Kollektiv als Prinzip
Interview mit Lisa Ertel und Anne-Sophie Oberkrome von Studio Œ in Berlin
Partner: Vitra
Lisa Ertel und Anne-Sophie Oberkrome arbeiten mit ihrem Studio Œ auf der Grundlage von Kooperation, Recherche und Experiment. Für Vitra entwickelten die Berliner Designerinnen jüngst den Loungechair Bascule. Dafür bedienten sie sich bei der Mode und beobachten die kleine Routinen, mit denen wir es uns gemütlich machen.
Eure gemeinsame Arbeit reicht bis ins erste Semester zurück. Was hat Euch von Anfang an verbunden?
Lisa Ertel: Wir haben beide in Karlsruhe Produktdesign mit dem Nebenfach Kommunikationsdesign studiert und bereits im ersten Semester an einem Projekt zusammengearbeitet. Das hat so gut funktioniert, dass wir auch in den folgenden Semestern immer wieder gemeinsam an Projekten gearbeitet haben. Nach unserem Diplom haben wir den Kreis erweitert und in Karlsruhe ein Designer*innenkollektiv gegründet, mit dem wir Projekte und Ausstellungen realisiert haben. Parallel dazu waren wir als akademische Mitarbeiterinnen an der Hochschule tätig und haben dort ein Biodesign-Lab aufgebaut.
Wann wurde aus Eurer langjährigen Zusammenarbeit ein gemeinsames Studio?
Anne-Sophie Oberkrome: Mit der Pandemie haben wir uns beide beruflich und räumlich neu orientiert und sind nacheinander in Berlin gelandet. Der Ortswechsel war für uns ein Anlass, unserer Zusammenarbeit eine neue Ernsthaftigkeit zu geben. Wir haben Studio Œ gegründet, an unserer eigentlichen Arbeitsdynamik hat sich dadurch aber praktisch gar nicht viel verändert.
Mit dem Loungechair Bascule habt Ihr Euer erstes Produkt für Vitra entworfen. Seine Funktion war durch die Mechanik bereits definiert, die Form musste sich noch daraus entwickeln. Wie seid Ihr vorgegangen?
Lisa Ertel: Interessanterweise war unsere Unvoreingenommenheit mit ein Grund für Vitra, uns zu kontaktieren. Vitra hat sich ein junges Studio mit einer frischen Perspektive gewünscht – und das hat bei diesem Entwurf für beide Seiten sehr gut funktioniert. Dadurch, dass wir noch nicht mit jahrzehntelanger Erfahrung im Gepäck kamen, haben wir viele Fragen gestellt. Dabei haben wir auch Dinge hinterfragt, die man sonst vielleicht für gegeben genommen hätte. Wir sind intuitiv unseren Weg gegangen und das hat dazu geführt, dass das Möbel einen ganz eigenen Charakter bekommen hat.
Welche Parameter wurden Euch mit auf den Weg gegeben?
Anne-Sophie Oberkrome: Vitra hatte bereits an dem Kippmechanismus gearbeitet, die den fliessenden Übergang von der Sitz- zur Liegeposition ermöglicht. Auf dessen Grundlage konnten wir ein maßstäbliches Mock-up bauen. Wir haben mit ersten Assoziationen zur Beweglichkeit angefangen, haben Textil drapiert und geschaut, wie es sich mit den Positionsänderungen verhält. Unser Zugang war dabei vor allem handwerklich, also mit der Nähmaschine und direkt am Möbel. Wir haben uns bewusst gegen digitale Werkzeuge entschieden, weil sie zu anderen, vielleicht weniger organischen und dynamischen Ergebnissen führen. Natürlich werden viele Polstermöbel in 3D-gestaltet – aber das sieht man ihnen oft auch an.
Im Grunde habt Ihr mit dem Sesselskelett wie Modedesigner*innen gearbeitet, die ein Modell haben und ihm dann ein Kleidungsstück entwerfen?
Lisa Ertel: Kleidung wird immer mit Blick auf Körper und Bewegung gestaltet. Wir mussten hier allerdings nicht nur die Bewegung des Sessels, sondern auch das Gewicht und die Bewegung des Körpers mitdenken. Durch den Mechanismus wird der Sessel gewissermaßen zum Daybed und diese große Spannweite muss auch das Textil mitmachen. Der Bezug zum Schneidern war im Entwurfsprozess deshalb tatsächlich näher als der zum klassischen Polstern.
Der Sessel hat tatsächlich Mantelcharakter: mit Kragen, weichen Formen und einer umhüllenden Geste. Wie seid Ihr zu diesen Details gekommen?
Lisa Ertel: Wir haben uns von ganz unterschiedlichen Bereichen inspirieren lassen. Der Sessel hat einen Kragen, der nach außen läuft, ihm eine klare Silhouette gibt und ihn zugleich einrahmt. Dazu kam eine Alltagsbeobachtung: Wenn man es sich gemütlich machen möchte, nimmt man gern ein Kissen und schiebt es hinter den Kopf, bis es genau passt. Bascule greift diese Geste auf und hat ein verschiebbares Kissen als Kopfstütze. Auch die knautschigen Details haben eine kommunikative Funktion. Sie vermitteln, dass der Sessel komfortabel und bequem ist und dass man keine Hemmungen haben muss, sich hineinzufläzen und es sich gemütlich zu machen.
In Euren Entwürfen steckt häufig mehr als die unmittelbare Funktion – eine Beobachtung, eine Referenz, manchmal auch ein Augenzwinkern. Wie entsteht diese zusätzliche Ebene?
