Projekte

Schulterblick am Hang

Energetische Sanierung in Stuttgart von Bottega + Ehrhardt

von Markus Hieke, 11.07.2017

Kommt ein Haus in die Jahre, hat es nicht selten deutlich veränderte Anforderungen durchlebt: hier ein Anbau, da eine Nachbesserung – bis am Ende vieles vertraut, aber nichts mehr wie am Anfang aussieht. Im Stuttgarter Süden gehen Bottega + Ehrhardt mit einem Haus zurück auf Ausgangsposition – mit dem Ziel einer Neuausrichtung auf die Bedürfnisse der neuen Bewohner, einer energetischen Sanierung und der Chance, den Bau an zukünftige Lebenssituationen anzupassen.

Sicher hat auch der fertiggestellte Umbau nicht mehr viel mit dem Ursprungsbau zu tun, vielleicht aber mehr als der letzte Zustand, den das 1958 errichtete Einfamilienhaus vor dem Eingriff der Stuttgarter Architekten Bottega + Ehrhardt gehabt hat. Hoch am Hang über dem Neckartal erstreckt sich das Gebäude über vier Geschosse, deren untere Ebene direkt in den hangseitigen Garten führt. Einer der Anbauten war hier ein Pool-Haus, das im Zuge des Rückbaus weichen musste. Die Bauherren wünschten sich „ein modernes und hochwertiges, sinnvoll energetisch saniertes und insbesondere barrierefrei erschließbares Gebäude“, erklären die Planer ihre Aufgabe.

Als die frühere Volumetrie wiederhergestellt war, galt das Augenmerk dem neuen Zugang. Ein Stahlsteg führt heute stufenlos vom Grundstückseingang zur Haustür im Dachgeschoss, die sich durch einen Vorsprung markant von der flachen Dachschräge abhebt. Innen führt eine winkelförmige Treppe mit geräumigem Luftraum hinunter bis ins Untergeschoss. In ihrem Zentrum bleibt Platz für den späteren Einbau eines Aufzuges.

Neben einem Studio im Dachgeschoss, auf dessen Südseite sich nach Verkürzung des bestehenden Daches eine große Terrasse öffnet, folgen abwärts die privateren Räume der Bauherren: das Schlafzimmer mit angegliedertem Bad und Ankleideraum, ebenso wie eine offene Bürofläche im ersten Obergeschoss, eine halboffene Küche neben dem Ess- und Wohnbereich im Erdgeschoss sowie ein kleiner Spa-Bereich im Untergeschoss. Im Grundriss bestehen geblieben ist eine dominante Schräge, die durch die unteren drei Geschosse führt. Als Relikt, so die Architekten, sei auch eine betonierte Hallenbadwand erhalten worden, die „dem Gartenraum nun in Verbindung mit einem alten Nussbaum seine räumliche Fassung gibt.“

Während es sich optisch betont zurückhält, steckt energetisch viel drin in diesem Haus: Als Hülle dient ein mineralisches Wärmedämmverbundsystem unter warmgrauem Putz, kombiniert mit anthrazitfarbenen Holz-Aluminium-Fenstern. Ausgestattet haben es die Architekten mit einer Sole-Wasser-Wärmepumpe mit Eisspeicher, einer Solaranlage, einer kontrollierten Be- und Entlüftung mit Wärmerückgewinnung, einer Niedertemperatur-Fußbodenheizung sowie einer in den Dachsteinen integrierten Photovoltaikanlage.

Ein Blick in das Herstellerverzeichnis des Interieurs verrät den qualitativen Anspruch der Bauherren – darunter namhafte deutsche Unternehmen: Küchenmöbel von Leicht, die Küchenarmatur von Blanco, ein Schaltersystem aus dem Hause Jung und die Türsprechanlage stammt von Siedle. Im Untergeschoss ist eine Sauna von Klafs integriert – mit großem Fenster, auf dessen tiefer Bank man bequem Platz nehmen kann.

Bei der Möblierung setzt das Ehepaar gekonnt auf zeitlose Klassiker: Mart Stams Freischwinger S33 – der 1927 sein Debüt in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung hatte – oder das weiße USM-Möbel, das im Wohnzimmer als TV-Bank dient. Daneben spielt vor allem Raum eine große Rolle. Zwischen einem großen Sofa, den Wänden, den Fenstern, dem Kamin am Übergang zwischen Küche und Wohnbereich liegt viel Luft. Einbauschränke verbergen sich hinter weiß lackierten Fronten. Das Interieur wirkt dadurch alles andere als zugestellt. Darüber hinaus liefern große Schiebefenster reichlich Tageslicht sowie einen weiten Blick in den Stuttgarter Kessel.

Dem Büro von Giorgio Bottega und Henning Ehrhardt ist mit dem Umbau besonders eines gelungen: die Zeitlosigkeit einer Architektur zu betonen und sie für die nächsten Jahrzehnte zu wappnen.

Links

USM

Das USM Möbelbausystem Haller wurde zwischen 1962 und 1965 entwickelt. Der bekannte Klassiker wird in der Bürowelt, in öffentlichen Bauten wie auch im privaten Bereich eingesetzt. Die Ende 2001 erfolgte Aufnahme in die Design-Sammlung des Museums of Modern Art MoMA in New York (USA) ist eine hohe Auszeichnung und bestätigt den Kunst-Charakter des Produkts.

Zum Showroom

Projektarchitekten

Bottega + Ehrhardt Architekten

www.be-arch.com

Fotograf

David Franck

www.davidfranck.de

Haus H

Projekt: Rück- und Umbau eines Einfamilienhauses, energetische Sanierung / Bauherr: privat / Ort: Stuttgart / Fertigstellung: 2016

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