Transformation im Zwischenraum
Umbau und Erweiterung des Design Museum Gent
Ein neuer Turm mitten in der historischen Altstadt: Die Erweiterung des Design Museum Gent von Carmody Groarke, ATAMA und RE-ST schließt eine jahrzehntealte Baulücke. Sie bietet nicht nur neue Räumlichkeiten, sondern auch spektakuläre Ausblicke über die Stadt.
Der Neubau sprengt den Maßstab – und das in einem städtebaulichen Kontext, der delikater kaum sein könnte. Für das Design Museum Gent haben die Architekturbüros Carmody Groarke, ATAMA und RE-ST einen Neubau im Herzen einer der bedeutendsten historischen Altstädte Europas errichtet. Große Teile des Genter Zentrums haben ihren mittelalterlichen Charakter bewahrt und lassen noch heute die einstmals herausragende Stellung der Stadt als Handelsort erkennen.
Eine Lücke mit langer Geschichte
Vom Korenmarkt, dem zentralen Platz der Innenstadt, führt die Grasbrug über den Fluss Leie. In den vergangenen Jahrzehnten fiel der Blick beim Überqueren der Brücke auf eine hässliche Baulücke. Sie unterbrach die historische Häuserzeile der Drabstraat. Hier waren in den Siebzigerjahren zwei Gebäude wegen Baufälligkeit abgerissen worden. Bereits in den frühen Neunzigerjahren sollte die Lücke mit einem neuen Eingangsgebäude für das Genter Designmuseum geschlossen werden, das in der angrenzenden Jan Breydelstraat in einem historischen Stadtpalais residiert. Doch dazu kam es nicht. Nachdem in einem ersten Bauabschnitt ein neuer Ausstellungsflügel für das Museum errichtet worden war, ging der Stadt das Geld aus. Erst über dreißig Jahre später konnte das Projekt umgesetzt werden.
Im Jahr 2018 wurde schließlich ein Wettbewerb für den „Lückenschluss“ an der Drabstraat ausgeschrieben, den die Büros Carmody Groarke, ATAMA und RE-ST gemeinsam gewinnen konnten. Ihr Entwurf überzeugte die Jury mit einem konsequent nachhaltigen Ansatz. So ist beinahe das gesamte Gebäude in Holzbauweise errichtet. Die Dämmung erfolgte mit Hanf. Die größte Innovation des Neubaus sind aber die etwa 82.000 weißen Ziegelsteine, mit denen die Fassade verkleidet wurde. Sie bestehen zu 70 Prozent aus lokalen Abfällen, hauptsächlich gemahlenem Beton, Glas und Sanitärkeramik. Der Stein ist nicht gebrannt, sondern mit Löschkalk gepresst. Das Büro Carmody Groarke entwickelte die Fertigungstechnik für den Rezyklat-Stein mit finanzieller Unterstützung der Region Flandern. Hergestellt wurde er in unmittelbarer Nähe des Bauplatzes auf einem ehemaligen Militärareal. Die weißen Steine sollen, wie der Architekt Andy Groarke erläutert, auf den hellen Werkstein der berühmten „drei Türme“ der Stadt verweisen. Dabei handelt es sich um den Genter Belfried sowie die Türme der St.-Bavo-Kathedrale und der St.-Nikolaus-Kirche.
Ein neuer Turm für die Altstadt
Auch der Neubau will als Turm wahrgenommen werden. Er überragt die umgebenden zwei- bis vierstöckigen Altbauten deutlich. Die Außenwände werden nur von wenigen großen Fensteröffnungen durchbrochen. Dadurch wirkt der massige Baukörper fast trutzig. Aufgelockert wird die strenge Form des Neubaus an der Nordseite durch eine zweistöckige Auskragung mit einem Pultdach und einem anschließenden einstöckigen Annex. Letzterer nimmt eine Art offene Vorhalle auf, die mit einer gewaltigen Aluminiumtür, einem „gefrorenen Vorhang“ nach dem Entwurf des Antwerpener Designstudios Unfold, zur Straße geschlossen werden kann. Den oberen Abschluss des „Turms“ bilden drei gegeneinander gestellte, unterschiedlich geneigte Pultdächer und ein Flachdach. Dadurch entsteht eine bewegte Silhouette, die mit der umgebenden Giebellandschaft kommuniziert.
Ein wichtiger Bezugspunkt für die Architekturbüros war die Grasbrug, zu der unbedingt eine Blickbeziehung hergestellt werden sollte. Darum öffnet sich das oberste, vierte Geschoss des Neubaus mit einem überhohen Fenster samt davorliegendem Balkon zu der Brücke. Passant*innen, die die Brücke überqueren, schauen fast automatisch dorthin hoch. So hat es Andy Groarke beobachtet. Während der Feierlichkeiten zur Eröffnung war auf dem Balkon sogar ein DJ-Pult aufgebaut, was ihn zur Bühne im Stadtraum machte. Ein weiterer Balkon umläuft das Gebäude im zweiten Obergeschoss auf der Nord- und Westseite und bietet Ausblicke in diese Richtungen.
