Essstäbchen als Entwurfsform
„CHOPSTICKS 箸“ zwischen Gebrauch und Codierung
Das Essstäbchen ist ein alltägliches Werkzeug und zugleich ein hochgradig codiertes Objekt. Material, Proportion, Handhabung und Ritual variieren zwischen China, Japan und Korea deutlich, obwohl die Grundform nahezu unverändert bleibt.
Mit CHOPSTICKS 箸 untersucht die neue Plattform S—3 das Essstäbchen als Träger kultureller Kontinuitäten und zeitgenössischer Entwurfslogiken. Die von der Designjournalistin Yoko Choy kuratierte Schau versammelt Beiträge von elf Gestalter*innen aus Ostasien und Europa. Nach ihrem Debüt während der Mailänder Designwoche sind die Arbeiten vom 30. Mai bis 7. Juni im Rahmen der Antwerp Design Week als Teil der Gruppenausstellung The Hall in den Räumen von 12Antwerp zu sehen.
Ostasiatische Perspektiven: vom Objekt zum System
Der japanische Designer Jin Kuramoto überführt die Typologie in ein temporäres Materialsystem: Seine Stäbchen bestehen aus Pasta und verschieben das Objekt in Richtung Essbarkeit und Vergänglichkeit. Sae Honda wiederum denkt das Stäbchen als räumliche Konstellation und balanciert ein Paar auf einem steinartigen Objekt.
Der chinesische Gestalter Mario Tsai verlagert den Fokus vollständig auf den Entstehungsprozess: Mit einem Werkzeug lassen sich aus Zweigen oder Bambus improvisierte Stäbchen herstellen. Duyi Han untersucht dagegen das Verhältnis der beiden Stäbchen als Paar. Seine Lapislazuli-Inlays treffen auf eine gerasterte Tellerfläche, die kleinste Abweichungen sichtbar macht.
Während das chinesische Studio We+ Urushi-Lack mit einfachem Aspenholz kombiniert, verbindet Ellen Hu, Gründerin des Londoner Studios Haus of Hu, das Objekt mit einem inklusiven Zugriff und integriert Braille-Schrift in die Oberfläche.
Die südkoreanischen Positionen greifen Metall als etabliertes Material der Esskultur auf. Kuo Duo entwickelt ein kombiniertes Set aus Stäbchen und Löffel, während Joongho Choi mit nicht identischen Paaren variable Kombinationen ermöglicht. Niceworkshop ergänzt diesen Ansatz durch ergonomische Vereinfachungen der Handhabung.
Europäische Positionen: Übersetzungen und Aneignungen
Auch die europäischen Beiträge legen den Fokus auf Übersetzung und Aneignung. Das Schweizer Studio Big-Game – mit dem in China aufgewachsenen Augustin Scott de Martinville – entwickelt extrem leichte Titanstäbchen für den mobilen Gebrauch. Der in Shanghai tätige italienische Designer Aldo Cibic verweist auf eine persönliche Erinnerung an eine Mahlzeit mit Ettore Sottsass und gestaltet eine gerillte Spitze für den Umgang mit glatten Speisen.
CHOPSTICKS 箸 interessiert sich damit weniger für folkloristische Zuschreibungen als vielmehr für die Frage, wie sich kulturelle Prägungen in zeitgenössischen Entwurfspraktiken fortsetzen — nicht als Stil, sondern als strukturelle Bedingung des Designs.
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>>12Antwerp
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