Mehr als Kulisse
Studiobesuch bei Gonzalez Haase AAS in Berlin
Vor knapp 30 Jahren von Judith Haase und Pierre Jorge Gonzalez in Berlin gegründet, ist das Architekturbüro Gonzalez Haase AAS auch international erfolgreich. Als „neue deutsche Coolness“ könnte man seine gestalterische Handschrift bezeichnen, die alle Projekte und Objekte prägt.
Wer sich schon einmal gefragt hat, was der Zusatz AAS hinter dem Namen Gonzalez Haase bedeutet, findet hier die Antwort: Architecture And Scenography. Damit werden ziemlich genau die zwei Arbeitsfelder beschrieben, in denen das Berliner Büro vorrangig tätig ist. Zugleich spiegelt der Name auch den beruflichen Hintergrund der beiden Gründer*innen wider.
Seit kurzem arbeiten Gonzalez Haase in der Heinrich-Roller-Straße in Berlin-Prenzlauerberg
Alles begann mit Robert Wilson
Während Judith Haase in Berlin Architektur studiert hat, wurde Pierre Jorge Gonzalez in Paris als Szenograf ausgebildet. Beide lernten sich Mitte der Neunzigerjahre bei Robert Wilson in New York kennen. Judith Haase bezeichnet den 2025 verstorbenen Regisseur und Kreativen als ihren wichtigsten Mentor. Sie erzählt, dass ihre mehr als zehnjährige Tätigkeit für den Amerikaner auch der Grundstein für die Gründung des eigenen Studios Gonzalez Haase AAS 1999 in Berlin gewesen sei und sie noch heute von dem damals geschaffenen Netzwerk profitiere.
Doch auch Wilsons künstlerische Herangehensweise habe sie stark geprägt, insbesondere sein Umgang mit dem Raum, den er als Gesamtkunstwerk ansah – ähnlich wie Gonzalez Haase heute. „Wenn Robert Wilson einen Raum sah, sah er ihn anders“, sagt Judith Haase. „Er baute nie eine Bühne wie ein gewöhnlicher Bühnenbildner es getan hätte. Alles war dreidimensional. Wenn er einen Stuhl auf die Bühne stellte, dann war dieser Stuhl von allen Seiten ein Objekt. Man konnte um ihn herumgehen, er war nie nur eine Attrappe. Robert Wilson baute den Raum mit Licht auf und beeinflusste die Kostüme, den Ton, das Timing, die Bewegungen der Schauspieler – es war ein Gesamtkunstwerk.“
Headquarter für Aeyde in Berlin: Aeyde House, 2025
Holistischer Gestaltungsansatz
„Lasst uns nur das Minimum machen“ – diese Haltung versteht Gonzalez Haase als eine Form von Nachhaltigkeit. Die Arbeiten des Berliner Studios basieren auf einem konzeptionellen Ansatz. Dabei sind Licht, Möbel und Objekte integrale Bestandteile eines Gesamtkonzepts und nicht nur bloße Dekoration. Sie werden projektbezogen entworfen und von externen Handwerker*innen gefertigt. Zwar assoziiert man viele Projekte von Gonzalez Haase mit der Verwendung von Edelstahl und Aluminium, doch dass diese Materialien derzeit überall zu sehen sind, sehen die beiden Gestalter*innen kritisch. Sie selbst hätten Aluminium immer nur als günstiges Material und wegen seiner besonderen Lichtwirkung eingesetzt, insbesondere in frühen Galerieprojekten, sagt Judith Haase. Aluminium sei ein einfaches Material, das man gut verarbeiten könne, ergänzt Pierre Jorge Gonzalez. „Doch heute wird es oft nur noch verwendet, weil es dekorativ ist – so wie man vor fünfzig Jahren Marmor verwendet hat“, fügt er hinzu.
Remise in Falkensee, 2024
Ausdehnung der Arbeitszone
Neben Architektur, Szenografie und Interiordesign ist Gonzalez Haase auch im Produktdesign tätig. So sind Beistelltische und Hocker für New Tendency entstanden, eine Leuchte für Analog Glass und Objekte aus Marmorresten für Marbledworks. Außerdem entwirft und verkauft das Büro unter dem Label Gonzalez Haase Objects eigene Kollektionen und will diesen Bereich zukünftig als eigenständiges Geschäftsfeld weiter ausbauen. Das ist klug, gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Schließlich sind die selbst gestalteten Möbel und Accessoires – darunter Hocker, Paravents, Spiegel und Toilettenpapierhalter aus Holz, Metall und Glas – auch in den eigenen Architektur- und Interiordesignprojekten verwendbar. Im neuen Studio in der Heinrich-Roller-Straße in Prenzlauer Berg sind viele der Entwürfe zu sehen: als täglich genutzte Möbel oder als Ausstellungsstücke. Besonders überrascht uns ein Objekt in Ziegelform, das aber aus Marmor gefertigt ist. Was es damit auf sich hat? Manchmal fehle halt irgendwo ein Ziegel, erklärt Pierre Jorge Gonzalez. „Dann kann man diesen hier einsetzen oder daraus eigene Kompositionen bilden.“
Szenographie für den Teilbereich Metall der Ausstellung Glas Beton Metall im Bauhaus Dessau, 2026
Heavy Metal am Bauhaus
Als wir Judith Haase und Pierre Jorge Gonzalez in ihrem Office treffen, reden sie mit uns auch über zwei aktuelle Projekte, die die Brandbreite ihres Schaffens verdeutlichen: den gerade eröffneten Fashion-Showroom von Ferrari in London und die Schau Glas, Beton, Metall im Bauhaus Dessau. Dort haben die beiden fast drei Jahre gemeinsam mit den Kurator*innen am Ausstellungsbereich Metall gearbeitet. „Ich finde es schön, von einem Material und seiner Geschichte auszugehen und darüber zur Architektur und schließlich zum Möbel zu gelangen“, sagt Judith Haase. Das Ergebnis ihrer Arbeit unterstreicht die gestalterischen Qualitäten von Materialien wie Edelstahl und Aluminium, die in Architektur und Design des Bauhauses eine wesentliche Rolle spielten.
