Projekte

Brutal hexagonal

Gähler Flühler Fankhauser Architekten sanieren das Theater St. Gallen

Konservieren und modernisieren – dieser nicht selbstverständliche Spagat ist bei der Instandsetzung des Theaters St. Gallen vorbildlich gelungen. Das 1968 eröffnete Theater ist ein kulturelles Highlight in der Ostschweiz, seine Architektur ein Meisterwerk des expressiven Brutalismus. Mit großem Respekt vor dem wertvollen Bestand haben Gähler Flühler Fankhauser Architekten das Haus fit gemacht für kommende Generationen und zeitgemäße Theaterproduktionen. Auch das historische Saalgestühl war nach über fünfzig Jahren intensiver Nutzung stark in Mitleidenschaft gezogen. Die Restaurierung nach denkmalrechtlichen Vorgaben übernahm der Spezialist für Sitzmöbel Girsberger.

von Stephan Redeker, 08.08.2024

Das nach Plänen des Zürcher Architekten Claude Paillard errichtete Theatergebäude beeindruckt durch seine markante Sichtbetonfassade und seine skulpturalen Formen. Typisch für Bauten des Brutalismus, prägen die Abdrücke der sägerauen, horizontal ausgerichteten Bretterschalung alle Betonoberflächen. Der Baukörper zeichnet sich durch eine komplexe Volumenverteilung mit flachen und hohen Gebäudeteilen aus, die zum Zentrum hin ansteigen und so das Bild eines Gebirgsmassivs erzeugen. Vereinzelt durchbrechen Fensterbänder die geschlossen wirkende Fassade. Eine Ausnahme stellt die Ostfassade dar: Hier öffnet sich das Massiv mit einer hohen Glasfassade und gibt den Blick ins Innere frei.

Sechseckige Systematik
Im Foyer und im Theatersaal erleben die Besucher*innen die Gestaltungswelt des Brutalismus in Reinform: Es dominieren roh belassene und materialechte Oberflächen aus Beton, Naturstein und Holz. Funktionale Elemente, wie die Fensterprofile, die Saalbestuhlung oder die Garderobenstangen, sind durch violett-rote Farbgebung hervorgehoben. Das gesamte Gestaltungskonzept basiert auf einer hexagonalen Geometrie, die das Gebäude vom Grundriss bis zur Form der Deckenleuchten und der Ottomane im Foyer konsequent durchzieht.

Choreografie des Begehens
Die Besucherführung vom Vorplatz bis zu den Sitzplätzen ist ein Erlebnis. „Licht- und Raumempfinden sowie die vielfältigen Raumabfolgen erzeugen eine Art Choreografie des Begehens“, beschreibt es das Planungsteam. Wie das äußere Erscheinungsbild des Gebäudes zeichnet sich auch der Theatersaal durch eine besonders ausgewogene Verteilung der Volumen aus, die sich aus der Übersetzung einer organischen Grundform in die Systematik des Sechsecks ergibt. Im asymmetrischen Zuschauerraum verbinden sich Parkett und Rang zu einer fließenden, höhlenartig intimen Gesamtstruktur und bieten optimale Sicht auf die Bühne. Hochwertige Materialien wie Beton, Holz, Glas und Textil tragen zur besonderen Atmosphäre bei.

Im Einklang mit dem Denkmalschutz
Trotz regelmäßiger Wartung befanden sich Bausubstanz und Theatertechnik Ende der 2000er Jahre in einem Zustand, der eine Generalsanierung erforderlich machte. Gähler Flühler Fankhauser Architekten gewannen 2014 einen Planerwettbewerb für die Projektierung dieses Vorhabens. Schnell wurde klar, dass neben der Sanierung auch eine Erweiterung des Theaterkomplexes notwendig war, um den heutigen Anforderungen gerecht zu werden. In enger Abstimmung mit dem Denkmalamt wurde eine Nutzflächenerweiterung von rund 700 Quadratmetern ausgehandelt, die vor allem durch Anbauten an der nordwestlichen Gebäudeecke erfolgte.

