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75 Jahre und noch nicht genug: Ikea Vintage Collection

Der Sessel Oti heißt jetzt Råane und Ögla kommt als Bjurån zurück, leider nicht aus Bugholz, sondern aus Plastik.

von Jeanette Kunsmann, 23.07.2018

Mitten im Sommerloch lädt Ikea zur Geburtstagsparty: Das schwedische Möbelhaus feiert am 28. Juli 2018 sein 75. Jubiläum. Damit sich alle mitfreuen können, werden einige Highlights der letzten Jahrzehnte wieder neu aufgelegt. Mit seiner Vintage Collection Gratulera erzählt Ikea, dass die Geschichte vielleicht auch eine andere Wendung hätte nehmen können.

Das Geheimnis eines guten Vintage-Möbels, das jeder unbedingt haben will und von Liebhabern teuer bezahlt wird, liegt in Kriterien wie dem Designer, dem Hersteller, der dahintersteht, Material und Qualität. Deshalb verkaufen sich namhafte Klassiker einfach am besten, egal ob online oder auf dem Trödel, von privaten Anbietern oder professionellen Händlern. Auch Ikea hat eine Reihe solcher Möbelklassiker – eine Nachricht, die so besonders ist, dass selbst die Bild-Zeitung darüber berichtete. Denn neben seinen berüchtigten Kassenschlagern Billy, Lack und Klappan hat der Einrichtungskonzern innerhalb seiner 75-jährigen Geschichte einige Objekte auf den Markt gebracht, die heute heiß begehrte Sammlerstücke sind. Ganz zu schweigen von den frühen Ikea-Katalogen, die mitunter hübsche Summen erzielen können.

Was die wahren Vintage-Lieblinge von Ikea miteinander vereint, ist ihre Herkunft: Sie alle wurden damals ausschließlich in Schweden verkauft. Wie der klappbare Holztisch Bergslagen aus der 1700-Serie, die Lars Sjöberg in den Neunzigerjahren für Ikea entworfen hat, der Kunststoffsessel Skopan (1974) von Ole Gjerløv-Knudsen und Torben Lind oder die kuschligere Sesselvariante Impala (1972) von Designer Gillis Lundgren – im Übrigen auch der Vater des Billy-Regals.

Den Drahtsessel Oti (1986) von Niels Gammelgaard kann man ab Oktober für 60 Euro unter dem Namen Råane kaufen und auch das Thonet-Imitat Ögla, Anfang der Sechzigerjahre von Gillis Lundgren für Ikea „kopiert“, ist ab Dezember wieder als Bjurån im Handel. Er soll ebenfalls nur 59 Euro kosten, ist dafür aber auch aus Kunststoff. Mit seinen Jubiläumsklassikern bespielt Ikea also die nächsten Monate und arbeitet bis zum Jahresende Dekade um Dekade ab. „Jede Neuerscheinung der Gratulera-Kollektion ist etwas anders und spiegelt ihre Zeitperiode wider“, erklärt dazu Karin Gustavsson, Creative Leader von Ikea of Sweden. „Von dunklen Hölzern mit klassischem Ausdruck über einen sehr verspielten Stil mit knalligen Farben bis hin zu einem minimalistischen Look mit hellen Hölzern und grafischen Mustern.“ Wirklich schade, dass Entwürfe wie der Ikea-Stuhl Vilbert (1993) von Verner Panton, oder die oben genannten Ikea-Lieblinge in der Jubiläumskollektion komplett fehlen – eine verpasste Chance.

In Zeiten von Bolia, Monoqi und Made.com könnte ein international agierendes Traditionsunternehmen, dessen Gründer Ingvar Kamprad erst diesen Januar im Alter von 91 Jahren verstorben ist, umdenken und sich verändern. Der Gesamtumsatz lag 2017 mit weltweit 357 Einrichtungshäusern in 29 Ländern bei insgesamt 34,1 Milliarden Euro! Wie wäre es, wenn Ikea mehr angesehene Produktdesigner beauftragen würde, die etwas bewegen wollen – experimentelle, nachhaltige Möbelentwürfe, die die Designgeschichte mitgestalten. Und nicht nur auf hohe Stückzahlen abzielen. Wenn es Ikea wieder um die Vermittlung und Verbreitung von Werten gehen würde und nicht um massenkompatible Ware, um billige Beistelltische für 9 Euro…

Dem schwedischen Möbelhaus stünde besser zu Gesicht, Qualität und Ideen anstelle kurzweiliger Wohnwelten für die ganze Familie zu produzieren. Unter einem Leitgedanken der Langlebigkeit ließen sich im Jahr 2043 vielleicht auch echte Klassiker feiern – wenn Ikea mit Stolz seinen 100. Geburtstag begeht.

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