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„Bedeutung verleiht einem Objekt Schönheit“

Marius Myking über die Designphilosophie von Snøhetta

Der Compasso d’Oro für „Array“ bestätigt Snøhettas ungewöhnlichen Designansatz. Produktdesignchef Marius Myking spricht im Interview über interdisziplinäre Zusammenarbeit, „thinking before drawing“ und darüber, warum gute Produkte weit mehr sind als schöne Objekte.

von May-Britt Frank-Grosse, 24.08.2026

Snøhetta war von Beginn an ein interdisziplinäres Büro, das Architektur, Innen- und Landschaftsarchitektur sowie Design miteinander vereint. Inzwischen besitzt Snøhettas Studio für Produktdesign ähnlich viel Renommee wie die Architektursparten. Gerade hat das Team um Marius Myking den Compasso d’Oro, einen der wichtigsten Designpreise überhaupt, für das Polstersystem Array erhalten.

Vor Kurzem haben Sie und Ihr Team bei Snøhetta für das Polstersystem Array den Compasso d’Oro erhalten. Kam diese Auszeichnung überraschend für Sie?
Völlig! Der Compasso d’Oro ist etwas, von dem man nicht mal zu träumen wagt. Es fühlt sich für uns alle immer noch komplett unwirklich an. Nach der Bekanntgabe hat das ganze Büro gefeiert. Array war ein außergewöhnliches Projekt und wir sind extrem stolz auf das Ergebnis.

Was hat die Jury an dem Entwurf überzeugt?
Ich kann die Jurybegründung zwar nicht aus dem Kopf zitieren, aber grundsätzlich haben die Jurorinnen und Juroren genau die Punkte herausgestellt, die auch für uns die Quintessenz des Projekts bilden. Uns ging es darum, den Begriff „Komfort“ zeitgemäß zu füllen. Das hieß für uns und den Hersteller MDF Italia, nicht nur Augenmerk auf die Ergonomie zu legen, sondern auf das gesamte „Ökosystem“ des Produkts – von der Produktion über die Logistik bis zur Nutzung, Aufarbeitung und Weiternutzung. Wir haben uns nicht darauf fokussiert, ein einzelnes Sofa zu entwerfen, sondern haben den Arbeitsaufwand lieber darauf verwendet, ein relativ kleines Einzelmodul zu entwickeln, das beliebig oft aneinandergereiht werden kann. Das macht nicht nur die Produktion einfacher, sondern auch Werkzeugbau und Transport. Und natürlich auch das, was Architekturschaffende besonders lieben: passgenaue Konfiguration.

War das von Beginn an das Briefing des Herstellers?
Der Auftraggeber kam mit einer enorm langen Wunschliste für das neue Produkt – und manche Wünsche standen zudem noch im Widerspruch zueinander. Anstatt zu versuchen, die gesamte Liste in ein einziges Produkt zu übersetzen, nutzten wir das Briefing als Ausgangspunkt für einen Dialog mit dem Hersteller. Gemeinsam entwickelten wir einen Ansatz, der den Anforderungen des Unternehmens und den Bedürfnissen von Architektinnen und Architekten gleichermaßen gerecht wird.

Hat Ihr Team ein besonderes Gespür dafür, was Architektinnen und Architekten benötigen?
Wir sollten es zumindest haben…  (lacht) Unsere Produkte zielen in der Regel natürlich auf einen viel größeren Markt als nur Planerinnen und Planer. Was man bei Snøhetta aber fast automatisch lernt, ist das Verständnis für architektonische Planungsprozesse.

Ihr Designstudio hat in den vergangenen Jahren eine enorm breite Palette von Produkten entworfen. Wo sehen Sie selbst einen Schwerpunkt in Ihrer Tätigkeit?
Unser wichtigstes Projekt ist Snøhetta. Am Anfang mussten wir herausfinden, was das für den Bereich des Produktdesigns bedeutet und wie wir die Denkweise von Snøhetta auf unser Tätigkeitsfeld übertragen können. Alles, was Snøhetta tut, reagiert auf einen Kontext. Im Produktdesign ist das – anders als bei der Architektur – in der Regel kein spezifischer Ort. Unseren Kontext finden wir in der Zusammenarbeit mit anderen Partnern. Wenn wir mit einer Marke oder einem Hersteller zusammenarbeiten, dann ist es für uns unabdingbar, dass wir uns auf ein gemeinsames Ziel und gemeinsame Werte einigen. Wir können deshalb so unterschiedliche Produkte entwerfen, weil wir unsere Ressourcen mit denen unserer Partner bündeln.

Interdisziplinarität gehört zur DNA von Snøhetta. Bedeutet das beispielsweise auch, dass Architektinnen und Architekten Produkte gestalten?
Die Herangehensweisen beider Disziplinen sind doch sehr unterschiedlich. Um so erfolgreich wie möglich in unseren jeweiligen Tätigkeitsfeldern zu sein, benötigt es Spezialisierung. Die Stärke von Snøhetta liegt darin, dass wir uns fachübergreifend gegenseitig unterstützen, inspirieren aber auch herausfordern können.

