Menschen

Hanne Willmann

Die Berliner Gestalterin über die Rolle weiblicher Designer, Materialexperimente und einen Abenteuerspielplatz

von Claudia Simone Hoff, 16.08.2019

Hanne Willmann gehört zweifellos zu den Shooting-Stars des zeitgenössischen Designs. Bevor sie vor vier Jahren ihr eigenes Büro in Berlin gründete, arbeitete die 31-jährige Gestalterin im Studio von Werner Aisslinger. Seither hat sie Regale, Sideboards, Leuchten und Vasen für Labels wie Menu, Woud, Schramm und Schönbuch entworfen und arbeitet als Kreativdirektorin für Interlübke. Derzeit bespielt sie einen Raum in der Ausstellung Radical Craft im Direktorenhaus. Wir sprachen mit Hanne Willmann in ihrem Studio in Prenzlauer Berg über die Rolle von Frauen im Design, Kommunikation als Erfolgsstrategie und ihr Faible für Materialien.

Warst du schon als Kind kreativ? Ich komme aus einer Ingenieurs- und Metaller-Familie und habe schon immer viel getüftelt und gewerkelt. Unser Grundstück in Friesoythe bei Oldenburg war ein Abenteuerspielplatz. (lacht) Meine Eltern haben mir viele kreative Freiräume gelassen – auch, als ich mit vier Jahren Hammer und Nagel haben wollte. Ich war schon immer Ideenfinderin auf ästhetischer Ebene, während mein Bruder technische Dinge erfunden hat.

Du hast dich vor vier Jahren mit einem eigenen Studio selbständig gemacht – da warst du noch nicht einmal 30 Jahre alt. Wie konntest du dich in so kurzer Zeit in der Designbranche etablieren? Ich bin zwar ganz gut im Design, aber am besten bin ich im Vernetzen – ein Allrounder zu sein, das liegt mir. Es gibt bestimmt bessere Designer als mich, aber oft können sie ihre Entwürfe nicht gut präsentieren oder schließen nicht gern Kontakte. Ich lerne gern Menschen kennen, was sehr praktisch ist in der Designbranche.

Deine Beton-Glas-Vase ging noch während des Studiums beim dänischen Label Menu in Serienproduktion. Das ist ziemlich ungewöhnlich. Stimmt, aber ich war schon immer jemand, der gern selbständig gearbeitet hat, auch an der Uni. Meine Studienkollegin Silvia Terhedebrügge und ich haben schon an der UdK an eigenen Projekten gearbeitet und unsere Entwürfe sogar an große Hersteller wie Magis geschickt. Das würde ich mich heute wohl nicht mehr trauen. (lacht) Auch die Vase habe ich während des Studiums entworfen, selbst gebaut und als Weihnachtsgeschenk an meine Familie weitergegeben. Dann habe ich Fotos davon gemacht und an &tradition geschickt. Die haben mir zwar nicht geantwortet, aber den Entwurf an Menu geschickt, die die Vase gleich produzieren wollten. Das war wirklich ein Glücksfall und mich erstaunt, dass die Verkaufszahlen immer noch steigen.

Ist es eigentlich für Frauen schwerer als für Männer, sich in der Designbranche durchzusetzen? Die Möbeldesignbranche ist auf jeden Fall eine absolute Männerbranche. Ich glaube aber, dass ich es relativ leicht hatte, weil ich genau zur richtigen Zeit da war. Jetzt, wo alle merken: Wow, da gibt es ja auch noch die Frauen! Doch es gibt immer noch Situationen, in denen ich mich nicht ganz ernst genommen fühle. Da wird dann beispielsweise argumentiert, dass für die Sofas die Männer zuständig seien und ich stattdessen einen Beistelltisch entwerfen solle. Ich glaube, dass man Männern von vorn herein größere und komplexere Produkte zutraut.

Wie wichtig ist eigentlich der Herstellername für die Karriere? Man sollte auf jeden Fall strategisch denken. Will man sich als junger Designer etablieren, funktioniert das nicht, wenn man nur mit No-Name-Herstellern zusammenarbeitet. Ich wollte zwar schon immer bei den Großen mitspielen (lacht), aber auch kleinere Hersteller finde ich spannend – beispielsweise meinen Lieblingshersteller Favius, für den ich den Beistelltisch Gravity entworfen habe. Favius ist ein kleines Unternehmen, das im Jahr nur zwei Produkte auf den Markt bringt und alles in Deutschland produziert. Da ist der Kontakt sehr persönlich, alles ist leidenschaftlich und nah.

Wäre es interessant für dich, als Interiordesignerin zu arbeiten? Wenn ich mein Geld mit Produktdesign verdienen kann, ist mir das lieber. Interiordesign bringt aber einfach mehr Geld ein, denn mit den Tantiemen für die Produkte verdient man nicht viel. Ich glaube auch nicht daran, dass man als Produktdesigner automatisch ein guter Interiordesigner ist – und umgekehrt. Bei mir muss jedes Produkt einen besonderen Kniff haben. Wenn man hingegen im Interiordesign arbeitet, dann muss ein Produkt viel zurückhaltender gestaltet sein, eher atmosphärisch und weniger komplex.

Welche Trends siehst du im Produktdesign? Im Moment interessieren sich viele Hersteller für das Glaskunsthandwerk. Mir gefällt, dass das Material in den Möbelbereich zurückkehrt – Sebastian Herkners Bell Table für Classicon war sozusagen der Anfang. Ästhetisch gesehen waren lange Zeit minimalistische, geometrische Formen im Trend, was meiner Art zu entwerfen sehr entgegenkam. Mittlerweile werden die Formen freier und komplexer.

Du hast ein besonderes Faible für Materialien. Ja, Materialien interessieren mich schon seit dem Studium. Gerade ist es aber so, dass ein Produkt oft einfach nur schön sein soll und gut zu verkaufen. Deshalb werden viele Produkte an die Ästhetik und den Nutzen gekoppelt und weniger an Materialien und Materialexperimente.

Hast du einen Lieblingsdesigner? Ich mag es, wie Sebastian Herkner Menschen und Hersteller miteinander verknüpft. Dass er sein Netzwerk nicht vorrangig dazu nutzt, sich selbst in den Vordergrund zu stellen, sondern alle anderen mitzieht. Vom Designansatz finde ich Stefan Diez toll, weil er ein Perfektionist ist und in seinen Produkten immer ein hoher Innovationsanspruch steckt. Pauline Deltour ist mein Frauenvorbild als Designerin, auch weil sie Kind und Karriere miteinander in Einklang bringt.

Was kommt als nächstes? Das französische Label Eno Studio setzt meine Leuchte Percent als Serienprodukt um. Außerdem entwerfe ich gerade ein neues Bett, einen Spiegel und noch zwei weitere Leuchten. Mehr darf ich aber noch nicht verraten. (lacht)

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