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Moderne mit menschlichem Maßstab

Die Villa Beer von Josef Frank in Wien

Hausmuseum und Ort der Erinnerung: Nach langem Leerstand und grundlegender Sanierung wird mit der Villa Beer von Josef Frank und Oskar Wlach in Wien jetzt eines der bedeutendsten Wohnhäuser der Moderne öffentlich zugänglich.

von Jasmin Jouhar, 29.01.2026

Es sind wahrlich außergewöhnliche Wohnräume. Wer die Villa Beer in Wien besucht, gelangt zunächst in einen niedrigen Eingangs- und Garderobentrakt – um dann die ungleich großzügigere Halle des Hauses zu betreten. Die geschickte Raumdramaturgie verfehlt ihre Wirkung nicht. Die doppelgeschossige Halle erscheint nach dem bescheidenen Entree umso überwältigender, allein durch ihre Höhe. Und durch den Ausblick in den Garten, denn gegenüber vom Eingang liegt ein raumhoher, verglaster Erker, der einen regelrecht ins Grüne zieht.

An die Halle schließt sich ein zweiter doppelgeschossiger Raum an, der mit „Speisezimmer“ sehr zurückhaltend benannt ist. „Saal“ wäre den Ausmaßen und der Aura angemessener. Eine Fensterfront öffnet ihn zum Garten, der Boden ist mit einem Parkett aus vier verschiedenen Hölzern belegt. Besonders beeindruckend: die 27 Meter lange Sichtachse, die vom Speisezimmer durch die Halle bis zum höher gelegenen Wohnzimmer durch das ganze Hauptgeschoss führt.
 


Als die Wiener Architekten Josef Frank und Oskar Wlach 1929/1930 die Villa für die Industriellenfamilie Beer bauten, verliehen sie dem überkommenen großbürgerlichen Raumprogramm eine zeitgenössische Form. So gilt die Villa Beer als eines der bedeutendsten Wohnhäuser der Moderne und wird in der Fachwelt mit Ikonen wie der Villa Tugendhat von Ludwig Mies van der Rohe oder der Villa Savoye von Le Corbusier gleichgesetzt. Während diese Häuser schon lange zugänglich sind, war die Villa Beer in einer Seitenstraße im noblen Wiener Viertel Hietzing bis nach der Jahrtausendwende bewohnt und stand danach lange leer. Doch ab dem 8. März dieses Jahres werden die Türen für alle offen sein: Die Villa Beer Foundation hat das Gebäude seit 2024 saniert und betreibt es jetzt als Hausmuseum und Veranstaltungsort.

Moderne mit menschlichem Maßstab
Die Villa Beer ist aber nicht nur die Grandezza des Erdgeschosses. Neben diesen offensichtlich auf Repräsentation ausgelegten Räumlichkeiten gibt es auch andere Bereiche, die sich zum täglichen Bewohnen, auch im Winter, viel besser eigneten. Der Architekt Josef Frank war Humanist, er lehnte einen strengen Funktionalismus ab, propagierte stattdessen eine Moderne mit menschlichem, wohnlichem Maßstab. In der rund 900 Quadratmeter großen Villa findet sich deshalb auch ein niedriges Zwischengeschoss mit „Tea Room“ und einer offenen Galerie, wo heute wieder wie einst ein Bösendorfer-Flügel steht.


Im Wohnzimmer bildet ein Kamin eine gemütliche Ecke. Kleinere und größere Nischen im Haus schaffen Rückzugsräume innerhalb der grandiosen Architektur. Dass diese nun wieder so wie zu ihrer Bauzeit erlebt werden kann, verdankt sich dem Engagement von Lothar Trierenberg aus Wien. Während der Pandemie erwarb Trierenberg die denkmalgeschützte Villa und gründete die Stiftung als Trägerinstitution. Er ließ das Haus, das nie grundlegend saniert wurde und deshalb weitgehend im Originalzustand konserviert war, zunächst restauratorisch untersuchen. Gemeinsam mit dem Architekten Christian Prasser von cp architektur leitete er auch die Sanierung, in Zusammenarbeit mit Expert*innen, Handwerksbetrieben und dem österreichischen Bundesdenkmalamt.

Die Projektkosten der Sanierung beliefen sich auf rund 10 Millionen Euro. Die Stadt Wien unterstützte die Renovierung mit 500.000 Euro, das Bundesdenkmalamt gab rund 200.000 Euro. Im Zuge der Sanierungsmaßnahmen wurde die Villa von Grund auf instand gesetzt, vom Keller bis zum Dach ertüchtigt und im Inneren wieder aufwändig und möglichst originalgetreu hergestellt – bis hin zu Heizkörpern und Lichtschaltern. Auf der Webseite der Stiftung ist der Sanierungsprozess mit vielen Fotos detailliert dokumentiert.

Eine ausgelöschte Welt
Die Geschichte der Villa Beer ist untrennbar verbunden mit dem Schicksal ihrer jüdischen Bauherrschaft, dem Industriellen Julius Beer und seiner Frau, der Pianistin Margarete Beer. Das Glück der Familie in ihrem Haus endete bereits kurz nach Fertigstellung, Anfang der 1930er-Jahre, als Julius Beer nach beruflichen und wirtschaftlichen Rückschlägen seine Firmenanteile verlor und die Kreditraten nicht mehr bedienen konnte. Die Familie behielt zwar ein Wohnrecht, musste das Haus jedoch ab 1932 immer wieder vermieten, um die Rückzahlungen finanzieren zu können.


Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 wurde die Situation zunehmend schlechter, nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland 1938 wurde die Familie auseinandergerissen: Während einzelnen Familienmitgliedern die Flucht ins Exil gelang, wurde die Tochter Elisabeth Beer 1940 deportiert und 1941 ermordet. Auch die Architekten Josef Frank und Oskar Wlach mussten emigrieren, Frank ging nach Schweden, in die Heimat seiner Frau, Wlach nach New York. So ist die Villa Beer nicht nur ein Monument der Architekturmoderne, das die großbürgerliche Wohnkultur der Zwischenkriegszeit lebendig werden lässt. Sie ist auch ein Ort der Erinnerung an eine liberale, jüdisch geprägte Welt Mitteleuropas, die durch die nationalsozialistische Herrschaft ausgelöscht wurde.

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Links

Sanierung

Christian Prasser Architektur

www.cp-architektur.com

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