Arm, aber Design
Wie sich die Berliner Kreativszene internationalisiert
Wer Berlin abgeschrieben hat, kennt seine Designszene nicht. Inzwischen hat sie sich aus ihrem einstigen Nischendasein herausgearbeitet, kann international mithalten und ist von einer hohen Dynamik geprägt. Unangepasstheit, Experimentierfreude und ein cooles Laissez-faire haben hier noch immer ihren Platz.
Für jeden, der schon länger in der Hauptstadt lebt und die Designszene kennt, ist klar: Es bewegt sich etwas. Das hat nicht nur mit neuen Formaten wie Currents, Conceptional Biennale und DesignDays.Berlin zu tun, die in ihrer jeweiligen Ausrichtung unterschiedliche Facetten der Berliner Szene abbilden. Es liegt auch an den Kreativen selbst, die sich untereinander vernetzen, neue Kooperationen ausprobieren oder eigene Galerie- und Ausstellungsräume eröffnen.
Kreatives Sammelbecken
Schon oft gab es Versuche, übergreifende Designveranstaltungen in Berlin zu etablieren. Ältere Semester erinnern sich noch an Formate wie Designmai, DIY und Qubique, die beispielsweise die ehemaligen Hangars am Flughafen Tempelhof bespielten. Während die Messe Qubique nur ein einziges Mal stattfand (2011) und mit großen Möbelbrands eher kommerziell ausgerichtet war, war der DMY quasi der Antipode. Dort fanden vor allem junge Designer*innen eine Plattform, weshalb der Veranstaltung nicht selten vorgeworfen wurde, zu experimentell zu sein. Ihr haftete gar das Image des Unprofessionellen, quasi Studentenmäßigen an, obwohl gerade das den Charme Berlins in den Neunziger- und 2000er-Jahren ausmachte und den Ruf der Stadt als kreatives Sammelbecken manifestierte.
Und auch wenn sich Berlin in den letzten Jahren stark verändert hat, das Leben teurer und die Freiräume kleiner werden: „Die Stadt ist groß und divers genug, um einfachen Zugang zu anderen Lebenswelten und eine breite kulturelle Landschaft zu bieten“, sagt Jasmin Jouhar, Mitgründerin des neuen Designfestivals Currents.
Maj van der Lindens Galerie ist ein Sammelbecken für handwerk-affines Collectible Design, hier eine von zwei Ausstellungen während Currents
Professioneller, aber eigenwillig
Ein kreatives Sammelbecken ist Berlin definitiv noch immer, doch an vielen Stellen inzwischen professionalisierter. Ein genauer Anlass oder Zeitpunkt für diesen Wandel ist nicht auszumachen, aber im Laufe der letzten Jahre wurde in der Stadt endlich auch das zeitgenössische Design (und nicht nur die Kunst) sichtbarer – vor allem in Form von Ausstellungen und anderen Events. Allerdings weniger initiiert von staatlichen Institutionen, die sich in Berlin in Sachen Design auffällig zurückhalten, sondern eher von einzelnen Personen und Unternehmen.
Einen maßgeblichen Anteil daran hatte sicherlich Andreas Murkudis, der in seinem Concept-Store in Schöneberg immer wieder Brands aus dem Interiorbereich präsentierte und damit regelmäßig ein illustres Designpublikum anlockte, das sich dort vernetzen konnte. Hinzugekommen sind inzwischen Player wie Maj van der Linden und Galerie OM, die sich vor allem dem Collectible Design verschrieben haben.
Letzte Woche fand an verschiedenen Orten der Stadt das neue Designfestival Currents statt. Einer der schönsten Orte war die leerstehende Jalousiefabrik in Kreuzberg mit verschiedenen Designer*innen und Brands. Im Bild: Ausstellung Find Attached
Experimentierfreude statt Designindustrie
Vielleicht hat gerade der Umstand, dass es in Berlin keine relevante Designindustrie gibt, eine Szene hervorgebracht, die das Experiment liebt, stark auf handwerkliche Techniken setzt und auch künstlerische Ansätze verfolgt. „Ich bin anders. Und das ist gut so“, möchte man frei nach dem ehemaligen Bürgermeister Klaus Wowereit sagen.
