Weben im Wedding
Werkstattbesuch bei den Gründerinnen von Studio Jumi in Berlin
Wie es aussieht, wenn zwei Quereinsteigerinnen ein altes Handwerk neu interpretieren, zeigt Studio Jumi. Julia Buntzel und Miriam Rose Gronwald verweben Kunst und Design – und zwar im wortwörtlichen Sinn. Dabei entstehen komplexe Werke aus teils ungewöhnlichen Materialien, darunter recycelte Fahrradreifen.
Es gibt sie noch, die magischen Orte in Berlin. Julia Buntzel und Miriam Rose Gronwald sind vor gut einem Jahr aus einer historischen Heizkörperfabrik in Köpenick in ein neues Studio gezogen. Es ist in einem zweistöckigen Neubau von BARarchitekten im Hinterhof einer gründerzeitlichen Blockrandbebauung im Bezirk Wedding untergebracht. Sie hätten lieber in Zentrumsnähe arbeiten wollen, mit direktem Kontakt zur Kunst- und Designszene, erklären sie ihren Standortwechsel.
Berliner Hinterhofidylle
Während sich im Erdgeschoss des Gebäudes Werkstätten, Studios und auch das Atelier des Künstlers John Bock befinden, sind im Obergeschoss Wohnungen untergebracht, die über zwei metallene Außentreppen erschlossen werden. Dort, wo heute das lang gestreckte Gebäude auf einem schmalen Grundstück steht, befanden sich früher Garagen, erzählt Miriam. Wir sitzen draußen, denn es gibt einen Garten, den sich die Mieter*innen des Erdgeschosses teilen, während es im Obergeschoss einen durchgehenden Balkon gibt. Die beiden Gestalter*innen haben Bänke und einen Tisch aufgestellt. Darauf liegen die eigenen gewebten Entwürfe. Miriams Hündin Malika – ein durchaus imposanter Ridgeback – hat es sich auf dem Rasen bequem gemacht.
70 Quadratmeter Open Space
Die Glastüren zum Studio sind geöffnet, sodass Innen- und Außenbereich quasi ineinander übergehen. Das Atelier besteht aus einem einzigen Raum, nur das Badezimmer ist abgetrennt. Der 70 Quadratmeter große Open Space wird dominiert von mehreren großen Webstühlen aus Holz, die die Gestalterinnen gebraucht gekauft haben. Regale mit Werkzeugen und Garnspulen säumen die Wände, an denen auch Moodboards hängen. Deckenfenster bringen Tageslicht ins Innere. Hinzu kommt eine Arbeitsecke, die zugleich als Essplatz dient – mit einem großen Holztisch, den sie von der vorherigen Mieterin des Studios übernommen haben. Dass Miriam und Julia kräftige Farben lieben, sieht man auch der maßgefertigten Küche an, die von Roh Studio aus Berlin entworfen wurde. Zur Küchenzeile in intensivem Rot gesellt sich ein schmales Regal in Rosa, was im Kontrast zum Sichtbeton besonders wirkungsvoll ist.
Auf Umwegen zur Handweberei
Miriam Rose Gronwald und Julia Buntzel sind auf Umwegen zur Weberei gekommen. Zuvor waren die Mitdreißigerinnen in anderen kreativen Berufen tätig. Während Miriam professionelle Tänzerin am Staatstheater in Nancy und bei der Gauthier Dance Company war, studierte Julia Bildhauerei an der Kunsthochschule Weißensee. Beide fanden selbständig zur neuen Tätigkeit: Miriam reiste durch Laos, fand das dortige Weberei- und Stickereihandwerk spannend und machte kurzentschlossen ein Praktikum bei Patricia Cheesman von Studio Naenna in Thailand. Julias Begeisterung entstand während ihres Bildhauerei-Studiums, als sie das Webereihandwerk über das Färben von Textilien für sich entdeckte und in den Werkstätten der Uni experimentieren konnte.
Vor acht Jahren dann trafen sich die beiden im Wendland, wo sie am Werkhof Kukate eine berufsbegleitende Ausbildung zur „Textilgestalterin im Bereich Handweben“ absolvierten. Auf dem historischen Hof lernten sie die klassische Handweberei und alle damit verbundenen Techniken. Diese künstlerische und zugleich praxisnahe Ausbildung unterscheidet Studio Jumi von anderen Gestalter*innen: Miriam und Julia stellen sämtliche ihrer Arbeiten selbst her. Deshalb können sie es sich auch nicht vorstellen, für Hersteller oder Brands zu arbeiten, die woanders produzieren. Dementsprechend ist die Auslagerung der eigenen Produktion keine Option für sie.
Mehrere Standbeine
Nachdem sie sich ihm ersten Jahr ihrer Gründung mit einem Stipendium und Nebenjobs über Wasser hielten, können Julia und Miriam inzwischen von ihrer künstlerischen Arbeit selbstständig leben, erzählen sie. Das ist ziemlich bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass sie ihr Studio erst 2022 gegründet haben. „Wir waren relativ naiv und sind da einfach Hals über Kopf reingesprungen“, erzählt Julia. Doch das Geschäftsmodell von Studio Jumi ist wohlüberlegt und gründet auf mehreren Pfeilern: Sie produzieren eigene Entwürfe, setzen Werke für andere Künstler*innen um und fertigen raumspezifische Arbeiten für Architekt*innen.
Außerdem bieten die beiden Kreativen Webereikurse in ihrem Studio an. Ziel sei es dabei auch, das Wissen über das Handwerk weiterzugeben und die Wertschätzung für handgefertigte Produkte zu fördern, sagen die Künstlerinnen. Sie hätten schon bei ihrer Ausbildung auf dem Werkhof Kukate bemerkt, dass sie ähnliche Visionen gehabt hätten, nämlich die Etablierung der Handweberei als Kunstform. Mit Agnes Martin und Anni Albers haben sie zudem dieselben künstlerischen Vorbilder.
Kunst, nicht Design
Die Gründerinnen von Studio Jumi verstehen sich als Künstlerinnenduo, weshalb sie ihre Arbeiten auch über Galerien verkaufen. In Berlin werden sie seit drei Jahren von Maj van der Linden vertreten, die sich auf Collectible Design spezialisiert hat. Sie hätten sich dort auf einen „Summer Call“ hin beworben und durften gleich eine Solo-Show bestücken. Miriam zeigt uns eine kleine gerahmte Webarbeit für rund 650 Euro. Preislich liegt sie damit am unteren Ende der Arbeiten von Studio Jumi. Am Anfang sei es nicht leicht gewesen, den Wert ihrer Arbeiten zu vermitteln, gibt Julia zu. Doch die Gestalterinnen berichten von einem zunehmenden Interesse am Handwerk, auch wenn Deutschland ein schwieriger Markt sei. Deshalb möchten sie ihre Arbeiten auch verstärkt im europäischen Ausland zeigen.
Von ihrem Ziel rücken sie trotz aller Unwägbarkeiten jedenfalls nicht ab: Studio Jumi will Textilien von Vorurteilen befreien und sie als harte, metallische oder dreidimensionale Kunstwerke etablieren statt als weiche, rein funktionale Arbeiten. Sich selbst bezeichnen sie übrigens eher als Träumerinnen mit Vision statt als knallharte Strateginnen. „Wir sind leidenschaftlich in dem Sinne, dass wir sehr viel arbeiten“, sagt Miriam. „Vielleicht wäre es sinnvoller, strategischer zu sein, aber wir merken erst durch das Machen, was funktioniert und was nicht.“
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