Happy Herkner!
Interview mit Sebastian Herkner anlässlich seiner Studiogründung vor zwanzig Jahren
Sebastian Herkner gehört zu den Gestalter*innen, die nicht wegzudenken sind aus der internationalen Designszene. Er hat Leuchten und Möbel entworfen, die zu Klassikern avanciert sind. Wir haben ihn gefragt, ob solch eine fulminante Karriere heute noch möglich wäre und was hinter seinem Erfolg steckt.
Wir erreichen Sebastian Herkner telefonisch, kurz bevor er nach Chicago zur Büromöbelmesse NeoCon reist – und dann weiter nach Kopenhagen zu den 3daysofdesign. Irgendwie passt dieses rasante Tempo zu dem Offenbacher Designer, der noch während des Studiums sein gleichnamiges Studio gründete und ziemlich schnell Karriere machte.
Musst Du Dich manchmal zwicken, wenn Du siehst, welchen Weg Du in den letzten zwanzig Jahren zurückgelegt hast? Dass Du zu einem der erfolgreichsten Designer*innen überhaupt geworden bist?
Nein, zwicken muss ich mich nicht. (lacht) Es ist ja nicht so, dass ich mich zurückgelehnt und gewartet hätte, dass etwas passiert. Im Gegenteil: Ich habe in den letzten zwanzig Jahren hart gearbeitet und bin dankbar für das, was ich bisher erreicht habe.
Du hast Dich während Deines letzten Studienjahres an der Hochschule für Gestaltung (HfG) Offenbach selbstständig gemacht. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Ich habe fast ein Jahr als Praktikant bei Stella McCartney in London gearbeitet und schon damals ist mir klar geworden, dass ich nicht als angestellter Designer bei einem großen Unternehmen arbeiten wollte. Auch wenn meine Zeit dort eine tolle Erfahrung war und ich viel gelernt habe, beispielsweise in Bezug auf Farben: Ich wollte Möbel machen und nicht einfach nur die Entwürfe anderer ausführen.
Wie lange hat es nach Deiner Studiogründung gedauert, bis Du von Deiner Arbeit als Designer leben konntest?
Ungefähr fünf bis sechs Jahre, würde ich sagen. Ich habe zuerst von zu Hause aus gearbeitet – erst allein, dann zusammen mit einem Praktikanten. Gleichzeitig habe ich an der HfG Offenbach als Assistent bei Professor Peter Eckart gearbeitet, um mir etwas hinzuzuverdienen.
Womit hattest Du Deinen Durchbruch als Designer?
Ganz klar mit dem Bell Table, den ich 2009 auf dem Salone Satellite in Mailand vorgestellt hatte – neben zwei weiteren Prototypen. Er wurde dann kurzzeitig von einem spanischen Hersteller produziert, doch erst mit ClassiCon kam 2012 der Durchbruch. Im selben Jahr habe ich auch den Sessel Coat für Moroso auf dem Salone del Mobile gezeigt.
Junge Designer*innen erzählen mir oft, dass die Herstellung von Prototypen sehr teuer ist. Wie hast Du das in Deiner Anfangszeit finanziert? Der Bell Table beispielsweise wird ja mundgeblasen, was ziemlich kostspielig ist.
Ich habe den Prototypen des Bell Table bei Poschinger und bei einem Metalldrücker in Bad Vilbel herstellen lassen. Das hat damals etwa 3.000 Euro gekostet, was für mich eine ziemlich hohe Investition war – zusätzlich zu den Messekosten in Mailand.
Haben Dich Deine Eltern finanziell unterstützt?
Sie haben mir einen iMac gekauft, aber sonst habe ich alles selbst verdient. Schon als Jugendlicher habe ich Nebenjobs gemacht. Neben meiner Arbeit an der Uni habe ich auch auf 400-Euro-Basis im Einzelhandel gearbeitet. So hatte ich knapp 2.000 Euro im Monat zum Leben und Prototypenbauen zur Verfügung.
Ich kann mich erinnern, dass Du als noch unbekannter Designer Deine Entwürfe auch auf Messen wie Ambiente in Frankfurt und imm cologne in Köln ausgestellt hast. Dort gab es damals ziemlich professionelle Newcomer-Bereiche. Was hat diese Förderung für Dich und Deine Karriere bedeutet?
Diese Messen waren und sind sehr wichtig für meine Karriere. Im Unterschied zum Salone Satellite hat die Teilnahme an der Ambiente und imm cologne als Newcomer damals nichts gekostet. Ich habe in Frankfurt Hersteller wie Pulpo kennengelernt und auch erste Kontakte zu Journalist*innen geknüpft. Die Ambiente war ja damals echt spannend – dort konnte man Stefan Diez, Konstantin Grcic und Alfredo Häberli an den Messeständen treffen.
Gab es Menschen, die auf Deinem Weg als Designer besonders wichtig für Dich waren?