Lisa Ertel: Ein Impuls kann ein Material sein, das uns Lust macht, all seine Möglichkeiten auszuspielen, oder eine alte Handwerkstechnik, die wir in einen aktuellen Kontext übertragen. Aber auch kleine Beobachtungen, Rituale oder Geschichten können der Ausgangspunkt sein. Wir hatten einmal ein Projekt namens Genius Loci, für das wir gemeinsam mit einem Kollektiv aus Europa zu einer Klosterruine gefahren sind. Vor Ort haben wir mit einem Geschichtenerzähler gesprochen, mit dem lokalen Stein gearbeitet und uns mit den Symboliken und Mythen des Dorfes auseinandergesetzt. Da findet man einen solchen Schatz an Interessantem, den man aufgreifen und in etwas Neues übersetzen kann. Und genau dieses Vorgehen ist eigentlich typisch für unsere Arbeit: Wir versuchen, Dinge erst einmal genau zu betrachten, ihre Besonderheiten und Zusammenhänge zu verstehen und daraus etwas zu entwickeln.
Ihr arbeitet viel mit Kollektiven zusammen und schafft Euch mit Euren Ateliergemeinschaften immer wieder Räume für gemeinsames und interdisziplinäres Arbeiten. Was ermöglicht Euch diese Form der Zusammenarbeit?
Anne-Sophie Oberkrome: Auf jeden Fall ist das ein wichtiger Teil unserer Praxis. Das Kollektiv bietet uns die Möglichkeit, uns eigene Themen zu setzen, persönlichen Interessen nachzugehen und Projekte im eigenen Tempo zu entwickeln. Gleichzeitig ist dieser Ort für uns ein Spielfeld, auf dem wir interdisziplinär arbeiten können – zwischen Produktdesign, Kommunikationsdesign und Kunst. Wir verstehen ihn auch als eine Art Testfläche: Ideen und Arbeitsweisen, die hier entstehen, können später wiederum in Auftragsprojekte einfließen. Wir versuchen, uns diesen Raum zu bewahren, auch wenn es zunehmend schwieriger wird, dafür Zeit und Kapazitäten zu finden. Selbst initiierte Projekte sind für uns eine Investition – aber eine, die wir für unsere Arbeit als sehr wichtig empfinden.
2023 wart ihr Teil von FARM, wo Ihr euch gemeinsam mit sechs weiteren Gestaltenden über ein Jahr mit dem Alltag und der Dingwelt eines Biohofs auseinandergesetzt habt. Welche Erfahrungen habt Ihr aus diesem Projekt mitgenommen?
Anne-Sophie Oberkrome: Es war spannend, sich aus der Perspektive von Gestaltenden auf die unmittelbare Realität und den Alltag eines Hofes einzulassen und gemeinsam mit den anderen Teilnehmenden und den Menschen vor Ort zu arbeiten. Gleichzeitig hatten wir einen konkreten Kontext, in dem wir unseren eigenen Fragestellungen folgen konnten. Interessant ist, dass viele dieser Erfahrungen über das eigentliche Projekt hinaus weiterwirken. Für uns sind solche Projekte deshalb auch eine Art langfristige Recherche: Man setzt sich mit einem Thema auseinander, ohne vorher genau zu wissen, wohin es führt.
Wie fließen solche Beobachtungen und Recherchen in Eure konkrete Entwurfsarbeit ein?
Anne-Sophie Oberkrome: Einer unserer ersten größeren Aufträge kam von Mattiazzi. Für deren Kollektion konnten wir zwei Serien von Holzmöbeln entwickeln. Auch dabei haben wir mit Alltagsbeobachtungen gearbeitet. Für einen Entwurf haben wir etwa in Bars darauf geachtet, wie Menschen mit Barstühlen umgehen. Dort wird nicht nur gesessen: Man lehnt sich an, hängt etwas über die Lehne, stellt die Tasche ab oder zieht sich näher an den Tresen. Diese unterschiedlichen Arten der Nutzung sind in den Entwurf von DOPO eingeflossen. Das vierte Bein ragt etwas über die Sitzfläche hinaus und unterstützt genau diese verschiedenen Formen der Interaktion mit dem Hocker.
Wie unterscheidet sich der Standort Berlin vom Arbeiten in Karlsruhe?
Lisa Ertel: In Karlsruhe hatten wir eine kleine Bubble und konnten relativ frei von Ablenkungen und sehr konzentriert arbeiten. In Berlin ist das Netzwerk viel größer, gleichzeitig fühlt sich die Kreativszene hier erstaunlich freundschaftlich an. Der Austausch ist gerade für uns als Studio sehr wertvoll: Man trifft sich auf Veranstaltungen, tauscht sich aus, und immer wieder entstehen daraus neue Möglichkeiten – wie etwa das neu gegründete Designevent Currents. Gleichzeitig gibt es in Berlin noch einige traditionelle Handwerksbetriebe. Mit einem Metalldrücker haben wir beispielsweise unsere Uhr Belle entwickelt. Seine Werkstatt ist wie eine Wunderkammer, voller alter Maschinen und mit einem ganzen Archiv historischer Holzformen. In Kreuzberg gibt es noch eine alte Bürstenfabrik, in Rixdorf steht eine der ältesten Schmieden Berlins. Solche Orte und Betriebe sehen wir als Ressourcen, die wir im Hinterkopf behalten, bis sich eine passende Verbindung zu einem Projekt ergibt.
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