KI IM HANDWERK
Ausstellung „Craft is a verb“ von Alcova auf der Heimtextil
Auf der Messe Heimtextil zeigte die Mailänder Designplattform Alcova mit Craft is a verb eine Ausstellung, die weniger Antworten gab als Ansätze formulierte. Es ging nicht um die nächste Technologie, sondern um die Frage, wie sich Gestaltung künftig zwischen Intuition und Algorithmus verortet. Handwerk wurde nicht als Gegenpol zur künstlichen Intelligenz dargestellt, sondern als aktiver Prozess: als etwas, das sich mit digitalen Werkzeugen verändert, ohne sich von ihnen vereinnahmen zu lassen.
Statt einer linearen Fortschrittserzählung entwarf die Schau ein Spannungsfeld zwischen Virtualität und Herstellung. Digitale Renderings wurden zu Jacquards, generative Muster zu handgestickten Oberflächen, algorithmisch übersetzte Naturstrukturen zu textilen Rastern. Entscheidend war dabei nicht das Ergebnis, sondern der Weg dorthin. Gestaltung wurde als Abfolge von Übersetzungen sichtbar – vom Körper zur Maschine und zurück.
Das Handwerk bleibt – aber es ändert seine Rolle
In den gezeigten Arbeiten trat eine neue Gruppe hervor: die Techno-Handwerker*innen. Es sind diejenigen, die KI nicht als Ersatz begreifen, sondern als Erweiterung des eigenen Werkzeugkastens. Wo Maschinen Präzision liefern, darf der Mensch unregelmäßig bleiben. Wo Algorithmen optimieren, setzt das Handwerk Brüche. Sichtbare Nähte, bewusst platzierte Fehler oder offenliegende technische Elemente wurden nicht kaschiert, sondern als ästhetische Setzungen genutzt.
Diese Haltung spiegelte sich auch in der Materialität wider. Unregelmäßige Färbungen, knotige Garne oder asymmetrische Abschlüsse standen neben synthetischen Farben und digitalen „Glitches“. Erdige Töne wie Sand, Ton oder Ruß bildeten die Basis, durchbrochen von grellen, fast störenden Akzenten. Die Palette wirkte wie ein visuelles Protokoll dieser Koexistenz: ruhig und irritierend zugleich.
Dekor als Widerstand
Auffällig war zudem die Rückkehr des Dekorativen. Rüschen, Quasten oder spielerische Neon-Einsprengsel traten als bewusste Unterbrechungen einer allzu funktionalen Gestaltung auf. Nicht aus Nostalgie, sondern als Statement: Gestaltung darf wieder Freude zeigen und Humor zulassen – gerade in einer Zeit, in der Effizienz und Automatisierung den Ton angeben.
Alcova, gegründet von Valentina Ciuffi und Joseph Grima, bleibt sich damit selbst treu. Statt Trends zu katalogisieren, formuliert die Plattform eine Position. Craft is a verb verstand sich als Einladung, über Prozesse nachzudenken: darüber, wie sich Autor*innenschaft verschiebt, wie Kontrolle neu verteilt wird – und wie viel Widerspenstigkeit Gestaltung künftig braucht, um gegen eine angenommene Übermacht namens KI zu bestehen.
Am Ende blieb weniger ein Bild der Zukunft als ein Arbeitsauftrag. Handwerk ist kein Zustand, sondern eine Handlung. Und künstliche Intelligenz kein Ziel, sondern ein Mittel. Entscheidend wird sein, wie beides zusammenwirkt – nicht um Perfektion zu erzeugen, sondern um Räume für Experimente zu öffnen. sr
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