Viele der Kreativen, die die Berliner Designszene derzeit prägen, werden in den Ausstellungen von Maj van der Linden gezeigt. Sie hat dazu beigetragen, dass zeitgenössisches Collectible Design und handwerklich gefertigte Arbeiten in der Stadt sukzessive mehr Sichtbarkeit erlangen – in Zeiten der Aufmerksamkeitsökonomie für Gestalter*innen ein wichtiges Kapital. Oft sind Maj van der Lindens Galerieräume auch der erste Ort, an dem Designer*innen und Künstler*innen überhaupt professionell ausstellen – so wie beispielsweise Studio Jumi mit seinen kunstvollen, selbst gefertigten Webarbeiten.
Auch Vaust Gallery und die von Moana Thies und Oscar Gröne gegründete Galerie OM haben sich die Präsentation von zeitgenössischem Design auf die Fahnen geschrieben. Galerie OM hat Julian Zacharias Eide als Artdirector engagiert und zeigt, wie die Vernetzung Berlinoise funktioniert: Er arbeitet hauptberuflich bei Gisbert Pöppler, einem der wichtigsten Interiordesigner der Stadt und zudem einem Vorreiter für Collectible Design.
Ausstellung The Overview Effect in The Foundry Berlin in den Wilhelmhallen
In der Eisengießerei
Sichtbarkeit erlangen zeitgenössische Designpositionen auch durch private Initiativen wie The Foundry von Bocci, ein Ausstellungsort in den Wilhelm Hallen. Die Initiative wurde im vergangenen Jahr ins Leben gerufen, um Design eine größere Plattform zu geben. „Erst durch institutionelle Ausstellungen und kuratorische Auseinandersetzung entsteht die Sichtbarkeit und Legitimierung, die eine Szene braucht, um international ernst genommen zu werden und sich mit anderen Designhauptstädten zu vernetzen“, sagt Tatjana Sprick, die für The Foundry als Consultant arbeitet. „Leider gibt es davon in Berlin noch zu wenig – und viel zu wenig speziell für zeitgenössisches Design“, ergänzt sie.
Aus Anlass der Berlin Art Week und Currents hatte die amerikanische Designexpertin Anna Carnick für The Foundry in der ehemaligen Eisengießerei die Ausstellung The Overview Effect kuratiert. Mit dabei waren neben internationalen Positionen auch Arbeiten von in Berlin ansässigen Designer*innen wie Lukas Wegwerth, Elisa Strozyk, Sanghyeok Lee und Marten Herma Anderson. „Ich glaube, das größte Potenzial Berlins liegt darin, auf den Qualitäten aufzubauen, die die Stadt bereits auszeichnen“, sagt Carnick. Und meint damit: Unabhängigkeit, Offenheit, internationale Ausrichtung und die Bereitschaft zum Experimentieren.
Kunst & Kommerz
Auf den Berliner Siegeszug des Designs springen inzwischen auch Unternehmen auf, die mit der zeitgenössischen Szene zuvor eher wenig Kontakt hatten und eigentlich in anderen Feldern etabliert sind. Das Auktionshaus Grisebach beispielsweise beauftragte die selbst ernannten Dekorateure von Tadan mit der Installation Cars have Interiors, too (Special Delivery) und auch KPM setzt verstärkt auf junge Kreative aus Berlin, darunter Tadan, Emil Urbanek und Lotti Adam.
Solche Kooperationen generieren in Zeiten von Social Media Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit und schaffen ein bestimmtes Image. Und sie vermischen Kunst, Design und Kommerz, was insbesondere im klammen Berlin eine ziemlich gute Idee zu sein scheint. Denn nach wie vor ist es so, dass viele Kreative nicht von ihrer Arbeit leben und ihre eigentliche Leidenschaft nur nebenher ausleben können.
Die Etablierten und die Neuen
Doch natürlich gibt es auch Ausnahmen: Designer*innen, die finanziell auf eigenen Beinen stehen. Dazu gehört Mark Braun, der in diesem Jahr den 20. Geburtstag seiner Studiogründung feiert und als Professor an der Hochschule der Bildenden Künste Saar unterrichtet. Milena Kling ist mit ihren Glasarbeiten nicht wegzudenken aus der Szene. Ebenso wie Hanne Willmann, die auch für viele internationale Möbelunternehmen arbeitet. Sie ist darüber hinaus als Art-Direktorin für eine neue Brand verantwortlich, die zwar nicht aus Berlin stammt, aber dort während des Designfestivals Currents gelauncht wurde: Essentials by Freifrau.
