Neue Deutsche Gemütlichkeit
Studiobesuch bei Antonius Schimmelbusch in Berlin
Wenn sich zwei ehemalige Lifestyle-Redakteurinnen mit einem Faible für Vintage-Möbel als Interiordesignerinnen selbständig machen, dann entsteht: eine neue deutsche Gemütlichkeit. So jedenfalls beschreiben Melissa Antonius und Lena Schimmelbusch ihren eklektischen Einrichtungsstil, der immer auch alltagstauglich ist.
Quereinsteigerinnen sind in der Interiordesignbranche ein eher seltenes Phänomen. Umso erstaunlicher, dass es Melissa Antonius und Lena Schimmelbusch vom gleichnamigen Berliner Studio geschafft haben, innerhalb weniger Jahre ein wichtiger Teil der Branche zu werden. Sie arbeiten vorwiegend für Privatkund*innen, richten großbürgerliche Apartments ein, aber auch Musikstudios und kompakte 60-Quadratmeter-Wohnungen.
Der Weg zum eigenen Studio
Melissa Antonius und Lena Schimmelbusch haben beide einige Jahre lang als Redakteurinnen bei AD Germany gearbeitet. Damals entdeckten sie ihre Faszination für gute Gestaltung und konnten im Laufe der Zeit jede Menge Erfahrung, Wissen und auch praktisches Know-how anhäufen. Als dann die Redaktion des Magazins von Berlin nach München zog, wollten die beiden lieber an der Spree bleiben.
Damals erreichte Lena Schimmelbusch aus dem privaten Umfeld die Anfrage, ein kleines Bed & Breakfast in Frankreich einzurichten, und sie dachte gleich daran, ihre Kollegin mit ins Boot zu holen. „Wir haben dann das Konzept mit großen Moodboards in meiner Küche erarbeitet“, sagt Schimmelbusch. Sie erzählt, dass ihnen die Zusammenarbeit so viel Spaß gemacht habe, dass sie beschlossen, gemeinsam weiterzumachen. Einige Jahre und Nebenjobs später war es dann so weit: Sie wagten den Schritt in die Selbstständigkeit als Interiordesignerinnen.
Vielschichtige Räume
Die beiden Mittvierzigerinnen beschreiben ihren Stil als „neue deutsche Gemütlichkeit“. Was erst einmal altmodisch klingen mag, ist es aber keineswegs. Im Gegenteil: Ihr Gestaltungsansatz ist nah an der Lebenswirklichkeit ihrer Auftraggeber*innen und verliert das Schöne dabei nicht aus den Augen. „Wir glauben, dass Deutschland reif ist für eine neue Form der Gemütlichkeit“, erklären sie. „Eine, die weder nostalgisch noch beliebig ist, sondern zeitgemäß, persönlich und langlebig.“ Sie bringen in ihren Interiorprojekten Einflüsse aus Moderne und Biedermeier, aus Handwerk und Industriedesign so zusammen, dass ein harmonisches Ganzes entsteht. Trends spielen weniger eine Rolle.
Zu Beginn eines Projekts gehe es immer darum, welche Atmosphäre die neu zu gestaltenden Räume haben sollten, aber auch um Alltagsrituale – das erzählen die beiden Designerinnen bei Kaffee und Kuchen in ihrem Studio. Und erwähnen auch, dass sie ihre Kund*innen zwar immer von gewagten Farbkombinationen zu überzeugen versuchten, Deutschland aber geprägt sei von neutralen Tönen und eher gefälligen Gestaltungslösungen. Sie selbst dagegen schätzen insbesondere englische und französische Interiors, die sie als „vielschichtiger“ und „sophisticated“ beschreiben.
Für die Umsetzung ihrer Projekte arbeiten Melissa Antonius und Lena Schimmelbusch mit externen Architekt*innen und Bauleiter*innen zusammen, wenn beispielsweise Wände versetzt werden müssen, Anschlüsse verlegt oder die Statik geprüft. Inzwischen haben sie sich ein festes Netzwerk aufgebaut, zu dem auch Handwerker*innen und andere Spezialist*innen gehören. Außerdem haben sie das Glück, dass sie kaum Aufträge akquirieren müssen, denn fast alles geschehe durch Mund-zu-Mund-Propaganda oder durch Presseveröffentlichungen, sagen sie.
Passionierte Geschichtenerzählerinnen
Wie ein typisches Interiordesign von Antonius Schimmelbusch funktioniert, kann man in den neu gestalteten Räumen des Studios sehen. Es ist rund 50 Quadratmeter groß und befindet sich in einem ehemaligen Ladengeschäft im Bayerischen Viertel in Berlin-Schöneberg. Gleich neben dem Altbau aus der Jahrhundertwende liegt der Showroom von Reuber Henning. Natürlich verwenden Melissa Antonius und Lena Schimmelbusch die handgefertigten Teppiche des Berliner Labels oft für ihre Projekte.
Das Studio besteht aus einem einzigen Raum, der den Arbeitsbereich und eine Wohnküche fasst – mit großen Fenster- und Türflächen zur Wartburgstraße hin. Im hinteren Teil des Studios befinden sich ein WC und Abstellfläche. Was als erstes auffällt: die dichte Atmosphäre. Sie entsteht durch gemusterte Tapeten und üppige Stoffe, darunter ein mehrfarbiger Vorhang mit gesticktem Muster des französischen Labels Élitis, der den Arbeitsbereich von der Wohnküche trennt. Obwohl der Raum nicht sehr groß ist, stehen dort viele Möbel, darunter Regale mit Materialproben und Büchern, drei Arbeitstische mit Bürostühlen, ein Esstisch, ein Highboard und eine Küchenzeile. Es ist faszinierend, dass der Raum trotz der Fülle von Möbeln aus unterschiedlichen Epochen harmonisch wirkt und keinesfalls überladen. Im Gegenteil: Man will die Dinge anfassen und mehr darüber erfahren.