Drei Jahre Bauarbeiten
Die Sanierung des Theaters begann im September 2020 und dauerte bis Juni 2023. Eine der größten Herausforderungen war zunächst die umfangreiche Asbestsanierung, die den geplanten Zeitplan erheblich beeinflusste. Im Rahmen der Sanierung wurden die haustechnischen Anlagen komplett erneuert und bauliche Mängel behoben. Die Fassade wurde von der Putzschicht einer früheren Restaurierung befreit, ausgebessert und mit einer pigmentierten Steinmehllasur behandelt, um das ursprüngliche Erscheinungsbild wiederherzustellen und zu schützen.

Eine neue technische Ausstattung mit Bühnen- und Tontechnik sowie eine verbesserte Raumakustik wurden installiert und der Brandschutz überarbeitet. Die Arbeitsräume wurden neu gestaltet, um zeitgemäße Arbeitsbedingungen zu schaffen, und die Anbauten bieten mehr Platz für den Theaterchor, den Ballettsaal sowie die Masken- und Garderobenräume.

Restaurierung des Saalgestühls
An sieben Tagen in der Woche besuchen rund 150.000 Menschen pro Jahr das Theater, um ein breites Spektrum an Aufführungen zu genießen, darunter experimentelle Theaterstücke, Sinfoniekonzerte und Kindertheater. Dementsprechend zeigte insbesondere die Bestuhlung aus dem Jahr 1968 deutliche Abnutzungserscheinungen. Die Restaurierung wurde von Girsberger Remanufacturing durchgeführt, da hier großes Know-how gefragt war. Die Herausforderung bestand darin, den Sitzkomfort zu verbessern und gleichzeitig das Design sowie möglichst viel Substanz der Erbauungszeit zu erhalten.

Die rund 740 Theatersitze wurden bis auf die Holzrahmen demontiert, neu gepolstert und mit einem originalgetreuen, aber robusteren Stoff bezogen. Dieser erfüllt nicht nur die akustischen, sondern auch die brandschutztechnischen Anforderungen des Theaterbaus. Die ursprünglichen Maße und Formen der Sitze wurden behutsam modifiziert, um den heutigen ergonomischen Anforderungen besser gerecht zu werden. Neben den Polsterungen und Bezügen wurden auch die mechanischen Komponenten der Sitze überarbeitet. So sorgt die Erneuerung der Klappmechanismen für einen leisen und ruckfreien Betrieb. Dies trägt nicht nur zur Verbesserung des Komforts bei, sondern minimiert auch Störungen während der Aufführungen. Darüber hinaus beinhalteten die Arbeiten eine umfassende Transportlogistik sowie die umweltgerechte Entsorgung von Altmaterialien.

Fit für die Zukunft
Das modernisierte Gebäude bietet verbesserte Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter*innen und ein optimiertes Besuchserlebnis. Spezielle Initiativen wie ermäßigte Karten für Jugendliche und eine Erweiterung des Abonnementangebots sollen dazu beitragen, Kultur für alle zugänglich zu machen. So gewappnet kann das Theater St. Gallen auch in Zukunft als bedeutende Kulturinstitution über die Region Ostschweiz hinaus wirken und ein Ort der Begegnung, des Austauschs und der künstlerischen Qualität bleiben.

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Girsberger

Die Schweizer Unternehmensgruppe wurde im Jahr 1889 als Drechslerei gegründet und entwickelte sich bald zu einem namhaften Sitzmöbelhersteller. Schwerpunkt des Angebots sind heute qualitativ hochwertige und innovative Möbellösungen für den Büro-, Objekt- und Wohnbereich sowie eine besondere Verarbeitungskompetenz im Segment Massivholz.

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Gähler Flühler Fankhauser Architekten

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