Dämmbeton in den Dolomiten
Prototyp für eine neue Wohnkultur: nachhaltiges Einfamilienhaus des Südtiroler Architekten Andreas Gruber.
Von einem steil abfallenden Hang in Südtirol blickt seit kurzem ein dreigeschossiges Wohnhaus auf das Eisacktal. Obwohl die kantige Betonskulptur von Andreas Gruber einen unübersehbaren Kontrast zum bergigen Umland bildet, spürt man zwischen Neubau und Natur eine beeindruckende Harmonie.
Wie bei all seinen Entwürfen setzt der Südtiroler Architekt auch bei seinem jüngsten Projekt oberste Priorität auf nachhaltige, sozioökonomische Aspekte und den respektvollen Umgang mit der Natur. Besonders machte diesen Auftrag allerdings, dass Andreas Gruber nicht nur unweit des Baulandes geboren und aufgewachsen ist, sondern einen großen Teil seines Lebens als Naturbahnrodler in den umliegenden Bergen verbracht hat: In dieser Sportart hat sich der heutige Architekt sogar einen Weltmeistertitel erkämpft. Dementsprechend hoch waren die Ambitionen, das von einer Familie beauftragte Wohnhaus Andergassen Urthaler so gut wie nur möglich in die Topographie der heimatlichen Landschaft am Fuße der Dolomiten zu integrieren.
Naturstein und Dämmbeton
Langgezogene Natursteinmauern aus eisenlastigem Granit und vulkanischen Gesteinen mit porphyrischem Gefüge prägen die Gegend um das Grundstück in der italienischen Gemeinde Barbian. In einem intensiven Planungsprozess entwickelte das Team von Gruber ein Konzept, das diese wesentlichen und charakteristischen Komponenten aufgreift und zudem den für ihn so wichtigen, nachhaltigen Umgang mit natürlichen Ressourcen respektiert. In der daraus resultierenden Konsequenz entschieden sich Architekt und Bauherr dafür, das Gebäude aus Dämmbeton zu errichten. Denn dieser spezielle Beton ist nicht nur zu 100 Prozent wiederverwertbar und ein wahrer energetischer Hit, sondern bietet auch einen zusätzlichen Lebensraum für Pflanzen und Tiere: In den Lufttaschen der Wärmeleitung an der Fassade finden Moose, Hummeln, Wespen und Ameisen Unterschlupf. Zudem bietet die glatte Oberfläche bei Sonneneinstrahlung ein ästhetisches Spiel von Licht und Schatten und harmonisiert besonders gut mit dem vulkanischen Porphyr, das vom Verwitterungsprozess dunkelgrau eingefärbt wurde.
Outside in
Auch den Ausblick aus dem Hausinneren auf das idyllische Eisacktal integrierte Gruber in sein architektonisches Konzept. Durch mehrere Öffnungen, von denen er einige mit Holzrahmen verkleidete, schaffte er eine direkte Sichtverbindung zwischen den Hausbewohnern und der malerischen Berglandschaft. So gibt beispielsweise eine horizontal gestreckte Glasvitrine mit Fensterbanksitznische den Blick auf die eindrucksvollen Gebirgsbrocken Plose und Schlern frei. Im Schlafzimmer bietet sich ein ähnliches Panorama, hier allerdings durch ein quadratisches Fenster, das wie ein Gemälde neben dem Bett hängt. Aufgrund dieser Ausgucke verzichtete Gruber auch auf jegliche artifizielle Innendekoration – sogar im Badezimmer. In diesem wurde eine verglaste Wandseite direkt vor den Felshang gesetzt, an dem das Haus erbaut wurde: So entsteht ein wunderbarer Kontrast zu den übrigen drei Wänden aus Dämmbeton.
