Gebrauchte Segel und kreative Türstopper
Fünf Ausstellungen der 3daysofdesign rückten Material, Werkzeug und Gestaltung ins Zentrum
Was wird sichtbar, wenn Ausstellungen einen klaren Rahmen setzen? Bei den 3daysofdesign in Kopenhagen dienten Material, Werkzeug oder kuratorische Konzepte in mehreren Projekten als Ausgangspunkt für unterschiedliche Positionen im zeitgenössischen Design.
Seeking Sails: Material im Mittelpunkt
Zu den gelungensten Ausstellungen dieser Art gehörte Seeking Sails in der Schweizer Botschaft. Initiiert und organisiert vom Deutsch-Schweizer Designduo Hannes & Fritz, drehte sich dabei alles um gebrauchte Segel und Segelreste aus der Produktion als Material. Zwölf Schweizer und dänische Studios waren dabei, unter anderem Maria Bruun, Aspekt Office, Julie Richoz, Alexandra Gerber und das bei diesen 3daysofdesign omnipräsente Studio Panter Tourron. Gerber und Panter Tourron zeigten jeweils Loungechairs, bei denen der Sitz ganz aus Segelstoff besteht. Maria Bruun wiederum laminierte mehrere Lagen zu einem festen Material, aus dem sie Wandhaken presste. Schöne Leuchten waren ebenfalls zu sehen, etwa die einfache, aber atmosphärische Wandleuchte von David Schofield oder die Clipper-Tischleuchte von Aspekt Office, die das Textil zu einem dreidimensionalen Schirm aufspannt. Zur Ausstellung gehörte auch ein lasergesteuerter Schneidetisch, mit dem während der Öffnungszeiten kleine Objekte wie Schlüsselanhänger aus dem Segelstoff hergestellt wurden. jj
Stop / Go: Objekte der Erkenntnis
Nach demselben Prinzip wie Seeking Sails konzipiert war die Gruppenausstellung Stop / Go im Goethe-Institut Kopenhagen, die sich ganz der Typologie des Türstoppers widmete. In diesem Fall waren insgesamt 19 Designer*innen und Studios beteiligt. Angestoßen und kuratiert hatte die Schau das Designduo Hahn & Cuesta Wolf. Das so bescheidene Objekt mit der eindeutigen Funktion inspirierte die Teilnehmer*innen zu einer erstaunlichen Vielfalt: von den mit Griff versehenen Steinbrocken von Philipp Witte bis zur federleichten Drahtstruktur von Martha Sophie Kikowatz. Hahn & Cuesta Wolf konzipierten ein rundes Podest aus Reststoffen, das mit vertikalen Holzwerkstoff-Platten Türen andeutete und den Stoppern eine Bühne bot. Mit Stop / Go wollten die Initiatoren nicht nur Objekte ausstellen, sondern auch „Haltungen, Methoden und Arbeitsweisen“, wie sie im begleitenden Booklet schreiben. Studio Œ ließ einen eisernen Keil in einer mehrere hundert Jahre alten Schmiede mitten in Berlin fertigen. Silvio Rebholz und Paul Rees wiederum konstruierten ihren Entwurf Antilibrary aus vorgefundenen Objekten: Ein handelsüblicher Tauchring bildet die Basis, darauf werden Bücher gestapelt und mit einem Band oder einer Schnur zusammengebunden. Ponton Works zeigte Humor mit dem runden Mini-Teppich fuzz: ein Kommentar zur nervigen Alltagssituation, wenn ein Teppich oder Vorleger unter eine Tür gerät und sie blockiert. Stop / Go war sicher nicht nur eine der kleinsten Ausstellungen der diesjährigen 3daysofdesign, sondern zugleich auch eine der erkenntnisreichsten, was Perspektiven und Strömungen in der zeitgenössischen Gestaltung angeht. jj
VÆRKTØJ 3: Die Logik des Werkzeugs
Dass eine identische Aufgabenstellung auch über technische Vorgaben definiert werden kann, bewies das Ausstellungsformat VÆRKTØJ (dänisch für „Werkzeug“). Das von den Designern Jonas Trampedach, Kasper Salto, Frederik Weber, Gustav Dupont und Michael Antrobus initiierte Projekt versteht sich als Experiment der Selbstbeschränkung: Für jede Ausgabe wird den teilnehmenden Gestalter*innen ein Werkzeug als Ausgangspunkt vorgegeben. Nach dem Flacheisenbieger und der Werkstattpresse widmete sich die dritte Edition der Nähmaschine. Diese wurde nicht als neutraler Ausführer, sondern als aktiver Parameter begriffen, der die Ideenfindung