Projekte

Dämmbeton in den Dolomiten

Prototyp für eine neue Wohnkultur: nachhaltiges Einfamilienhaus des Südtiroler Architekten Andreas Gruber.

von Jana Herrmann, 23.06.2017

Von einem steil abfallenden Hang in Südtirol blickt seit kurzem ein dreigeschossiges Wohnhaus auf das Eisacktal. Obwohl die kantige Betonskulptur von Andreas Gruber einen unübersehbaren Kontrast zum bergigen Umland bildet, spürt man zwischen Neubau und Natur eine beeindruckende Harmonie.

Wie bei all seinen Entwürfen setzt der Südtiroler Architekt auch bei seinem jüngsten Projekt oberste Priorität auf nachhaltige, sozioökonomische Aspekte und den respektvollen Umgang mit der Natur. Besonders machte diesen Auftrag allerdings, dass Andreas Gruber nicht nur unweit des Baulandes geboren und aufgewachsen ist, sondern einen großen Teil seines Lebens als Naturbahnrodler in den umliegenden Bergen verbracht hat: In dieser Sportart hat sich der heutige Architekt sogar einen Weltmeistertitel erkämpft. Dementsprechend hoch waren die Ambitionen, das von einer Familie beauftragte Wohnhaus Andergassen Urthaler so gut wie nur möglich in die Topographie der heimatlichen Landschaft am Fuße der Dolomiten zu integrieren.

Naturstein und Dämmbeton
Langgezogene Natursteinmauern aus eisenlastigem Granit und vulkanischen Gesteinen mit porphyrischem Gefüge prägen die Gegend um das Grundstück in der italienischen Gemeinde Barbian. In einem intensiven Planungsprozess entwickelte das Team von Gruber ein Konzept, das diese wesentlichen und charakteristischen Komponenten aufgreift und zudem den für ihn so wichtigen, nachhaltigen Umgang mit natürlichen Ressourcen respektiert. In der daraus resultierenden Konsequenz entschieden sich Architekt und Bauherr dafür, das Gebäude aus Dämmbeton zu errichten. Denn dieser spezielle Beton ist nicht nur zu 100 Prozent wiederverwertbar und ein wahrer energetischer Hit, sondern bietet auch einen zusätzlichen Lebensraum für Pflanzen und Tiere: In den Lufttaschen der Wärmeleitung an der Fassade finden Moose, Hummeln, Wespen und Ameisen Unterschlupf. Zudem bietet die glatte Oberfläche bei Sonneneinstrahlung ein ästhetisches Spiel von Licht und Schatten und harmonisiert besonders gut mit dem vulkanischen Porphyr, das vom Verwitterungsprozess dunkelgrau eingefärbt wurde.

Outside in
Auch den Ausblick aus dem Hausinneren auf das idyllische Eisacktal integrierte Gruber in sein architektonisches Konzept. Durch mehrere Öffnungen, von denen er einige mit Holzrahmen verkleidete, schaffte er eine direkte Sichtverbindung zwischen den Hausbewohnern und der malerischen Berglandschaft. So gibt beispielsweise eine horizontal gestreckte Glasvitrine mit Fensterbanksitznische den Blick auf die eindrucksvollen Gebirgsbrocken Plose und Schlern frei. Im Schlafzimmer bietet sich ein ähnliches Panorama, hier allerdings durch ein quadratisches Fenster, das wie ein Gemälde neben dem Bett hängt. Aufgrund dieser Ausgucke verzichtete Gruber auch auf jegliche artifizielle Innendekoration – sogar im Badezimmer. In diesem wurde eine verglaste Wandseite direkt vor den Felshang gesetzt, an dem das Haus erbaut wurde: So entsteht ein wunderbarer Kontrast zu den übrigen drei Wänden aus Dämmbeton.

Ästhetische Nachhaltigkeit
Der totale Verzicht auf Dekoration sowie die minimalistischen Formen und nur wenige, hauptsächlich naturbelassene Materialien verleihen den insgesamt 150 Quadratmetern unglaublich viel Raumvolumen, gepaart mit ästhetischem Purismus und einer fast andächtigen Atmosphäre. Neben diesen durchaus gelungenen ästhetischen Aspekten betont der italienische Architekt jedoch immer wieder die Wichtigkeit des nachhaltigen Umgangs mit natürlichen Ressourcen. Für ihn setzt „ein gelungenes Projekt von hoher architektonischer Qualität eine innovative, fortschrittliche Baukultur voraus, die in der Tradition ihre Wurzeln hat.“ Denn Gruber ist davon überzeugt, dass diese Aspekte die Architekturforschung in Zukunft immer mehr beschäftigen werden. „Besonders im Alpenraum mit seinen speziellen klimatischen Gegebenheiten sowie den hohen Anforderungen der nationalen Energiesparrichtlinien“, erklärt er, „werden Fachleute zwingend darüber nachdenken müssen, wie die Anwendung von Baustoffen optimiert werden kann, ohne dass Sondermüll produziert wird beziehungsweise dass ein Gebäude zu 100 Prozent recycelbar sein muss“. Und unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, ist das Wohnhaus Andergassen Urthaler kein Versuch, sondern ein funktionierender Prototyp für eine neue Wohnarchitektur.

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Links

Projektarchitekt

Andreas Gruber

www.architektgruber.com

Fotograf

Gustav Willeit

www.guworld.com

Wohnhaus Andergassen Urthaler

Projekt: Neubau aus Dämmbeton / Wohnfläche: 150 Quadratmeter / Bauherr: privat / Ort: Barbian (Italien)

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