Sicherlich Oliver Holy, der den Mut hatte, den Bell Table zu produzieren, obwohl der Tisch als Produkt damals überhaupt nicht in das Portfolio von ClassiCon passte. Dort war Chrom das vorherrschende Material und nicht Glas und Messing. Neben Marva Griffin vom Salone Satellite war auch Nicolette Naumann von der Frankfurter Messe Ambiente sehr wichtig für mich. Sie hat mich beispielsweise nach Tokio und Shanghai eingeladen, wo ich Vorträge gehalten habe und ansonsten die Städte erkunden konnte.
Was hast Du nicht an der Universität gelernt, aber im Designer-Alltag unbedingt gebraucht?
Alles, was mit Bürokratie zusammenhängt. Verträge machen und aushandeln beispielsweise. Da habe ich sicherlich den einen oder anderen Fehler gemacht, der sich bis heute auswirkt. (lacht) Am Anfang habe ich auch jedem vertraut, bis ich festgestellt habe, dass es den angeblichen Standardvertrag gar nicht gab und andere Designer andere Lizenzen bekamen. Vertrauen ist sehr wichtig für mich in der Zusammenarbeit mit Herstellern.
Ich glaube, dass ein Großteil Deines Erfolgs nicht nur darauf beruht, dass Du ein guter Designer bist und die Gabe hast, Deinen Kund*innen zuzuhören und auf ihre Bedürfnisse einzugehen, sondern auch darauf, dass Du eigentlich fast immer gut gelaunt und freundlich bist. Kann das sein?
Ich glaube, es bringt einen generell weiter, freundlich zu sein. Ich finde es auch wichtig, Respekt vor den Menschen zu haben, die in den Unternehmen arbeiten – egal ob sie Prototypen bauen oder die Räume reinigen. Jeder ist Experte in seinem Bereich und wir sitzen alle in einem Boot.
Welches sind Deine bestverkauften Produkte bisher?
Mbrace für Dedon, Bell Table für ClassiCon, Oda für Pulpo, 118 für Thonet, Ginger für Ondarreta und Seba für Davis Furniture.
Hast Du ein Wunschprojekt, das Du gern einmal umsetzen würdest?
Eine Küche zu entwerfen, das wäre toll. Oder ein Interiorprojekt. Ich bin aber ziemlich dankbar für das, was ich bisher schon alles entwerfen durfte. Zufriedenheit ist wichtig für mich. Es muss nicht immer mehr und mehr sein.
Die Situation in der Möbelindustrie ist ja gerade alles andere als rosig. Hast Du eigentlich manchmal noch Existenzängste? Inzwischen hast Du ja ein großes Designstudio in Offenbach und bist für fünf Mitarbeiter*innen verantwortlich.
Es ist gerade eine ziemliche Achterbahnfahrt und natürlich spüre auch ich die Wirtschaftskrise. Überall herrscht Unsicherheit. Man muss immer am Ball bleiben – dieser Job ist kein Selbstläufer, selbst wenn man sich einen gewissen Ruf erarbeitet hat. Sich heutzutage als Designer zu etablieren, ist viel schwerer als vor zwanzig Jahren. Den Unternehmen fehlt inzwischen der Mut, mit unbekannten Designern zusammenzuarbeiten – so wie Cappellini oder Moroso in meinen Anfängen.
Dieser Shift zeigt sich auch immer mehr auf Designevents wie der Milan Design Week, bei denen längst die Inszenierungen großer und finanzkräftiger Mode- und Automobilkonzerne im Vordergrund stehen. Wie findest Du das?
Für mich geht es in die falsche Richtung, wenn statt Produkten nur noch Inszenierungen im Mittelpunkt stehen. Als ich damals den Bell Table in Mailand gezeigt habe, kam er in einem Artikel der Wallpaper unter die Top 5, nun stehen dort Buchpräsentationen oder andere Sondershows finanzstarker Mode- oder Tech-Unternehmen. Es ist ein harter Kampf um Aufmerksamkeit – gerade die kleineren und mittelgroßen Firmen entscheiden sich deshalb für eine Teilnahme an den 3daysofdesign in Kopenhagen, weil sie gegen die Big Player und Luxusunternehmen in Mailand keine Chance haben, gesehen zu werden.
Würdest Du sagen, dass die Möbelbranche insgesamt brutaler wird?
Vertragsverhandlungen werden auf jeden Fall immer schwieriger, gerade wenn hinter den Herstellern große Investorengruppen stehen, die so viel Geld wie möglich aus ihren Investments ziehen wollen. Mit Familienunternehmen zusammenzuarbeiten ist sicherlich angenehmer, auch weil die Ansprechpartner über eine lange Zeit dieselben sind.Du scheinst trotzdem ziemlich gelassen zu sein.Ich bin viel unterwegs, mache Akquise und knüpfe neue Kontakte. Immer am Ball bleiben und an möglichst vielen Orten sein – das ist mein Credo. Aber seit ich Vater geworden bin, haben sich meine Prioritäten auch ein wenig verschoben und ich sehe inzwischen einiges gelassener. Ich sitze beispielsweise gerade auf dem Spielplatz und gebe Dir ein Interview. (lacht)
Sebastian, danke für das Gespräch – und gute Reise!
Studio Sebastian Herkner
sebastianherkner.comMehr Menschen
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