Konzentration in Zeiten der Zerstreuung
Ein Gespräch mit Ernst Holzapfel von Sedus
Partner: Sedus
Das Büro ist weit mehr als nur ein Ort des Austauschs, meint Ernst Holzapfel, Marketing-Direktor bei Sedus. Im Interview erklärt er, warum eine zeitgemäße Arbeitslandschaft dringend auch Räume für Tiefenkonzentration braucht – und was die Neurowissenschaft damit zu tun hat.
Mit dem Work Café hat Sedus in den vergangenen Jahren das kommunikative Miteinander im Büro stark gefördert. Warum rückt nun – scheinbar im Gegensatz dazu – das Thema Konzentration in den Vordergrund?
Das sind zwei Seiten einer Medaille. Wir schaffen Räumlichkeiten, in denen wir zusammen sind, aber in denen wir uns auch zurückziehen können. Die Mischung macht’s. Bei den Work Cafés, diesen einladend gestalteten Bürocafés, haben wir das Soziale als Ankerpunkt in den Vordergrund gestellt. Wenn sich Mitarbeitende in einer Atmosphäre wiederfinden, die einem „dritten Ort“ wie einem Café ähnelt, führt das dazu, dass sie gerne ins Büro kommen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Allerdings kann dabei der Rückzugsort auf der Strecke bleiben, wo sich Mitarbeitende entspannt auf ein Thema konzentrieren können. Gerade in großen Büros besteht die Gefahr, dass sie sehr oft gestört werden. Dadurch leiden die Konzentration und die Produktivität.
Was brauchen Menschen, um sich zu konzentrieren?
Aus der Neurowissenschaft wissen wir, dass wir mehr als elf Millionen Reizen pro Sekunde ausgesetzt sind. Bewusst nehmen wir gerade mal vierzig bis fünfzig wahr. Das heißt, wenn sich neben uns zwei Kolleginnen oder Kollegen unterhalten, lässt sich das unmöglich ignorieren. Diese Reize gilt es zu dosieren. Zugleich sollte es eine Auswahl geben, wo und wie wir arbeiten. Das Entscheidende ist eine Kombination aus Haltungswechseln, akustischer Qualität, Rückzug und Austausch. Vor einigen Jahren haben wir begonnen, über die vier Cs zu reden: Concentration, Communication, Collaboration und Contemplation. Konzentration lebt in Zyklen. Die Spitzen erreichen die meisten Menschen nach zehn bis dreißig Minuten. Jedes Mal, wenn man abgelenkt oder unterbrochen wird, braucht es wieder eine gewisse Zeit, um in diese Konzentrationsspitze zurückzufinden. Wir können maximal sechzig bis neunzig Minuten am Stück konzentriert arbeiten. Aber interessant ist das, was dann in den Zwischenphasen passiert. Diese Pausen müssen wir aktiv nutzen.
Wie machen wir das am besten?
Das Entscheidende ist der Haltungs- und Kontextwechsel. Je aktiver wir diese Pausen gestalten, desto besser können wir uns wieder konzentrieren und produktiv in eine neue Konzentrationsphase starten. Für das menschliche Gehirn ist es deshalb wichtig, andere Reize zu erhalten. Konzentration hat unterschiedliche Ausprägungen. Für leichte Fokusaufgaben kann durchaus ein ruhiger Platz im Work Café oder in einer Rückzugsecke geeignet sein. Mit steigender Komplexität der Aufgabe wächst jedoch meist auch das Bedürfnis nach einer reizärmeren Umgebung. Deshalb ist es wichtig, verschiedene Arbeitssettings anzubieten – von offenen Bereichen bis hin zu geschützten Fokuszonen. Die passende Umgebung unterstützt die jeweilige Art der Konzentration und ermöglicht es Menschen, ihr Potenzial bestmöglich auszuschöpfen.. In den Pausen ist es aber gut, etwas komplett anderes zu machen: aufstehen, eine Runde gehen, sich austauschen, mit Kollegen unterhalten, ein Telefonat führen. Dieser Wechsel aktiviert andere Bereiche im Gehirn. Die Bewegung hat nicht nur eine positive Auswirkung auf die Durchblutung, sondern führt kognitiv zu neuen Reizen. Das Gehirn wird stimuliert. Die Sauerstoffzufuhr wirkt sich auch extrem gut auf die Produktivität von Menschen aus.
