Stories

50 Jahre Mondlandung: Richtungswechsel im Design

Wie die Mondreise das Design beflügelte.

von Norman Kietzmann, 17.07.2019

Am 21. Juli 1969 um 3:56 Uhr mitteleuropäischer Zeit betraten Neil Armstrong und Buzz Aldrin den Mond. Es war ein globales Medienereignis. Die Hälfte aller Sendestationen war live zugeschaltet. Vor den Fernsehgeräten verfolgten 500 bis 600 Millionen Zuschauer die ersten Schritte auf dem Erdtrabanten. Am kommenden Sonntag nähert sich zum 50. Mal der Termin, der auch in der Gestaltung Spuren hinterließ.

Die Raumfahrt war in den Fünfziger- und Sechzigerjahren weit mehr als ein wissenschaftliches Phänomen. Während die Weltmächte und Systeme um die Vorherrschaft im Weltall rangen, beflügelten sie sogar den Alltag auf der Erde. Entwürfe von Verner Panton, Joe Colombo, Luigi Colani, Eero Saarinen, Eero Aarnio, Pierre Paulin oder Oliver Mourgue schienen der Schwerkraft enthoben zu sein. Sie wirkten wie die perfekten Utensilien für ein Leben an Bord einer Raumstation – und führten die technischen Möglichkeiten der neuen Kunststoffe dabei eindrucksvoll vor Augen.

Wohnen im Modul
Die Mondlandung war nicht der Anfang dieser Entwicklung, sondern markierte ihren Höhepunkt. Eindrucksvolle Space-Age-Räume haben Joe Colombo mit der Visiona 1 und Verner Panton mit der Visiona 2 geschaffen: Vom utopischen Geist der Raumfahrt bestimmte Wohnsituationen, die im Auftrag des Chemiekonzerns Bayer während der Kölner Möbelmesse 1969 und 1970 gezeigt wurden. Joe Colombo überwand die traditionelle Raumaufteilung in Wohnzimmer, Schlafzimmer, Arbeitszimmer, Esszimmer, Küche oder Bad. Stattdessen begriff er die Wohnung als einen Open Space mit mehreren freistehenden Kapseln, die wie die Module einer Raumstation einzelnen Funktionen zugewiesen wurden. Der Aspekt der Dynamik wurde gleich in doppelter Hinsicht erfüllt: Zum einen waren die Kapseln durch drehbare, verschiebbare oder klappbare Elemente veränderlich. Zum anderen konnten sie auf Rollen gedreht und frei durch den Raum geschoben werden, sodass der Wohnraum niemals statisch war.

Neue Kompositionen
Der Idee der Veränderlichkeit folgten auch Möbelentwürfe wie der Tube Chair, den Colombo 1968/1969 für Flexform entwarf und der heute von Cappellini produziert wird. Das Möbel besteht aus vier Röhren mit unterschiedlich großen Durchmessern, die mithilfe von seitlich aufgesteckten Metallklammern verbunden werden. Durch einen simplen Handgriff können sie gelöst und in neuer Kombination wieder zusammengesteckt werden. Bereits ein einzelner Sessel mit vier Röhren erlaubt 16 unterschiedliche Kombinationsmöglichkeiten. Zieht man einen zweiten Tube Chair hinzu, ergeben sich 64 mögliche Varianten, die vom erhöhten Sitzen wie auf einem Stuhl bis hin zu einer entspannten Liegeposition in Bodennähe reichen.

Joe Colombo hat das Design als eine übergreifende Gestaltungsaufgabe gesehen, die über das Entwerfen einzelner Problemlösungen oder die Einrichtung von Innenräumen hinausgeht. Mit der Wohnkapsel entwickelte er eine Art Mikroarchitektur, die als ein Raum im Raum von der vorhandenen baulichen Umgebung unabhängig ist. Die Idee wurde auch von anderen verfolgt: In Tokio realisierte der Architekt Kisho Kurokawa mit dem Nakagin Capsule Tower (1970-1972) eines der wenigen tatsächlichen gebauten Beispiele für Kapsel-Architektur. Um zwei große Betonkerne wurden 140 vorgefertigte Wohnkapseln per Kran gehangen. Mit ihren markanten kreisrunden Fenstern sowie den in die Wände integrierten Möbeln und Elektrogeräten wirken die Wohnungen tatsächlich wie kleine Raumschiffmodule, die den Weg auf die Erde gefunden haben.

