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Design als Evolution

Neues von der Dutch Design Week 2021 in Eindhoven

Immer häufiger verlagert sich im Design der Fokus auf die Genese neuer Materialien und Prozesse. Das zeigte auch die Dutch Design Week, die vom 16. bis 24. Oktober in Eindhoven stattfand. Ob in der Abschluss-Show der Design Academy Eindhoven oder den zahlreichen über die Stadt verteilten Ausstellungen: Die Schnittstellen zwischen Wissenschaft, Industrie und Gestaltung wurden ins Visier genommen.

von Norman Kietzmann, 27.10.2021

Die Dutch Design Week richtet den Blick nach vorne: Was haben wir aus der Covid-Zeit gelernt? Und wie wollen wir fortan leben? Die Antwort liegt in einem neuen Rollenverständnis des Designs, bei dem die Formgebung nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Der Prozess wird weiter gefasst. „Immer mehr Menschen sind der Meinung, dass dies der Zeitpunkt für einen großen Wandel und eine neue Perspektive sein könnte. Sie wollen mit der blinden Fokussierung auf Wirtschaftswachstum brechen und sind bereit für ein anderes System, das mehr auf Wohlbefinden und Glück ausgerichtet ist“, erklären die Macher der diesjährigen Designschau in Eindhoven.

Mikroskopische Perspektive
Es geht um einen Systemwechsel in der Warenproduktion. Und dafür gilt es, Gegensätzlichkeiten zu vereinen: Handwerk und Industrie, Natur und Künstlichkeit, Abfall und Wertigkeit, Konsum und Verantwortung. Recycling und Upcycling spielen dabei eine Schlüsselrolle. Auffallend stark wird auf die Ebene der Materialität gezoomt – wie ein Blick durchs Elektronenmikroskop. Ins Blickfeld gerät dabei nicht nur die Oberfläche, sondern vielmehr deren innere Struktur. Auch sie ist nun Teil des Gestaltungsprozesses, bei dem die Natur eine entscheidende Rolle spielt: als Ideengeber aber auch als handfeste Ressource für die Entwicklung neuer Rohstoffe. Es geht um Schnittstellen zwischen Wissenschaft, Industrie und Gestaltung. Doch es geht auch um ein Loslassen des eigenen Egos. Die neuen Herausforderungen werden nicht von Einzelkämpfern, sondern von interdisziplinären Teams gelöst.

Symbiose mit der Natur
Hauptaustragungsort der Dutch Design Week war das Gelände des früheren Philips-Werks im Nordwesten des Eindhovener Stadtzentrums. Im Uhrengebäude (Klokgebouw) suchte die Ausstellung It's in our Nature nach neuen Relationen zwischen Mensch und Natur. „Letztlich liegt die Aufgabe der zukünftigen Designer*innen darin, zu erforschen, wie von der Natur gestaltete Biomaterialien zu Verbraucherprodukten von morgen werden können“, sagt Emma van der Leest, die sich selbst als Biodesignerin bezeichnet und zusammen mit den Research-Designer*innen Shaakira Jassat und Kuang-Yi Ku die Ausstellung kuratiert hat. Die Grenzen zwischen Mode, Möbeln und Gebäuden werden hierbei bewusst aufgehoben, um Prozesse zu erkunden, die in eine Vielzahl unterschiedlicher Produkte münden können.

Materielle Verwandlungen
In der Ausstellung It's in our Nature haben die Büros Omlab und Fillip Studios die umweltfreundliche 3-D-Druck-Paste Maacq Oase vorgestellt, die aus Abfallstoffen der Wasseraufbereitungsanlagen hergestellt wird, während auf Mineralien, fossile Rohstoffe und chemische Zusatzstoffe verzichtet wird. Die Textildesignerin Nienke Hoogvliet hat einen Prozess geplant, bei dem Algenabfälle aus der Lebensmittel- und Kosmetikindustrie in ökologisch unbedenkliche Textilfarben verwandelt werden. Mit dem von ihr mitbegründeten Unternehmen Zeefier will sie das Verfahren industrialisieren und so auch großen Produzenten zugänglich machen. Der Sportartikelhersteller Puma zeigte zusammen mit dem Biodesignstudio Living Colour (gegründet von Laura Luchtman und Ilfa Siebenhaar) die Kollektion Design To Fade, deren atmosphärische Farbverläufe durch Wachstumsprozesse von Bakterien erzeugt wurden.

