenden Wandel des Unternehmens in den folgenden Jahren. Hatten anfänglich die beiden Grandes Dames der britischen Architektur Zaha Hadid und Amanda Levete mit ihren organischen Möbelentwürfen das Gesicht von Established & Sons geprägt, wurde das Portfolio zusehends „edgy“. Designer*innen wie Konstantin Grcic oder die Bouroullec-Brüder lieferten Entwürfe. Stack ist bis heute eine feste Größe im Programm des Labels geblieben. Aktuell ist das Möbel in zwei Höhen mit acht oder dreizehn Schubladen sowie in sieben Farbvarianten erhältlich. Und es hat nun – fast 20 Jahre nach seiner Premiere – ein kleines Geschwisterkind erhalten: Side Stack wurde 2026 auf dem Salone del Mobile der Öffentlichkeit präsentiert und hat genau die richtigen Abmessungen, um als Bürocontainer oder Nachttisch eingesetzt zu werden.
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