beeinflusst und seine Spuren im Entwurf hinterlässt. Wie facettenreich dieser Prozess ausfallen kann, zeigten die Ergebnisse der zehn Designstudios: Während Erwan Bouroullec für sein Sofa Avalanche zum Beispiel das leichte, strapazierfähige Kunstvlies Tyvek nutzte, um das Thema Minimalismus direkt an der Maschine zu verhandeln, erkundete das Designstudio von Foster + Partners mit seiner Leuchtenkollektion Lomme die konstruktiven Qualitäten des Fadens. Hier verband die Naht nicht nur Segmente, sondern definierte durch einen Stich eine geometrische Faltung, die der Leuchte ihre dreidimensionale Struktur verlieh. Einen handwerklichen Kontrapunkt setzte Sia Hurtigkarl: Ihr Stuhl En Sejlmagers Stol griff Nähtechniken des Segelmacher-Handwerks auf. Aus ausrangiertem Segeltuch formte sie einen hängemattenartig geschwungenen Korpus, der die Spuren seines früheren Lebens auf See in eine skulpturale Sitzform überführt. kh
Holder Objects: Design im Dialog mit Europa
Bei dem Ausstellungsformat + other circle brachte die in Berlin beheimatete Online-Galerie Holder Objects lateinamerikanisches Design in den Norden Kopenhagens – als kuratierte Auseinandersetzung mit Material, Herkunft und zeitgenössischer Form. Gegründet wurde die Plattform von der Designerin Trinidad Davanzo und dem Architekten Camilo Palma, um lateinamerikanisches Design in Europa bekannter zu machen. Sie verstehen Design als kulturelle Vermittlung zwischen Kontinenten. Dabei geht es ihnen weniger um Repräsentation im klassischen Sinn als um die Sichtbarmachung lokaler Ressourcen, Werkstätten und Wissensformen in einem globalen Zusammenhang. In der Ausstellung zu sehen waren Möbel und Objekte aus jeweils einem Material von Studios aus Mexiko, Chile und Argentinien, darunter Panorammma, Rodrigo Bravo und Ries Studio. Im Zentrum stand die Frage, wie stark Materialien Identität tragen können. Patagonische Eiche, Vulkanstein oder sandgegossenes Aluminium dienten nicht bloß als ästhetische Oberfläche, sondern als Speicher geografischer, handwerklicher und kultureller Zusammenhänge. Die Arbeiten verbinden lokale Fertigungstechniken mit einer reduzierten, teils fast architektonischen Formensprache – und widersprechen damit gängigen Klischees, die lateinamerikanisches Design noch immer vorschnell mit Ornament, Folklore oder dekorativer Überfülle gleichsetzen. mbf
Ukurant Makes Room: Von großer Klarheit
Der Charme der 3daysofdesign besteht auch darin, dass viele Ausstellungsorte und Showrooms mitten in der Stadt liegen und bequem zu Fuß zu erreichen sind. Die diesjährige Ausgabe von Ukurant gehörte zu den wenigen Programmpunkten, die für Kopenhagener Verhältnisse weit draußen lagen. Dafür gab’s Platz und Licht im Überfluss: Das Format für junges Design nutzte die Halle der Kunst- und Designstiftung Fabrikken, eine ehemalige Produktionshalle mit Sheddächern und rund 1.000 Quadratmeter Fläche. In diesem beeindruckenden Raum waren die insgesamt 26 Arbeiten von Designerinnen und Designern im Raster angeordnet, jeder Beitrag auf einem eigenen, weißen Podest. Die Präsentation – wie die Auswahl verantwortet von den Ukurant-Gründer*innen Kasper Kyster, Josefine Krabbe, Kamma Rosa Schytte und Lærke Ryom – brachte in ihrer Klarheit die Objekte optimal zur Geltung: vom gläsernen Kerzenleuchter bis zum textilen Wandbehang. 2019 gegründet, versteht sich Ukurant als Plattform, die Gestalter*innen beim Einstieg ins Berufsleben helfen und zugleich Raum für künstlerische und experimentelle Positionen bieten will. Aus diesem vermeintlichen Gegensatz heraus speiste sich eine interessante Auswahl an Arbeiten von durchweg hoher Qualität. Mit dabei waren Designer*innen und Studios aus ganz Europa, von Finnland über Großbritannien bis Italien. jj
3daysofdesign
www.3daysofdesign.dkMehr Stories
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