Alternatives Bauen
Auch der Maßstab der Architektur wurde während der Dutch Design Week ins Visier genommen. The Exploded View Beyond Building ist eine Installation in der Originalgröße eines Einfamilienhauses auf dem großen Innenhof des früheren Philips-Werkes. Sie wurde vollständig aus natürlichen Materialien konstruiert. Neben Holz und Kork kamen auch Pilze, Hanf, Schilf und Rohrkolben zum Einsatz. „Das Projekt untersucht, wie der Bau biobasierter Häuser zu Systemveränderungen in den Bereichen Gesundheit, Landwirtschaft, Nachbarschaften und Wertschöpfungsketten der Zukunft führen kann“, erklärt dessen Erbauer Biobased Creations. „Wir wollen zeigen, dass vieles bereits heute möglich, erschwinglich und überschaubar ist, dass es gesünder für die Menschen und die Welt ist und dass es als Teil einer viel größeren Kette eine Alternative zu den derzeitigen Systemen bietet, die auf Verschmutzung und Ausbeutung basieren“, so das in Amsterdam ansässige Unternehmen weiter.

Design Academy Eindhoven
Mit stattlichen Dimensionen wartete die Abschlussausstellung der Design Academy Eindhoven auf. Als Spielstätte diente 2021 das Messegelände Beursgebouw im Zentrum der Stadt, direkt zwischen dem von Gio Ponti gestalteten Kaufhaus de Bijenkorf und dem Hauptbahnhof. Der Eingang wurde an die Rückseite des Hauses verlegt – und erfolgte durch einen Tunnel aus leeren Überseecontainern. Es sollte nicht ganz nach Messe aussehen und einen eher provisorischen Charme entfalten. Auch hier ging es weniger um Formen als um die inneren Werte. Anne-Julie Vignaux zeigte, wie die selbstreinigenden und antiviralen Eigenschaften von Kupfer in die Welt der Kleidung überführt werden können. Die Kollektion Ultimum Deliciae umfasst verschiedene Strickteile aus Kupferfäden sowie mit Kupfer behandelten, organischen Filamenten. Die Absolventin Benedetta Pompili hat einen Prozess entwickelt, wie verschmutzter Flusslehm ausgerechnet mithilfe von Asbest upgecycelt werden kann. Indem Asbest durch eine spezielle Behandlung faserfrei gemacht wird, ist er nicht nur gesundheitlich unbedenklich. Er kann dem Ton auch isolierende und hitzebeständige Qualitäten geben und so die Lebensdauer verlängern.

Improvisation und Erweiterung
Olivier van der Mark setzt sich ebenso mit Ton auseinander. Die Serie Melting Ceramics umfasst zylindrische Vasen mit einer außen sichtbaren Gitterstruktur, dank der sich die Materialstärken deutlich reduzieren ließen. Blasen an den Oberflächen verraten, dass die ideale Brenntemperatur weit überschritten wurde und das Material bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit ausgereizt wurde. „Welche Formen lassen sich gestalten, wenn man diesen Punkt der Verflüssigung erreicht?“, fragt der Niederländer. Thibault Dupille nimmt mit Mitosis beschädigte Antikmöbel und Objekte und vervollständigt sie mit 3-D-gedruckten Prothesen, die eine organische Sprache einbringen und die Reparatur in ein ästhetisches Upgrade verwandeln. Das Prozesshafte thematisiert auch Vincent Dassi mit Pulp it. Er fertigt Sitzschalen eines Stuhls, Beistelltische oder Leuchten aus einer Pappmaché-Mixtur, die aus Kartonabfällen und Reisstärke mit der Saftpresse in den heimischen vier Wänden erzeugt wird. „Kein Problem, falls etwas brechen sollte. Alles kann mit ein wenig frischem Brei wieder repariert werden“, so der französische Gestalter. Die Dutch Design Week konzentriert sich nicht nur auf fertige Produkte, sondern vielmehr auf die Prozesse. Und die beginnen immer häufiger mit der Materialität – und zwar nicht nur unter Laborbedingungen, sondern durchaus auch am Küchentisch daheim.

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Dutch Design Week

www.ddw.nl

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