Dass Essentials by Freifrau gerade in Berlin erstmals gezeigt wurde, passt dennoch zur Entwicklung der Stadt: Mehrere in Berlin ansässige Designer*innen waren an der Kollektion beteiligt, darunter Hanne Willmann selbst, Ilja Huber, Milena Kling, Fabian Freytag und Moïo Studio. Der Launch zeigte damit erneut, wie eng die unterschiedlichen Bereiche der Berliner Kreativszene inzwischen miteinander verbunden sind.
Präsentation von KPM x Emil Urbanek während Currents
Currents als Abbild
Essentials by Freifrau hatte das Datum seines Launches clever gewählt, denn die gesamte Design-Community war sowieso unterwegs in der Stadt. Anlass: das dreitägige Designfestival Currents, das – parallel zur Art Week Mitte September – zum ersten Mal stattfand. Wer schon länger in Berlin lebt, fühlte sich an diesen Tagen zuweilen in die Neunzigerjahre zurückversetzt. Die Stadt flirrte vor Energie, die Stimmung war beinahe euphorisch, ein echter Teamgeist war zu spüren. Und alle Teilnehmer*innen hatten sich so richtig ins Zeug gelegt, obwohl die Vorlaufzeit nur wenige Wochen betrug.
Initiiert wurde das neue Format, das an verschiedenen Orten stattfand, von den Journalistinnen Jasmin Jouhar und Laura Ewert. Beide sind ausgewiesene Kennerinnen der Szene, pflegen langjährige Kontakte zu Designer*innen, Galerist*innen und Meinungsmacher*innen. Außerdem haben sie den Teilnehmenden etwas angeboten, woran es bei vergleichbaren Veranstaltungen mangelt: bezahlbare Teilnahmegebühren und ein unbürokratisches Umfeld.
Warm anziehen
Die neuen Formate wie Currents, die Conceptional Biennale oder die DesignDays.Berlin sind eine Bereicherung für die Stadt – sowohl für die Kreativbranche als auch für ein designinteressiertes Publikum. Sie zeigen auf unterschiedliche Weise, wie vielfältig und eigenständig sich die Berliner Designszene inzwischen präsentiert.
Die erste Ausgabe von Currents hat dabei deutlich gemacht, welches Potenzial in solchen Formaten steckt: das Engagement der Designplayer*innen, die Qualität ihrer Arbeiten und nicht zuletzt die besonderen, immer wieder neu entdeckten Orte der Stadt. Um die deutsche Hauptstadt auf der internationalen Designlandkarte zu verankern, braucht es aber mehr als individuelle Initiativen oder solvente Kund*innen, die hochpreisige Designobjekte kaufen und an denen es in Berlin noch mangelt.
„Ich glaube, dass wir größer denken müssen“, sagt Fabian Freytag vom gleichnamigen Designstudio und einer der engagiertesten Personen in der Berliner Szene. Was er damit meint, ist der Aufbau der Stadt als Designdestination im Sinne einer internationalen Marke – so wie man es von Kopenhagen und den 3daysofdesign kennt. „Genau diese Konsequenz und diesen Anspruch brauchen wir auch in Berlin“, sagt der Architekt und Designer.
Vielleicht liegt die Stärke Berlins dabei gerade darin, dass sich eine solche Entwicklung nicht aus einem einzigen großen Format heraus vollzieht, sondern aus vielen unterschiedlichen Initiativen, Orten und Akteur*innen. Die Berliner Designszene ist internationaler und professioneller geworden, ohne ihre Experimentierfreude und Eigenwilligkeit ganz aufzugeben. Wenn es ihr gelingt, diese Qualitäten zu bewahren und gleichzeitig international sichtbarer zu werden, könnte Berlin als Designdestination weiter an Bedeutung gewinnen. Dann müssen sich Kopenhagen, Paris und Mailand warm anziehen.
Currents
www.currentsberlin.comBerlin Design Week
berlindesignweek.comDesign Days Berlin
designdays.berlinMehr Stories
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