Der totale Verzicht auf Dekoration sowie die minimalistischen Formen und nur wenige, hauptsächlich naturbelassene Materialien verleihen den insgesamt 150 Quadratmetern unglaublich viel Raumvolumen, gepaart mit ästhetischem Purismus und einer fast andächtigen Atmosphäre. Neben diesen durchaus gelungenen ästhetischen Aspekten betont der italienische Architekt jedoch immer wieder die Wichtigkeit des nachhaltigen Umgangs mit natürlichen Ressourcen. Für ihn setzt „ein gelungenes Projekt von hoher architektonischer Qualität eine innovative, fortschrittliche Baukultur voraus, die in der Tradition ihre Wurzeln hat.“ Denn Gruber ist davon überzeugt, dass diese Aspekte die Architekturforschung in Zukunft immer mehr beschäftigen werden. „Besonders im Alpenraum mit seinen speziellen klimatischen Gegebenheiten sowie den hohen Anforderungen der nationalen Energiesparrichtlinien“, erklärt er, „werden Fachleute zwingend darüber nachdenken müssen, wie die Anwendung von Baustoffen optimiert werden kann, ohne dass Sondermüll produziert wird beziehungsweise dass ein Gebäude zu 100 Prozent recycelbar sein muss“. Und unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, ist das Wohnhaus Andergassen Urthaler kein Versuch, sondern ein funktionierender Prototyp für eine neue Wohnarchitektur.
FOTOGRAFIE Gustav Willeit
Gustav Willeit
Wohnhaus Andergassen Urthaler
Projekt: Neubau aus Dämmbeton / Wohnfläche: 150 Quadratmeter / Bauherr: privat / Ort: Barbian (Italien)
Mehr Projekte
Eine eigene Welt
Großzügiger Umbau eines schmalen, viktorianischen Reihenhauses in Sydney von Studio Carson Kelly
Ungleiche Zwillinge
Neubau mit Nähe zur Nachbarschaft von Wadhal in London
Glamping in Japan
Naturnahes Tiny House aus heimischem Holz von Pan-Projects
Radikale Wunderkammer
Ein Rundgang durch das Apartment MOM von J. Mayer H. in Berlin
Geheilter Bestand
Umbau und Erweiterung eines Fuhrwerkerhauses in Düsseldorf von Nidus
Im Rhythmus des Alltags
Unkonventioneller Umbau in Barcelona von Skye Maunsell und Jordi Veciana
Neubau mit Seele
Wohnhaus der Innenarchitektin Julie Thiers in Flandern
Spuren im Bestand
Umbau einer Villa in Posen von Adam Wierciński
Mehr Raum als Quadratmeter
Wohnungsumbau Casa JAM von gon architects in Madrid
Salbeigrün in Florenz
Sanierung einer historischen Villa in Florenz von bucci quentin
Hierarchie in Blockfarben
Apartment für zwei in Mailand von Marabelli Marongiu Architetti
Das Erbe des Freibeuters
Restaurierung eines Stadthauses in Katalonien von Raúl Sánchez
Klangfarben des Wohnens
Apartment in Minsk für einen Musikliebhaber von Mihail Kurnosov
Alles in Butter
Constanze Ladner kleidet eine Wohnung bei Wiesbaden in sanftes Gelb
Wohnen im Werden
Tifliser Hausmodernisierung von David und Alexander Brodsky
Sensibel, aber kompromisslos
Ferienhaus von STEINBAUER architektur+design in Waidmannsbach
Hinter die Fassade geschaut
Umbau in Ostflandern: Objekt Architecten im Dialog zwischen Tradition und Moderne
Fort im Forst
Ringbau von Fernanda Canales im mexikanischen Valle de Bravo
Räume ohne Raster
Ein radikal geöffneter Grundriss von RDTH architekti in Prag
Wohnen in der Beletage
Umbau einer Altbauwohnung in Charlottenburg von Batek Architekten
Grauzone mit Aussicht
Puristisches Rooftop-Apartment von unprofessional.studio in Taipeh
Generationswechsel im Siedlungshaus
atelier brum baut Kölner Reihenhaus in offenen Wohnbau um
Transluzenter Blockbau
Wohnturm aus Glas und Gitter von Studioninedots in Amsterdam
Skulpturaler Unterschlupf
Nachhaltige Holzhütte in den Pyrenäen
Helix aus Stahl
Architettura Tommasi gestaltet Loft in historischem Adelspalast in Padua
Glutroter Kokon
Reihenhaus-Modernisierung von Pablo Sanchez Lopez in London
Beton und Behaglichkeit
BekArch transformiert eine Prager Backstube in ein helles Studio-Apartment
Urbaner Lückenfüller
Zwei Wohnbauten von Pend in Edinburgh
Fifty Shades of Marble
Mistovia verwandelt einen Krakauer Rohbau in ein Zuhause mit Atelier
Haus der Gegensätze
Architektura baut in der Nähe von Prag ein ungewöhnliches Familiendomizil im Wald