Von Munch und Möbeln
Studiobesuch bei Andreas Engesvik und Jannicke Grung in Oslo
Andreas Engesvik ist ein zurückhaltender Mensch, was man auch seinen Arbeiten ansieht. Für Hersteller wie Hay, Vestre und Muuto entwirft er Möbel und Accessoires mit Fokus auf Materialien. Wir haben den Designer in Oslo besucht, wo er gemeinsam mit Jannicke Grung lebt und arbeitet.
Homansbyen ist ein vornehmer Stadtteil der norwegischen Hauptstadt, in dem Altbauten aus der Jahrhundertwende die baumbestandenen Straßen säumen. Unweit des Königlichen Schlosses gibt es eine Einkaufsstraße mit lokalen Geschäften und Cafés. Das Studio von Andreas Engesvik befindet sich in einer historischen Villa in der Josefines gate, umgeben von einem idyllischen Garten. Hier arbeitet er an Projekten für vorwiegend skandinavische Hersteller – zusammen mit seiner Lebenspartnerin Jannicke Grung, die ebenfalls Designerin ist und aus einer bekannten Architektenfamilie stammt. Engesvik kommt aus dem Norden Norwegens. Er hat zunächst Kunstgeschichte und anschließend Design in Bergen studiert. 2009 gründete er in Oslo sein eigenes Studio, nachdem er zuvor Co-Gründer des Designkollektivs Norway Says war.
Drei Jahrzehnte Design
Das Studio ist ein einziger großer Raum, der mit zwei Arbeitstischen und einem Konferenztisch ausgestattet ist. Auf dem Boden steht ein Prototyp der Leuchte Colour, die Engesvik zusammen mit Daniel Rybakken für den deutschen Hersteller e15 entworfen hat. Engesvik hebt das Mock-up eines Stuhls hoch, an dem er gerade für das schwedische Möbelunternehmen Fogia arbeitet. In den Regalen stapeln sich Miniaturmodelle und Entwürfe, die teilweise noch aus der Zeit stammen, in der Engesvik als Mitgründer von Norway Says Ende der Neunzigerjahre dafür sorgte, dass norwegisches Design mehr Aufmerksamkeit erlangte. Zwei der bekanntesten Produkte aus dieser Zeit sind die metallene Pendelleuchte MHY sowie das Salz- und Pfefferset Plus, beides Entwürfe für das dänische Label Muuto.
Mehr Aufmerksamkeit
Bis heute ist die einheimische Designszene vergleichsweise wenig präsent auf dem internationalen Parkett, gerade im Vergleich zu den skandinavischen Nachbarn. Fragt man Engesvik und Grung nach den Gründen dafür, verweisen sie auf die Erdöl- und Erdgasvorkommen des Landes, die in den Siebzigerjahren entdeckt wurden. Die Förderung und Verarbeitung dieser Rohstoffe seien wirtschaftlich wesentlich lukrativer als beispielsweise die Herstellung von Möbeln, erzählen sie. Außerdem sei Norwegen historisch ein ärmeres Land gewesen, das jahrhundertelang unter schwedischer oder dänischer Herrschaft stand, weshalb die industrielle Produktionskultur bis heute weniger ausgeprägt sei.
Unabhängig Arbeiten
Engesvik und Grung arbeiten zu zweit, ohne weitere Mitarbeiter*innen oder Praktikant*innen. Mit einem kleinen Studio seien sie unabhängiger, könnten sich ihre Kunden aussuchen und noch an jedem Projekt selbst arbeiten, sagt Engesvik. Er hält nichts von dem Branchentrend, bei dem es vor allem darum geht, zu expandieren. Bestimmt keine schlechte Idee, vor allem in wirtschaftlich unsicheren Zeiten. Gerade die Architektur- und Designbranche sei von der Wirtschaftskrise betroffen, erzählt Engesvik. Es gebe insgesamt weniger Aufträge – doch stehe Norwegen im Vergleich zu anderen europäischen Ländern besser da. Auf sein Studio habe die Wirtschaftskrise bisher kaum Einfluss gehabt, erzählt er.
Engesvik und Grung arbeiten vorrangig für skandinavische Hersteller wie Fogia, LK Hjelle, Fram Oslo und Orrefors. Oft ergebe sich eine Zusammenarbeit ganz ohne spezifisches Briefing, erzählt der Designer. Man kenne sich, stehe in einem ständigen Austausch und wisse, was im jeweiligen Unternehmen passiere. Für Konzerne wie IKEA oder H&M würde er übrigens nicht arbeiten, merkt er an. Er wünscht sich verantwortungsvollere Konsument*innen. „Es ist, als würde die Welt zusammenbrechen und Europa brennen. Aber wir konsumieren und konsumieren und konsumieren. Das ist schrecklich.“
„Schon ein wenig stolz“
Auch wenn man Andreas Engesvik noch nie persönlich begegnet ist, folgt er einem in Oslo quasi auf Schritt und Tritt. Seine Entwürfe sind in zwei Museen der Stadt präsent: im Nationalmuseum, dem größten Kunstmuseum im nordischen Raum, und im Munch-Museum, das dem norwegischen Künstler Edvard Munch gewidmet ist. Engesvik gewann beide eingeladenen Wettbewerbe für die Gestaltung der Möbel. Dass er in zwei der wichtigsten Museen Norwegens mit seinen Entwürfen vertreten ist, mache ihn schon ein wenig stolz, sagt der Designer, der ansonsten ziemlich zurückhaltend ist.
Munch stand Pate
Für das Munch-Museum hat Engesvik zusammen mit Jonas Stokke Stühle, Lounge-Sessel, Bänke und Tische entworfen, die gestalterisch die Architektur des Gebäudes aufnehmen – in Farben, die sich an der Palette von Edvard Munchs Werken orientieren. „Es war ein großartiges Projekt“, erzählt Engesvik. Die Sitzmöbel zeichnen sich durch ein ergonomisch geformtes Stahlnetz aus, das auf einem Stahlrahmen liegt, wobei mit Stoff oder Leder bezogene Auflagen für mehr Bequemlichkeit sorgen. „Obwohl es sich um Metallmöbel handelt, wollten wir sie so komfortabel wie möglich machen“, erklärt der Designer. „Man soll länger als fünf Minuten darauf sitzen können, damit man sich ausruhen und durch die Glasfassade auf die Stadt und den Fjord schauen kann.“ Aus Sicherheitsgründen wurden die Möbel aus dickwandigen, schweren Rohren gefertigt. So können sie nicht einfach hochgehoben oder gar umgeworfen werden, sagt Engesvik. Diese Entwürfe werden bis heute von Vestre produziert, sodass sich Interessierte ein Stück Munch-Museum ins eigene Wohnzimmer oder in den Garten holen können.
Museumsreifer Stuhl
Für das Nationalmuseum in Oslo entstand ein Stuhl, der von Herman Miller produziert wird und vorwiegend in den öffentlichen Bereichen wie der Bibliothek zum Einsatz kommt. Engesvik kombinierte eine Sitzfläche und Rückenlehne aus Holz mit einem feinen Metallgestell. Es handele sich um einen „wunderschönen Stuhl, der Räume mit verführerischer Weichheit und Eleganz bereichert“, so der damalige Jury-Präsident Jasper Morrison. Besser könnte man die Designhandschrift von Andreas Engesvik wohl nicht beschreiben. Perfektionist ist Engesvik übrigens auch. Immer, wenn er das Nationalmuseum besuche, schaue er nach, ob irgendetwas an den Stühlen kaputt sei, erzählt er lachend.
Andreas Engesvik & Jannicke Grung
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