Ein Eingang ohne Schwellenangst
Seit 1923 ist die kunstgewerbliche Sammlung der Stadt, die heute als Design Museum Gent firmiert, im spätbarocken Palais Hotel de Coninck untergebracht. 1992 erhielt die Institution einen neuen Trakt mit Ausstellungssälen. Allerdings fehlten bislang zeitgemäße Erschließungs- und Servicebereiche. Der Erweiterungsbau schafft nun einen neuen Eingang für das Museum. Neu sind auch ein Bereich für die Museumspädagogik, ein Auditorium, ein weiter Ausstellungsraum, ein Mehrzwecksaal, das sogenannte „Loft“, und moderne Besuchertoiletten. Im Untergeschoss wurde zudem ein klimatisiertes Depot eingerichtet.
Fast das gesamte Erdgeschoss wird vom neuen Museumsfoyer eingenommen. Ein gewaltiges Glasfenster öffnet den Raum auf voller Breite zur Drabstraat. Um das Interesse von Passant*innen zu wecken, war es den Architekt*innen wichtig, dass das Designmuseum möglichst gut einsehbar ist. Das Foyer bildet zugleich den Museumsshop, der fast ein Concept-Store ist. Hier stehen auch Arbeiten der im Museum ausgestellten Designer*innen zum Verkauf. Ansonsten will das Foyer so wenig Schwellenangst wie möglich vermitteln: Schließlich ist der Neubau komplett kostenlos zugänglich.
Die Rückseite des Foyers bildet eine der vier Hoffronten des Hotel de Coninck. Der Neubau schließt nahtlos an die historische Bausubstanz an. Aus dem modernen Foyer gelangt man direkt in den spätbarocken Hofraum, fraglos einer der schönsten Höfe der Stadt. Der nun über dem Hof steil aufragende Neubau verändert dessen Charakter merklich. Architekt*innen und Bauherrschaft nehmen sich hier das Recht, die zeitgenössische Architektur deutlich zu Wort kommen zu lassen.
Ein Ausblick als Höhepunkt
Dank des Neubaus ist nun erstmals ein vollständiger Rundgang durch alle Bereiche des Museums möglich. Außerdem kann zukünftig aus dem Foyer ein neues Museumscafé erreicht werden. Es befindet sich im Erdgeschoss des angrenzenden historischen Huis Leten in der Drabstraat. Vom Foyer führt ein großzügiger Treppenaufgang in die Obergeschosse. Die raffinierte Holzkonstruktion dieser Treppe verstehen die Architekt*innen ausdrücklich als Bezugnahme auf die monumentale historische Holztreppe, die eine der Hauptsehenswürdigkeiten des Hotel de Coninck ist. Alle Obergeschosse des Neubaus sind fast identisch geschnitten. Die großen Räume sind weitgehend funktionsoffen gestaltet. Den – im wahrsten Sinne des Wortes – Höhepunkt bildet das Loft, das wunderbare Ausblicke über die Stadt ermöglicht. Auch der oben bereits erwähnte Balkon ist von hier aus zugänglich. Durch den hohen Dachstuhl unter den Pultdächern entsteht ein wunderbar luftiger, heller Saal, der sich nach drei Seiten mit Fenstern öffnet.
Auch der Ausstellungsbau von 1992 wurde grundliegend umgebaut. Die durchaus qualitätsvolle postmoderne Innenraumgestaltung des renommierten Genter Architekten Willy Verstraete wurde im Zuge der Bauarbeiten leider komplett verändert. Dadurch konnten zwar die Ausstellungsflächen deutlich vergrößert werden, jedoch um den Preis, dass das Architektenteam und die Bauherrschaft praktisch keinerlei Respekt gegenüber dem Bestand an den Tag legten. War ein solch radikaler Schnitt wirklich notwendig? Die umgebauten Ausstellungsbereiche sind nun zwar flexibler als bisher zu bespielen, haben aber umgekehrt kaum Charme – da helfen auch die grau verputzten Einbauten der neu gestalteten Sammlungspräsentation nicht. Dagegen ist das jetzt vorbildlich restaurierte historische Hotel de Coninck ein echtes Schmuckstück geworden. Seine kostbare Innenausstattung ist der wahre Schatz des Genter Designmuseums. Dass der Neubau von Carmody Groarke, ATAMA und RE-ST es ermöglicht hat, den Zugang zum Museum neu zu organisieren, gestattet es diesem kleinen Juwel, wieder wunderbar zu glänzen.
Design Museum Gent
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