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Diego Grandi

von Katharina Horstmann, 29.09.2009


Diego Grandi erzählt gerne Geschichten. Geboren 1970 in Rimini, studiert er am Mailänder Politecnico Architektur und gründet im Jahr 2002 sein Büro in Mailand. Seitdem hat er sich neben dem Ausstellungsdesign immer mehr auf die Gestaltung von Oberflächen spezialisiert, insbesondere von Böden und Verkleidungen, die er auf narrative Art und Weise neu interpretiert. Zu seinen Kunden gehören Lea Ceramiche, Abet Laminati, Ivano Redaelli, Jannelli & Volpi, Guzzini, Teracrea und Ycami. Wir trafen Diego Grandi in seinem Studio und sprachen mit ihm über das Erbe der großen italienischen Meister, die vom 29. September bis 3. Oktober 2009 stattfindende Bädermesse Cersaie, Le Corbusiers Toiletten und warum Fliesen sich nicht nur für das Badezimmer eignen.


Herr Grandi, lange Zeit schien es in Italien kaum Nachwuchs-Designer zu geben. In den letzten Jahren hat sich jedoch eine neue Generation bemerkbar gemacht, zu der auch Sie gehören. Warum die Stille? Gab es keinen Raum für die Jugend?

Meiner Meinung nach war das richtig so. Ich denke, wir haben lange unter dem Druck der großen Meister in Italien gelitten. Das heißt nicht, dass das Design generell italienisch ist. Im Gegenteil: Design gibt es überall, und jedes Land hat es auf seine eigne Art verstanden und interpretiert. Ich glaube weniger, dass es keinen Raum für uns gegeben hat, sondern dass die Stille mit einer Art Schüchternheit zu tun hatte. Ganz allmählich haben aber auch wir angefangen, von uns reden zu machen.

Sie haben Architektur studiert, sich jedoch sehr schnell auf das Entwerfen von Oberflächen spezialisiert. Was fasziniert Sie daran so sehr?

Ich mag Geschichten, und Oberflächen sind gute Erzähler. So steht hinter jedem meiner Entwürfe eine kleine Geschichte. Alles fing mit den sogenannten Satellitenteppichen „Mapper“ an, die ich im Jahr 2000 auf dem Salone Satellite präsentiert habe. Für diese habe ich Bilder der NASA, genauer gesagt Infrarotfotografien von verschiedenen Landschaften auf der Welt, neu interpretiert. Meine Muster ersetzen nicht das reale Bild, zeigen aber beispielsweise die Wärme der Erdrinne – wie ein Thermometer, das den Zustand der Erde enthüllt.

Ein Projekt, an dem Sie bereits seit sechs Jahren arbeiten, ist Ihre Kooperation mit dem italienischen Keramikhersteller Lea Ceramiche. Wie kam es zu dieser Kooperation?

Mich hat schon immer die Keramik fasziniert. Italien hat eine große Keramiktradition, angefangen bei den antiken Häusern auf der Insel Salina bis hin zu unseren Meistern wie zum Beispiel Gio Ponti oder Bruno Munari. Sie haben schon versucht, diesen Sektor neu zu beleben und in den Innenraum zu bringen. Auch durch die Auseinandersetzung mit der Oberfläche. Und auch ich wollte mich diesem Sektor annähern und die Möglichkeiten der Keramik erkunden. So habe ich zum Telefon gegriffen, das Unternehmen angerufen und den Kontakt hergestellt.

Wie verlief die weitere Zusammenarbeit?

Bei Keramik denkt man schnell an Bäder oder auch an Küchen und an oftmals grauenhafte Fußböden. Ich aber wollte mich mit dem Material anders auseinandersetzen, etwa über die Innenarchitektur. So habe ich angefangen, die bestehende Produktpalette von Lea zu nutzen und damit Installationen zu gestalten. Und irgendwann kam ich dazu, selbst etwas zu entwerfen. Ich wollte auf eine sehr flexible Art und Weise zeigen, was es bedeutet, mit dem Material zu arbeiten. Keramik hat leider ihre Grenzen. Sie ist nicht besonders flexibel und besteht aus großen Formaten und großen Zuschnitten. Denn auch eine Fliese von zehn mal zehn Zentimetern braucht ihren Platz. Ein Mosaik wird heutzutage wie ein Pixel behandelt. Diese Parallele zwischen dem Pixel des Computers und dem Pixel des Mosaiks finde ich sehr interessant und deswegen habe ich angefangen, mit der Keramik zu arbeiten wie mit einem Pixel, nur dass die Muster, die mir zur Verfügung stehen, etwas größer sind als bei den Mosaiken. Außerdem habe ich mich intensiv mit der Fuge beschäftigt, sozusagen mit der Schwierigkeit des Verlegens, und diese zu einem bestimmenden Element des Projektes werden lassen.

Zum Beispiel?

