Premiere für den Bestand
Sanierung des Kino International in Berlin von Dickmann Richter Architekten
Nach rund eineinhalb Jahren Bauzeit öffnet das Kino International an der Berliner Karl-Marx-Allee wieder seine Türen. Die denkmalgerechte Sanierung folgte einem zweigleisigen Ansatz: Das Premierenkino wurde technisch radikal erneuert und zugleich räumlich behutsam in die Gegenwart geführt.
Das Kino International, 1963 in Ostberlin eröffnet, zählt zu den bedeutendsten Kinobauten der europäischen Nachkriegsmoderne. Von Beginn an war es weniger als Alltagskino gedacht, sondern als Ort für Premieren, Festivals und gesellschaftliche Ereignisse.
Erstmals in seiner Geschichte wurde das Haus im Mai 2024 für die Sanierung vollständig geschlossen. Die Maßnahmen umfassten das gesamte Gebäude – von der technischen Infrastruktur über Dach und Keller bis hin zur Restaurierung von Oberflächen, Einbauten und Ausstattung. Geplant wurde die Grundinstandsetzung von Dickmann Richter Architekten, in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege. Ziel war es, die architektonische Identität des Hauses zu bewahren und zugleich die Voraussetzungen für einen zeitgemäßen Kinobetrieb zu schaffen.
Raum als Dramaturgie
Errichtet wurde das Kino International zwischen 1961 und 1963 nach Plänen von Josef Kaiser. Als Solitär an der Karl-Marx-Allee nahm das Gebäude von Beginn an eine besondere städtebauliche Rolle ein. Das Kino war ein bewusst herausgehobener Baustein der damaligen Stadtplanung der DDR – nicht beiläufig, sondern als kulturelles Zeichen im Gefüge der Allee. Neben dem Kinosaal gehörten ursprünglich auch eine Bibliothek und ein Jugendclub zum Ensemble. Entsprechend stand niemals nur der Film selbst im Zentrum des Besuchs, sondern auch das Ankommen, das Durchschreiten des Gebäudes, das Erleben von Raum und Architektur.
Der Weg von der Straße bis in den Kinosaal ist als räumliche Erzählung inszeniert, wie sie zumindest hierzulande wohl einzigartig ist. Von der niedrig gehaltenen Garderobenhalle mit ihrer goldfarbenen Rautendecke läuft man über tunnelartige, flach geneigte Treppenaufgänge hinauf in das lichtdurchflutete obere Foyer, die Panoramabar mit ihren großformatigen Fensterflächen, und weiter in den elegant gefassten Kinosaal. Diese Abfolge mit ihren zahlreichen Momenten des Übergangs erzeugt bis heute eine große Spannung: vom Stadtraum in einen eigenen Kosmos, vom Beengten ins Weite, von den 2020er- zurück in die 1960er-Jahre. So stilvoll lässt sich kaum eine andere Leinwand der Stadt erreichen. Diese Raumfolge blieb selbstverständlich unangetastet und bildete den Ausgangspunkt der Sanierung.
Technik im Verborgenen
Die zentrale Herausforderung bestand darin, moderne Technik in einen denkmalgeschützten Bau zu integrieren, dessen Oberflächen selbst Teil des architektonischen Konzepts sind. Sämtliche haustechnischen Anlagen wurden vollständig erneuert. Dazu zählten Lüftung, Heizung, Elektro und Sanitär, aber auch Brandschutz und Barrierefreiheit.
Gerade weil es sich um ein vollständig ausgestattetes Bestandsgebäude handelt, war dieser Prozess besonders aufwendig und deutlich langwieriger als bei einem Neubau. Jede Oberfläche musste zunächst abgenommen werden, um die Technik dahinter zu erreichen, nur um anschließend katalogisiert, restauriert und präzise wieder eingebaut zu werden. Jedes Kabel und jedes Leitungsrohr wurde ersetzt. Auch die Dachfläche wurde saniert, neue Oberlichter eingefügt und der Keller neu organisiert. Heute nimmt er die vollständig modernisierte Haustechnik auf.
Materialität und ausgewählte Eingriffe
Ein Schwerpunkt des Projekts lag auf der sorgfältigen Aufarbeitung der originalen Materialien. Über sieben Kilometer Holzlamellen aus Kirschbaum, Ulme und Esche wurden demontiert, restauriert und in exakter Reihenfolge wieder eingesetzt. Natursteinflächen, Betonwerksteinböden und die Kristallleuchter im Foyer wurden gereinigt und instand gesetzt. Auch die Bestuhlung im Foyer wurde neu gepolstert, technisch ertüchtigt und lackiert. Dabei ging es nicht um eine vollständige Rückführung in einen vermeintlichen Originalzustand, sondern um eine bewusste Auswahl.
In Abstimmung mit der Denkmalpflege wurde entschieden, welche Spuren als gelebte Geschichte gelten dürfen und welche als unerwünschte Überformung. Durch hohen UV-Lichteintrag stark ausgeblichene Stoffbespannungen hinter den Holzpaneelen oder nikotinbedingte Verschmutzungen aus früheren Jahrzehnten – Foyer und Panoramabar waren vor allem in den 1990er- und 2000er-Jahren Schauplatz einer lebendigen Partyszene – wurden entfernt. So treten die Paneele heute dank ihres wieder tiefschwarzen Hintergrunds klarer hervor, ohne selbst ihren gealterten Charakter zu verlieren. In der Panoramabar lag historisch zunächst Teppichboden, der jedoch schon früh Parkett wich. Dieses wurde instand gesetzt, beschädigte Partien ergänzt und die Oberfläche neu gefasst.
Filmtheater auf aktuellem Niveau
Im Kinosaal selbst wurde die technische Ausstattung vollständig erneuert und eine Akustikdämmung auf die historische Decke aufgebracht. Ein Dolby-7.1-Soundsystem und ein Christie-Laserprojektor ermöglichen heute 4K-Projektionen auf internationalem Festivalniveau. Um den Komfort zu erhöhen, wurde die Sitzplatzzahl auf 506 reduziert und der Reihenabstand spürbar vergrößert. Eine vollständige Neugeometrie des Saals kam nicht infrage, da sie einen Eingriff in den Denkmalwert des Raums bedeutet hätte.
Besondere Aufmerksamkeit galt dem Premierenvorhang. Das monumentale Textil aus Seidenbahnen und Millionen von Pailletten wurde originalgetreu restauriert. Das Trägergewebe musste neu gewebt werden – in einer der letzten Seidenmanufakturen Deutschlands –, die historischen Pailletten blieben erhalten. Aufgrund seiner Größe konnte der Vorhang nur vor Ort zusammengesetzt werden und markiert heute wieder den feierlichen Beginn jeder Vorstellung.
Kino als öffentlicher Kulturort
Seit 1992 wird das Haus von der Yorck Kino GmbH betrieben, die sich zahlreichen architektonischen Kleinodien der Stadt angenommen hat. Innerhalb des Portfoliosnimmt das Kino International dennoch eine Sonderstellung ein. Auch heute versteht es sich als klassisches Filmtheater: als Ort der Begegnung, der Premiere, des gemeinsamen Erlebens. Foyers, Treppenhalle und Kinosaal bilden erneut ein Ensemble, das Kino, Stadt und Öffentlichkeit miteinander verbindet. Mit ihrem Blick auf die Karl-Marx-Allee kehrt die Panoramabar – ohne Zweifel einer der schönsten Innenräume der Hauptstadt – als Treffpunkt für Kulturenthusiast*innen zurück.
FOTOGRAFIE Daniel Horn Daniel Horn
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