Haase und Gonzalez haben die Exponate mit großer Präzision inszeniert und eine räumliche Dramaturgie geschaffen, die ihre Vielfalt ebenso differenziert wie eindrucksvoll zur Geltung bringt. Den Auftakt des Ausstellungsbereichs bildet Marcel Breuers Hocker B 9 Ha, präsentiert auf einem filigranen Gittergestell aus Metall. Dieses wiederkehrende Gestaltungselement strukturiert auch die anderen Räume: Mal dient es als Träger für Ausgaben der Zeitschrift Stahl aus den Zwanzigerjahren, mal rahmt es Marianne Brandts Arbeiten aus der Bauhaus-Metallwerkstatt, die dadurch wie kostbare Schmuckstücke wirken. Den Höhepunkt des Ausstellungssegments bildet schließlich eine eindrucksvolle Parade der ikonischen Stahlrohrmöbel des Bauhauses, ergänzt durch weniger bekannte, skulpturale Objekte, deren futuristische Formen an Ufos erinnern.
Flagshipstore für Ferrari in London, 2026
870 Quadratmeter Ferrari
Pierre Jorge Gonzalez erzählt, dass die knappen Budgets von Kulturprojekten wie in Dessau durch kommerzielle Aufträge des Studios gegenfinanziert würden. Eines dieser kommerziell attraktiven und gleichzeitig gestalterisch herausfordernden Projekte ist der gerade in London eröffnete Flagship-Store für das Modelabel von Ferrari. Dort verteilen sich Verkaufs- und Präsentationsflächen sowie ein Atelier auf rund 870 Quadratmetern.Unabhängig von ihrer Funktion zeichnen sich die auf zwei Etagen angeordneten Räume durch eine einheitliche Gestaltungssprache aus. Dabei prägen handgebürstete Edelstahlpaneele, Betonböden sowie Leder, Aluminium und Glas das elegant-coole Interior. Die hochwertigen Materialien kommen bei der Gestaltung sämtlicher Elemente zum Einsatz – von Vitrinen bis hin zu Sitzmöbeln. Das berühmte Ferrari-Rot wird als Akzentfarbe für Handläufe, Teppiche und Polster eingesetzt. Gerade entsteht in New York ein weiterer Ferrari-Store, für dessen Interiordesign die Berliner Gestalter*innen ebenso verantwortlich sind.
Villa in Berlin-Grunewald, 2024
100 Prozent
Auch wenn Gonzalez Haase AAS zu den erfolgreichen Architekturbüros Deutschlands gehört, für große Brands und auch im Ausland arbeitet: Die beiden Gründer*innen berichten, dass das wirtschaftliche, aber auch soziale Umfeld insgesamt härter wird. Vor Kurzem sind sie in ein neues Büro gezogen und haben die Zahl ihrer festen Mitarbeiter*innen vorerst von acht auf fünf reduziert.
Pierre Jorge Gonzalez erzählt von Luxuskonzernen, die ihnen schon während der Wirtschaftskrise 2008 das Leben schwer gemacht und die Situation ausgenutzt hätten, obwohl sie über ausreichende finanzielle Ressourcen verfügten. So wurden sie von Celine nach London eingeladen, um die (damals neue) Designerin Phoebe Philo kennenzulernen. Als sich dann aber herausstellte, dass der Wettbewerb um die Gestaltung neuer Showrooms unbezahlt sein sollte, lehnten sie ab. Genauso erging es ihnen mit einer anderen Luxusmarke. „Wenn man kostenlos arbeitet, wird die Arbeit nicht wertgeschätzt“, sagt Judith Haase. „Uns geht es nicht darum, viel Geld zu verdienen. Aber wenn wir einen Auftrag annehmen, dann geben wir 100 Prozent. Unsere Zeit, unsere Leidenschaft, unsere Mitarbeiter.“
Gelber Gute-Laune-Sessel
Nach dem Interview laufen wir noch ein wenig durch die Räume des Studios, nehmen Objekte aus Marmor in die Hand, knipsen Selfies im Corner Mirror aus der eigenen Kollektion und erkunden das riesige Metallregal, das als Materialbank dient. Judith Haase setzt sich in einen knallgelben Sessel, der seinen Platz im neuen Büro noch nicht ganz gefunden hat, von dem sie sich aber niemals trennen würde. Walter Gropius hat ihn in den Zwanzigerjahren für das Direktorenzimmer im Bauhaus Dessau entworfen, heute produziert ihn Tecta unter dem Namen F51. Judith Haase bekam den Sessel einst von ihrer Mutter geschenkt. „Gegen die tristen grauen Tage in Berlin“, sagt sie lachend.
Vom 8. September bis 8. November 2026 zeigt Gonzalez Haase AAS gemeinsam mit dem Münchener Designstudio Marbledworks Möbel und räumliche Objekte aus Marmor bei OUVERTURE in Berlin-Mitte. Die von Judith Haase und Pierre Jorge Gonzalez kuratierte Ausstellung ist Teil von Currents, einer neuen Plattform für Design, die ihre Premiere vom 10. bis 12. September 2026 feiert.
Gonzalez Haase AAS
gonzalezhaase.comGonzalez Haase Objects
object.gonzalezhaase.comSzenographie von Gonzalez Haase AAS
Ausstellung "Glas, Beton, Metall" im Bauhaus Dessau
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