Snøhetta-Entwürfe basieren fast immer auf intensiven Recherchen. Wie funktioniert das im Produktdesign?
Am Beginn jedes Projekts steht bei uns eine Phase, die wir „Strategic Alignment“ nennen. Ziel ist, alle Stakeholder zusammenzubringen, offene Fragen zu klären und abzugleichen, ob Ziele und Werte übereinstimmen. Man kann das Recherche oder Dialog nennen – ich nenne es „thinking before drawing“: Wir schauen immer zuerst die Fragestellung an und entwickeln dann einen Lösungsweg. Der definiert am Ende das Design.

Welche Rolle spielt Schönheit für Sie?
Ich bin der Überzeugung, dass Bedeutung einem Objekt Schönheit verleiht. Diese Bedeutung muss emotional erfahrbar sein. Deshalb darf in unseren Augen Design nicht bis zur völligen Bedeutungs- und Emotionslosigkeit reduziert sein. Wirklich gute Entwürfe besitzen genau so viel, wie sie benötigen – nicht mehr, nicht weniger. Aber das bedeutet keinen Minimalismus. Denn ein wesentlicher Teil des Notwendigen besteht aus Emotion. Der Zweck eines Entwurfs muss intuitiv erfahrbar sein.

Gibt es so etwas wie eine Handschrift, an der sich Produktdesigns von Snøhetta erkennen lassen?
Bei uns ist alles Teamwork, deswegen gibt es nicht die persönliche Handschrift eines Designers oder einer Designerin. Unser Ansatz ist unsere Handschrift. Selbst wenn die Produkte, die wie gestaltet haben, ganz unterschiedlich aussehen, kann man unseren Ansatz eigentlich immer erkennen. Hinzu kommt, dass wir uns Rat bei einigen der weltweit besten Architekten, Innenarchitekten und Landschaftsarchitekten holen können, die wie wir Teil des Snøhetta-Teams sind. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass auf diese Art und Weise Designs entstehen, die, obwohl sie unscheinbar wirken, dem Nutzer oft enorme Möglichkeiten eröffnen.

Weshalb gibt es überhaupt eine Abteilung für Produktdesign bei Snøhetta?
Vor acht Jahren bat Snøhetta das Designstudio Everything Elevated, das ich mit Martin Nichols in New York gegründet hatte, um die Zusammenarbeit bei einigen Designprojekten. Damals gab es bei Snøhetta zwar eine sehr erfolgreiche Abteilung für Grafikdesign, aber kein Produktdesign. Unsere Zusammenarbeit wurde immer umfangreicher und schließlich wurde ich gefragt, ob ich nicht nach Oslo kommen wolle, um ein Inhouse-Produktdesign aufzubauen. So zog ich nach sieben Jahren in den USA zurück nach Norwegen. Heute entwirft das Produktdesignstudio für Marken und Hersteller weltweit. Außerdem arbeiten wir immer wieder an den Architektur- und Innenarchitekturprojekten von Snøhetta mit. Genau diese Kombination macht die besondere Stärke des Studios aus.

Wie unterstützen sich die einzelnen Abteilungen von Snøhetta gegenseitig?
Unsere Abteilung besitzt besondere Erfahrung damit, mit Marken zusammenzuarbeiten. Wir fungieren dann als eine Art Übersetzer zwischen den unterschiedlichen Welten. Umgekehrt holen wir andere Abteilungen hinzu, wenn wir Produkte entwickeln, mit denen sie Erfahrung besitzen – etwa die Abteilung Landschaftsarchitektur, wenn wir Pflastersteine gestalten.

Ist es Segen oder Fluch, dass Snøhetta hauptsächlich als Architekturbüro berühmt ist?
Ich würde sagen, es ist beides. Als ich vor acht Jahren hier angefangen habe, war das zuweilen eine große Herausforderung. Aber wenn man Teil eines Büros wird, das für seine Architektur weltberühmt ist, muss man erst einmal seinen eigenen Platz finden. Andererseits haben einige unserer erfolgreichsten Projekte daraus Nutzen gezogen, dass wir mit unseren Architektinnen und Architekten zusammenarbeiten konnten. Es ist genau diese Möglichkeit, vom Wissen unserer Kolleginnen und Kollegen aus den Bereichen Architektur, Innenarchitektur, Landschaftsplanung oder Grafikdesign zu profitieren, die das Produktdesign von Snøhetta so einzigartig macht.

Snøhetta ist bei seinen Projekten immer in besonderer Weise um nachhaltige Lösungen bemüht. Wie gelingt das beim Produktdesign?
Eine der ersten Fragen, die wir uns bei jedem neuen Projekt stellen, ist, wie man im Rahmen der Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Auftraggeber das optimale Gleichgewicht zwischen ökologischer, sozialer und ökonomischer Nachhaltigkeit erzielen kann. Heutzutage lässt sich Nachhaltigkeit nicht auf eine Kennzahl oder die Verwendung eines bestimmten Materials reduzieren. Wir müssen herausfinden, wie ein Projekt und sein „Ökosystem“ den größtmöglichen positiven Gesamteffekt erzielen können. Es ist immer unser Ziel, ein Produkt auf den Markt zu bringen, das nachhaltiger ist als die bisher zur Verfügung stehenden Produkte.

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