Die Erfinder des Draußen
Pieter Van Puyvelde über Ingenieurskunst und organisches Design
Partner: Royal Botania
Royal Botania verbindet seit mehr als drei Jahrzehnten Design mit Ingenieurskunst. Im Interview erklärt Pieter Van Puyvelde, wie das belgische Familienunternehmen seine Produkte entwickelt, warum manche Ideen erst nach 14 Jahren marktreif werden und weshalb Luxus für ihn vor allem in den Details steckt.
Terrassen und Gärten werden heute ebenso selbstverständlich gestaltet wie Wohn- oder Esszimmer. Kaum ein Unternehmen hat diese Entwicklung im Premiumsegment so konsequent begleitet wie Royal Botania. Was Anfang der 1990er-Jahre mit dem Import einiger Teakmöbel begann, entwickelte sich innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem der international renommiertesten Hersteller hochwertiger Outdoor-Möbel. Bis heute entwirft Firmengründer Kris Van Puyvelde den Großteil der Kollektion selbst. Mit seinem Sohn Pieter arbeitet inzwischen die zweite Generation im Familienunternehmen.
Herr Van Puyvelde, Ihr Vater gründete Royal Botania, als Sie gerade einmal vier Monate alt waren. Wie wächst man in einem Unternehmen wie diesem auf?
Eigentlich gab es für mich nie ein Leben ohne Royal Botania. Ich bin einer von Vierlingen. Die Familie wuchs auf einen Schlag von zwei auf sechs – wir brauchten Geld. Nur vier Monate später gründete mein Vater darum mit einem Geschäftspartner das Unternehmen. Scheitern war schlicht keine Option. Am Anfang importierten die beiden einen Container mit Teakmöbeln aus Indonesien und verkauften ihn an einem Wochenende in Belgien. Danach folgte der nächste Container und kurz darauf der dritte. Als klar war, dass daraus mehr werden könnte, flogen sie nach Indonesien, um die Produktion selbst kennenzulernen. Mein Vater zeichnete bereits während des Flugs seinen ersten eigenen Stuhl und fragte den Hersteller, ob er ihn fertigen könne. Rückblickend war das wohl der Moment, in dem aus einem Importgeschäft ein Designunternehmen wurde.
War für Sie immer klar, dass Sie eines Tages einsteigen würden?
Nicht unbedingt. Ich wollte zunächst eigene Erfahrungen sammeln und arbeitete mehrere Jahre im Marketing bei einem Leuchtenhersteller. Als ich schließlich vor rund acht Jahren zu Royal Botania kam, war mein erster Gedanke: Wir müssen digitaler werden. Damals hatten wir weder eine zeitgemäße Website noch einen Konfigurator oder 3D-Daten. Die Herausforderung besteht seitdem darin, ein traditionsreiches Unternehmen weiterzuentwickeln, ohne seinen Charakter zu verändern.
Ihr Vater gilt als kreativer Kopf des Unternehmens. Wie erlebt man ihn als Designer?
Er hört eigentlich nie auf zu entwerfen. Die meisten Menschen fahren in den Urlaub, um abzuschalten. Mein Vater fährt in den Urlaub, um zu zeichnen. Meist kommt er mit zehn neuen Ideen zurück. Manchmal reicht als Inspiration eine Palme, die er irgendwo gesehen hat, oder eine ungewöhnliche Bewegung in der Natur. Fast alle unsere Produkte beginnen mit einer Beobachtung.
Ist das auch die Geschichte hinter dem neuen Sonnenschirm Anamon?
Genau, allerdings eine sehr lange (lacht). Die Idee entstand beim Tauchen. Mein Vater beobachtete eine Seeanemone, die ihre Tentakel öffnet und wieder zusammenzieht. Er wollte diese Bewegung mechanisch übersetzen. Das Problem war nur: Es funktionierte einfach nicht. Vierzehn Jahre lang entstanden immer neue Prototypen. Irgendwann räumte er seinen Schreibtisch auf, fand die alten Skizzen wieder und hatte plötzlich die entscheidende Idee für einen völlig neuen Mechanismus. Solche Momente kann man nicht planen.
Wenn Sie jemandem Royal Botania mit nur einem Produkt erklären müssten – welches wäre das?
Ich würde wahrscheinlich die Ninix Sonnenliege wählen. Sie ist seit mehr als 25 Jahren Teil unserer Kollektion und war damals ihrer Zeit weit voraus. Das Besondere ist nicht nur die filigrane Formensprache, sondern ein patentiertes Pumpsystem, mit dem sich die Rückenlehne mühelos verstellen lässt, ohne aufstehen zu müssen. Diese Verbindung aus Design- und Ingenieursleistung beschreibt unsere Marke sehr gut. Unsere Gestaltung entwickelt sich natürlich weiter. Früher standen Edelstahl, klare Linien und technische Präzision stärker im Vordergrund. Heute interessieren uns weichere, organische Formen, die häufig aus der Natur inspiriert sind, wie etwa bei unserer Kollektion Organix. Das bedeutet aber nicht, dass wir unsere DNA verändert haben. Im Gegenteil: Hinter jeder dieser Formen steckt dieselbe konstruktive Präzision und ausgefeilte Technik, wie früher.