Welche räumlichen Bedingungen braucht diese Abwechslung?
Der Rückzug kann zum Beispiel in einem ruhigen Bereich des Work Cafés stattfinden – etwa in halboffenen, akustisch wirksamen Lösungen wie se:hive von Sedus. Es kann aber auch ein großer Ohrensessel sein, wie der se:cove, der ein Gefühl von Sicherheit gibt. Hier kommt der peripersonale Raum ins Spiel, also der unmittelbare Bereich um unseren Körper. Je stärker wir diesen Bereich als geschützt und kontrollierbar wahrnehmen, desto leichter fällt es uns, störende Reize auszublenden.Wenn wir einen 360-Grad-Schutz um uns haben, wie in einem Telefoncube, werden visuelle und akustische Ablenkungen deutlich reduziert. In einen halboffenen Bereich begebe ich mich für einen informellen Austausch – oder um zu telefonieren. Gemeinsame Fokusbereiche sehen wir beispielsweise in Bibliotheken mit großen Gemeinschaftstischen wie dem neuen se:café team table. Obwohl man offen sitzt, verhält man sich automatisch leise.
Geht der Trend vom Großraumbüro zurück zur Einer- oder Zweierzelle?
Wichtige Gründe für den Siegeszug des Großraumbüros sind Flächenverdichtung und Wirtschaftlichkeit. Ich würde es aber lieber Arbeitswelt oder -landschaft nennen. Diese Landschaft lebt tatsächlich durch Vielseitigkeit. Es geht um Wahlmöglichkeiten, um Autonomie. Man ist für sich, aber doch zusammen. Wieder auf Gruppen- oder Zweierbüros zurückzugehen, ist flächentechnisch kein Vorteil. Sie verursachen insgesamt mehr Störung, weil die Sprachverständlichkeit deutlich höher ist. Der Vorteil von Großraumbüros ist, dass es ein Grundrauschen gibt. Dieses verringert die Sprachverständlichkeit auf Distanz.
Wie individuell ist Konzentration?
Es gibt Personen, die können sich auch dann, wenn viel gesprochen wird, optimal konzentrieren. Die gehen genau wegen dieses Grundrauschens in ein Straßencafé. Sobald keine Reize da sind, tun sie sich eher schwer. Gerade im Kontext neurodivergenter Menschen zeigt sich, dass räumliche Reize sehr unterschiedlich wahrgenommen werden. Während manche Personen von stimulierenden Umgebungen profitieren, benötigen andere eine reizärmere Umgebung, um konzentriert arbeiten zu können. Eine inklusive Arbeitslandschaft schafft daher unterschiedliche Angebote und ermöglicht individuelle Wahlfreiheit.
Wie gehen Sie bei der Produktentwicklung vor?
Wir verfolgen einen interdisziplinären Entwicklungsansatz, bei dem Erkenntnisse aus Forschung, Design, Architektur und Arbeitswissenschaft zusammenfließen.Vor einigen Jahren haben wir einen stark menschenzentrierten Design-Thinking-Prozess bei Sedus eingeführt: Wir nennen es „Smart Thinking“. Wir beobachten, wir probieren aus, machen Prototypen und zeigen sie unseren Kunden. Wenn wir den Eindruck haben, jetzt passt alles, kommen die Produkte auf den Markt. Letztlich wollen wir Räume schaffen, die ein Herz haben, Räume mit einem Herz für Menschen. Das ist es, was uns am Herzen liegt.
Sedus
Sedus zählt zu den führenden Komplettanbietern für Büroeinrichtungen und Arbeitsplatzkonzepte. Als Büromöbelhersteller und Technikpionier hat Sedus in seiner über 150-jährigen Firmengeschichte mit den innovativen Produkten und Lösungen immer wieder Maßstäbe gesetzt – vor allem in den Bereichen Ergonomie, Design und Nachhaltigkeit.
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