Ein Saal wie ein Fest
KENH Architekten haben Österreichs größte Synagoge saniert
Eine Collage aus verschiedenen Zeitschichten: KENH Architekten haben den Wiener Stadttempel zum 200-jährigen Jubiläum saniert und restauriert. Jetzt trifft alt auf zeitgenössisch – und nicht immer ist dabei offensichtlich, welcher Zustand eigentlich original ist.
Einer der schönsten Säle Wiens verbirgt sich hinter einer unauffälligen Mietshausfassade aus dem frühen 19. Jahrhundert. Wenig deutet in der kleinen Seitenstraße im 1. Bezirk darauf hin, dass sich dort die größte Synagoge Österreichs befindet, der Wiener Stadttempel. Zwar hatte die jüdische Gemeinschaft 1823 von der Stadt die Erlaubnis erhalten, ein eigenes Bethaus zu errichten. Aber gemäß den Bauvorschriften für nichtkatholische Gotteshäuser, die auf das Toleranzedikt Kaiser Josephs II. zurückgingen, durfte die Synagoge von der Straße aus nicht sichtbar sein.
Und so ist die Überraschung umso größer, wenn man zum ersten Mal das Gebäude betritt und von einem schmalen Durchgang und einem Vorraum recht unvermittelt in den Saal der Synagoge gelangt: Über einem elliptischen Grundriss spannt sich eine himmelblaue, von Säulen getragene Kuppel, sternengeschmückt und mit einer Laterne bekrönt, dazu vielarmige Leuchter und vergoldete Ornamente. Es ist ein überwältigender Raumeindruck voller Festlichkeit – und dank der kürzlich abgeschlossenen Sanierung strahlt der Saal in neuem Glanz. Das Wiener Architekturbüro KENH hat das Gebäude in Zusammenarbeit mit der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und dem österreichischen Denkmalamt restauriert und räumlich neu geordnet. Zudem wurden Haustechnik und Brandschutz erneuert und die Barrierefreiheit verbessert. Im September konnte die Gemeinde ihre Synagoge nach rund einem Jahr Bauzeit zu den hohen jüdischen Feiertagen wiedereröffnen.
Eine Collage aus zwei Jahrhunderten
Wie viele andere historische Gebäude ist der Stadttempel heute tatsächlich eine Collage aus verschiedenen Zeitschichten. Der zweihundertjährige Ursprungsbau von Joseph Kornhäusel aus dem Jahr 1826 ist in seiner Substanz zwar weitgehend erhalten, denn die Synagoge wurde als einzige in Wien nicht während der Novemberpogrome 1938 niedergebrannt. Doch das helle, noble Interieur des Klassizisten Kornhäusel wich bei einer Restaurierung Ende des 19. Jahrhunderts einer farbigen Gestaltung im Sinne des Historismus. So ließ der Architekt Wilhelm Stiassny damals etwa die Kuppel blau ausmalen und mit den Sternen aus Metall schmücken. Weitere Sanierungen folgten im 20. Jahrhundert.
Für das Team von KENH Architekten war eine zentrale Frage, in welchen Zustand die Synagoge eigentlich versetzt werden sollte – und welche neuen Elemente hinzugefügt werden können. Die Kuppel in ihrer farbigen Form zu erhalten und nicht den klassizistischen Originalzustand wiederherzustellen, war eine klare Entscheidung. „Man muss das Beste aus allen Jahrzehnten nehmen“, sagt Kim Tien, Mitgründerin von KENH Architekten. „Das Gebäude ist bekannt für diese wunderbare Kuppel.“ An anderen Stellen jedoch kam Kornhäusel zu seinem Recht, etwa im Eingangsbereich, wo hinter späteren Einbauten der originale, helle Natursteinsockel auftauchte. Oder im Saal: Dort fand sich unter dem Teppichboden der ursprüngliche Steinfußboden wieder.
Materialität, Gedenken und rituelle Bedürfnisse
„Wir verstehen Denkmalschutz als Auseinandersetzung mit der Materialität eines Bauwerks ebenso wie mit dem zugrundeliegenden Entwurfsgedanken. Ideelle Grundlagen sind mindestens genauso schützenswert wie die physische Erscheinung“, sagt Eric-Emanuel Tschaikner, Mitgründer von KENH Architekten. „Diese Ursprünge zu erkennen, zu verstehen und behutsam zurückzuholen, war uns besonders wichtig. Zugleich galt es, die heutigen Bedürfnisse der Gemeinde – weltlicher und ritueller Natur – präzise zu erfassen, um daraus Prioritäten für Eingriffe abzuleiten. Es war ein ebenso schöner wie langwieriger Prozess des Zuhörens, Verstehens und Abwägens.“
Ein Ergebnis dieses Prozesses ist die Wandgestaltung im Saal: Die umlaufenden Flächen wurden komplett mit Nussbaumholz vertäfelt. Die neuen Holztafeln überlappen leicht und können herausgenommen werden, denn sie dienen zugleich als Gedenktafeln für ehemalige Gemeindemitglieder. Die Schrift wird in das Holz eingefräst. In den Vorraum vor dem Saal, bei Kornhäusel noch ein offener Innenhof, setzten die Architekt*innen einen Brunnen aus rotem Stein mit Handwaschbecken. Ein Vorbild für den Entwurf waren, so Kim Tien, die Waschgelegenheiten an der Klagemauer in Jerusalem. An seinem prominenten Platz fügt sich das neue Becken so selbstverständlich ein, als stünde es schon seit Jahrzehnten dort.
Einladende Begegnungsorte und stimmungsvolles Licht
Am auffälligsten sind wohl die Veränderungen im Eingangsbereich des Gebäudes. Dort, wo sich früher Ladengeschäfte befanden, haben KENH Architekten eine Lounge eingerichtet, die als Empfang und geselliger Treffpunkt für die Gemeindemitglieder dient, ausgestattet mit Garderoben, Toiletten und einer Teeküche. Unter weißen Gewölbedecken gibt es jetzt farbig gepolsterte Sitznischen und Bänke, die Wände sind mit rot gebeiztem Holz verkleidet. Das Ziel war eine warme, einladende Stimmung, deshalb orientiert sich das Farbkonzept eher am Umbau Wilhelm Stiassnys als am klassizistischen Original von Joseph Kornhäusel, wie Kim Tien erklärt.
Im Zuge der Sanierung wurde auch die Beleuchtung im ganzen Gebäude erneuert. Die Räume im Eingangsbereich werden nun überwiegend indirekt beleuchtet und im Saal lassen sich jetzt nach Jahres- und Tageszeit verschiedene Lichtszenarien einstellen. Das Team von KENH entwickelte sogar eigens neue LED-Leuchtmittel in Kerzenform für die zahlreichen Lüster der Synagoge. Die auf dem Markt erhältlichen hätten zu stark geblendet, erzählt Kim Tien . Es ist ein weiteres Detail, das sicher die wenigsten Besucher*innen wahrnehmen werden, das aber zum festlichen, würdevollen Gesamteindruck beiträgt. Ab Januar nächsten Jahres ist der Wiener Stadttempel auch wieder für die Allgemeinheit geöffnet und kann im Rahmen von Führungen besichtigt werden.
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