Von alten Hasen und Vintage-Stücken
Betrachtet man die Projekte von Antonius Schimmelbusch, wird einem oft erst bei näherem Hinsehen bewusst, dass sie von A bis Z gestaltet sind. Denn sie wirken, als wären sie immer schon so gewesen – und zwar im positiven Sinn. Das liegt sehr wahrscheinlich daran, dass die beiden Gestalterinnen vorzugsweise Vintage-Stücke einsetzen, egal ob Möbel, Leuchten oder Dekorationsobjekte wie Schalen, Vasen und Bilder. Dass das mehr Arbeit bedeutet, als einfach nur neue Produkte von den üblichen Herstellern zu bestellen, ist Antonius und Schimmelbusch egal. Sie lieben es zu stöbern und den Geschichten hinter den Dingen auf den Grund zu gehen.
Natürlich kennen sie alle guten Vintage-Shops und Galerien der Stadt und zuweilen recherchieren sie auch bei Kleinanzeigen. Oft suchen sie projektspezifisch, aber manchmal kaufen sie einfach „auf Vorrat“, wie sie sagen. Und zwar am liebsten in Italien, genauer gesagt in Parma auf einer Antiquitätenmesse. Die beiden Designerinnen erzählen mit Begeisterung von den Antiquitätenhändler*innen, die allesamt „alte Hasen“ seien, und den interessanten Gegenständen, die sich dort entdecken lassen. „Unsere Kunden wollen keine Trends, sie wollen langlebige Stücke, die ihnen auch in fünf oder zehn Jahren noch gefallen“, sagt Melissa Antonius. So wie die Stühle, die ganz oben in einem Regal in ihrem Studio stehen und dem italienischen Designer Ico Parisi zugeschrieben werden.
Antonius Schimmelbusch
antoniusschimmelbusch.comMehr Menschen
Die Erfinder des Draußen
Pieter Van Puyvelde über Ingenieurskunst und organisches Design
„Nutzer wollen verstehen, wie Gebäude funktionieren“
Über Smart-Home-Interfaces, Türkommunikation und die Zukunft intelligenter Architektur
Der talentierte Mr. Durst
Studiobesuch bei Sven Durst in Berlin
Happy Herkner!
Interview mit Sebastian Herkner anlässlich seiner Studiogründung vor zwanzig Jahren
Wenn Schalter sprechen
Cathy Figueiredo von Melon Breakers über ihre Schalterkollektion für JUNG
Leise, aber bemerkenswert
Wie Edward Barber und Jay Osgerby drei Jahrzehnte lang die Designszene gemeinsam prägten
Die Designvermittlerin
Studiobesuch bei der libanesischen Interiordesignerin Joy Herro von The Great Design Desaster in Mailand
Gewebte Vielfalt
Ein Gespräch mit Marius Myking von Snøhetta über generatives Teppichdesign
Dialog der Kulturen
Agi Kuczynska von TAKK Studio im Interview
Eine Frau setzt sich durch
Studiobesuch bei Salwa Samargandi von SAL Architects im saudi-arabischen Dschidda
Der Material-Minimalist
Studiobesuch beim Berliner Architekten Mark Randel in Mitte
„Neu ist ein mächtiger Begriff“
Die Designerin Hella Jongerius im Interview
Seltsam schön
Ein Treffen mit Tadan im Berliner Kaufhaus KaDeWe
Form folgt Verantwortung
Produktdesigner Jonathan Radetz über nachhaltiges Möbeldesign, öffentlichen Raum und Design als gesellschaftliche Praxis
Blumen als Medium
Die Berliner Masterfloristin Carolin Ruggaber im Porträt
Die fabelhafte Welt des Humberto Campana
Ein Treffen mit dem brasilianischen Designer in der saudi-arabischen Wüste
Experimentelle Grenzgängerin
Linde Burkhardt im Berliner Bröhan Museum
„Gerade die Struktur ermöglicht Freiheit“
Warum das modulare Prinzip von USM bis heute relevant ist
Alchemist des Alltags
Wie der Designer Harry Nuriev Vertrautes neu inszeniert
„Die Menschen sehnen sich nach Ruhe“
Interview über die Teppichkollektion Neuland von Object Carpet
Deutsch-Amerikanische Freundschaft
Studiobesuch bei Ester Bruzkus und Peter Greenberg in Berlin
Das Leichte und das Schwere
Die außergewöhnlichen Bauwerke des Architekten Christian Tonko
Tapeten, die bleiben
Felicitas Erfurt-Gordon über nachhaltige und wohngesunde Produkte von Erfurt & Sohn
New Kids on the Block
Junge Gestalter*innen erobern die Designwelt
Wut in Kreativität verwandelt
Interview mit der ukrainischen Gestalterin Victoria Yakusha
„Innenarchitektur macht Pflege menschlicher“
Ein Gespräch mit Theresia Holluba zur Lebensqualität in Gesundheitsräumen
Gemeinsam weiterkommen
Designkollektive auf der Vienna Design Week 2025
„Wir denken in Ressourcen statt in Altlasten“
Marco Schoneveld über zirkuläre Möbelkonzepte, neue Materialien und ihre Vorteile
Experimentierfreude und Nachhaltigkeit
Interview mit dem italienischen Gestalter Harry Thaler
Gespür für innere Logik
Interview mit dem niederländischen Designduo Julia Dozsa und Jan van Dalfsen