Ein Beispiel ist mein erstes Keramikprojekt „Studies“. Da habe die Fuge so interpretiert, als wäre sie ein fundamentaler Teil des Projektes. Die Oberfläche wird zu einem Ganzen, auch wenn in der Realität mehrere Kacheln da sind, die ein Muster kreieren und dabei die Fuge als dekoratives Element benutzen. Ein anderes Beispiel, das sehr gut die Idee der Fuge wiedergibt, ist ein vorangegangenes Projekt von Tapeten, das im Jahr 2002 in Frankfurt vorgestellt worden ist. Ich habe die Tapeten nicht als einzelnes Element benutzt, nicht wie ein Blatt, sondern wie viele Quadrate. Denn das Problem von Tapeten ist das Tapezieren. Mit diesem Produkt habe ich das Tapezieren vereinfacht: Die Wand wird zu einem wichtigen Teil des Projektes, denn das Muster bildet sich aus der Tapete und der Wand im Hintergrund. Ich arbeite gerne mit dem Fehler, wie zum Beispiel die Mauer aus dem Hintergrund in den Vordergrund zu heben, indem die Quadrate der Tapete in unterschiedlichen Abständen gesetzt werden und so ein Gittermuster entsteht.

Wo finden Sie Ihre Inspirationen?

Es gibt viele Bezüge. Manchmal kommen sie aus dem Kunstbereich, manchmal von großen Meistern wie Le Corbusier. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass die von ihm entworfenen Bäder vollkommen organisch sind. Meine Tapetenkollektion „Le Module“ ist eine Interpretation der beiden Badezimmer der „Casa Curutchet“ in La Plata in Argentinien. Ich habe sie miteinander verbunden und ein neues Muster kreiert. Für die Fliesen „City“ habe ich mich von dem Stadtplan Mailands aus nachnapoleonischen Zeiten inspirieren lassen. Die Besonderheit dieser Kollektion ist ihre Dreidimensionalität. Bei längerem Hinsehen wird der Stadtplan immer abstrakter und bildet fast eine metallisch wirkende Textur auf bronze-, anthrazit- oder stahlfarbenem Untergrund.

In diesen Tagen eröffnet die Cersaie in Bologna, eine der wichtigsten Leitmessen zum Thema Baddesign. Mit welchem Produkt werden Sie dort vertreten sein?

Lea wird ein neues Projekt von mir vorstellen, das versucht, sich von der quadratischen Form der Keramik wegzubewegen. Dabei beziehe ich mich auf die Fußböden des 18. und 19. Jahrhunderts, jedoch interpretiert mit einer neuen Technologie: auf das Steingut, das in den letzten Jahren entstanden ist. Das sind große Platten, die eine Größe von 300 mal 100 Zentimetern haben und dies bei einer Dicke von nur drei Millimetern. Es ist eine innovative Technik und wird die Zukunft der Keramik sein. Denn eine Keramik zu haben, die so groß, dünn und trotzdem resistent ist … Das ist schon aus umweltfreundlichen Gründen wichtig. Denken wir mal allein schon an die Verpackungen, die deutlich schrumpfen bei drei Millimetern – im Gegensatz zu 12 Millimetern.
Für die neue Kollektion wollte ich mich von der Größe wegbewegen und die Keramik anders interpretieren. Das hieß jedoch nicht, Quadrate oder Rechtecke zu gestalten, sondern andere Muster zu verwenden, wie das Dreieck, die Raute oder das Trapez. Das Resultat ist ein Boden dessen Muster durch die Formen der einzelnen Fliesen und die Fugen bestimmt wird. Das ganze habe ich „Mauk” genannt, den Spitznamen von Maurits Cornelis Escher.

An welchen Projekten arbeiten Sie derzeit noch?

Während der letzten Mailänder Möbelmesse wurde eine neue italienische Möbelmarke präsentiert, die Skitsch heißt und für die ich die Kollektion „Oppiacei“ entworfen habe. Diese besteht aus einem Beistelltisch und einem Pouf. Letzterer kann zum Sitzen aber auch als Tisch dienen. Der Tisch hingegen besteht aus zwei Teilen: Die Oberfläche kann auch als Tablett verwendet werden und der untere Teil als Behälter. Bei diesem Projekt habe ich versucht, Keramik in das Dreidimensionale zu bringen. Die Form lässt sich von der afghanischen Papaya ableiten. Im nächsten Jahr soll die Kollektion mit neuen Stücken erweitert werden. Ein anderes Projekt ist der erste Showroom von Lea Ceramiche, der Ende Oktober in Mailand eröffnen wird. Es ist ein interessantes Projekt: ein großer Ausstellungsraum, der die Arbeiten von verschiedenen Designern aus dem Bereich der Dekoration zusammenstellt. Nicht nur der Keramik, sondern Dekor generell – in Form von Ausstellungen und Installationen, die ihre Geschichten erzählen.

Vielen Dank für das Gespräch.
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Diego Grandi

www.diegograndi.it

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