Belgien ist Heimat zahlreicher international erfolgreicher Designmarken. Gibt es so etwas wie eine typisch belgische Designhaltung?
Davon bin ich überzeugt. Belgier*innen investieren traditionell sehr viel in ihr Zuhause und ihren Garten. Vielleicht liegt das auch an unserem wechselhaften Wetter. Wenn die Sonne scheint, möchten wir jede Minute draußen genießen. Deshalb erwarten wir von Outdoor-Möbeln eine noch höhere Qualität als von Möbeln im Innenraum. Belgisches Design ist für mich außerdem eher zurückhaltend. Es geht nicht darum, Aufmerksamkeit zu erzeugen, sondern Produkte zu entwickeln, die über viele Jahre funktionieren und Freude bereiten.
Viele Hersteller sprechen vor allem über Gestaltung. Sie sprechen oft über Technik.
Das liegt wahrscheinlich daran, dass mein Vater Ingenieur ist, ein Tüftler eben. Uns interessiert Technik allerdings nicht als Selbstzweck. Die beste Technik ist die, die niemand bemerkt. Wenn eine Verstellung intuitiv funktioniert oder ein Mechanismus vollständig integriert ist, dann haben wir unser Ziel erreicht. Dasselbe gilt für Materialien. Viele Menschen erkennen hochwertiges Teakholz auf den ersten Blick gar nicht. Nach zwanzig Jahren sieht man aber den Unterschied. Jüngeres Holz ist zwar günstiger, neigt jedoch eher dazu, zu reißen oder sich zu verziehen. Älteres Plantagen-Teak mit hohem natürlichen Ölanteil hält ewig – egal, ob das Möbel in der Sonne Dubais oder im skandinavischen Winter steht. Wir restaurieren heute noch Stücke, die wir vor 30 Jahren verkauft haben. Für mich ist genau das die überzeugendste Form von Nachhaltigkeit.
Warum sollte sich ein Architekt heute für Royal Botania entscheiden und nicht für einen Wettbewerber?
Weil wir sehr viel selbst kontrollieren. Wir besitzen unsere eigene Produktion in Thailand und begleiten den gesamten Fertigungsprozess – von der Materialauswahl bis zur Endmontage. Wir verwenden ausschließlich hochwertiges Plantagen-Teak, sodass wir Qualität und Herkunft lückenlos nachvollziehen können. Das Teakholz unserer eigenen Plantage ist noch zu jung für die Verarbeitung – langfristig soll aber auch dieses in unsere Produktion einfließen.
Ihre Produktwelt kann man im sogenannten Glass House in Antwerpen erleben. Warum lohnt sich ein Besuch?
Weil unser Showroom irgendwann zu klein wurde, beschloss mein Vater, selbst einen neuen zu entwerfen. Das Gebäude steht direkt an einer der meistbefahrenen Autobahnen Belgiens und fällt schon von Weitem auf, denn es erinnert an ein Gewächshaus, dessen Glasdach von emporwachsenden Bäumen durchbrochen wurde. Dahinter steckt eine Idee meines Vaters: Die Natur wird letztlich immer siegen. Ein Bild, dass unsere Philosophie eigentlich ziemlich gut beschreibt. Außerdem ist der Showroom mit über 3.000 Quadratmetern wirklich beeindruckend schön. Viele Besucher*innen bleiben erst einmal stehen und schauen nach oben. Genau diese Reaktion macht jedes Mal Spaß.
Welche Themen beschäftigen Royal Botania heute und in der Zukunft?
Wir denken längst nicht mehr nur in einzelnen Möbelstücken. Heute gestalten wir komplette Außenräume – mit Beleuchtung, Schirmen, Teppichen, Pflanzgefäßen und Möbeln. Um diese Gesamtkonzepte erleben zu können, liefert das Glass House den adäquaten Rahmen. Gleichzeitig verschwimmen die Grenzen zwischen Innen und Außen immer stärker. Viele Kundinnen und Kunden nutzen unsere Outdoor-Möbel inzwischen im Wohnbereich. Das gefällt mir, denn letztlich kann man gute Outdoor-Möbel überall verwenden – nur umgekehrt funktioniert es nicht.
Royal Botania
Jede Konstruktion und Gestaltung unserer Produkte basiert auf drei Schlüsselelementen: der Ästhetik, der Ergonomie und der Bautechnik. Diese Bausteine bestimmen die DNA jedes einzelnen Entwurfs. Die Kombination dieser grundlegenden Elemente mit gleichzeitiger Feinabstimmung ist unser Erfolgsrezept.
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