Sinnliche Höhle
Auch Verner Pantons Wohnlandschaft für die Visiona 2 offenbarte ein grundlegend neues Raumverständnis, bei dem die Grenzen zwischen Wand, Decke und Boden überwunden wurden. Die Transparenz gläserner Fassaden, mit der seit dem Bauhaus die Trennung zwischen Innen- und Außenraum überwunden werden sollte, verschwand. Die Wände wurden nun geschlossen und die dadurch abgedunkelten Räume wie Bühnen mit Licht und Farbe emotional inszeniert. Der Raum wurde zum Möbel, das Möbel zum Raum. Der Bezug zum Gefühl der Schwerelosigkeit im Weltall könnte kaum passender inszeniert sein.

Aufgrund der expressiven Farbgebung, die vor allem warme Farben wie Rot oder Orange vor kühlen Blau- oder Violetttönen hervorhebt, entstand der Eindruck einer kuschelig weichen Höhle. Sie versprach Geborgenheit und weckte Assoziation zum Mutterleib. „Der Mensch ist rund, sein Urzustand ist der intrauterine. Im Uterus der Mutter liegt der Mensch in warmer, gerundeter Form. Diese Position sollten wir in seinem Wohnen, Wohneinheiten, seinen zukünftigen Lebensräumen nicht vernachlässigen“, forderte Luigi Colani 1971 in einem Fernsehinterview mit dem WDR.  Veränderter Blick 
Kaum ein Gestalter konnte sich zu Beginn der Siebzigerjahre den neuen Kunststoffen entziehen, die scheinbar endlos zur Verfügung standen und die privaten Haushalte mehr und mehr durchdrangen. Doch als die OPEC – Organisation erdölexportierender Länder – 1973 eine drastische Drosselung der Fördermengen beschloss und damit die erste Ölkrise auslöste, platzte der Traum. Die Forderung nach einer Abkehr von fossilen Materialien und Energieträgern wurde auch durch die Erfahrungen der Mondladung verstärkt: „Die Agenda der Vierziger- bis Sechzigerjahre war: Wir werden auf einem anderen Planeten leben. Das bedeutet hinaufzuschauen, positiv zu denken, sich neue Technologien vorzustellen und Gefallen zu finden an Geschwindigkeit und Veränderung“, sagt Karim Rashid.

„Doch was passierte 1969? Armstrong landete auf dem Mond und mit einem Mal stellten wir fest: Er ist nichts weiter als ein toter Felsen. Wir wussten fortan: Wir können nirgendwo anders hingehen. Das führte dazu, dass wir uns in den Siebzigerjahren wieder auf die Erde konzentriert haben und erkannten: Wir müssen auf diesem Planeten bleiben. Er ist das einzige, das wir besitzen“, so der New Yorker Designer weiter. Die Mondladung war also beides: Ein Symbol des Aufbruchs, des Größenwahns, des Übermaßes. Und doch hat sie zugleich den Grundstein gelegt für eine Fokussierung auf Nachhaltigkeit und Ökologie. Oder um es mit Neil Armstrong zu sagen: Ein kleiner Schritt für einen Menschen. Ein großer Schritt… naja, Sie wissen schon.

Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail

Mehr Stories

Möbel mit Raumwirkung

more präsentiert seine Neuheiten 2024 in Mailand

more präsentiert seine Neuheiten 2024 in Mailand

Keine Kreislaufprobleme

Vollständig recycelbarer Teppich von Object Carpet

Vollständig recycelbarer Teppich von Object Carpet

Best-of Teppiche 2024

Wie die Kunst auf den Teppich kam

Wie die Kunst auf den Teppich kam

Zweites Leben für Textilien

Das Recyclingsystem ReTurn von Delius

Das Recyclingsystem ReTurn von Delius

Brutalistische Kiefernholzmöbel

Studiobesuch bei Vaarnii in Helsinki

Studiobesuch bei Vaarnii in Helsinki

Best-of Raumausstattung 2024

Neue Tapeten, Farben & Textilien

Neue Tapeten, Farben & Textilien

Formal-Informal

Ligne Roset editiert Michel Ducaroys Polsterprogramm Kashima

Ligne Roset editiert Michel Ducaroys Polsterprogramm Kashima

CO2-Neutral und plastikfrei

Karcher Design setzt Nachhaltigkeit ganzheitlich um

Karcher Design setzt Nachhaltigkeit ganzheitlich um

Perfekte Imperfektion

Sebastian Herkner taucht die Bauhaus-Klassiker von Thonet in neue Farben

Sebastian Herkner taucht die Bauhaus-Klassiker von Thonet in neue Farben

Der Ikea-Effekt

Wenn aus Arbeit Liebe wird

Wenn aus Arbeit Liebe wird

Best-of Outdoor 2024

Möbelneuheiten für das Wohnen unter freiem Himmel

Möbelneuheiten für das Wohnen unter freiem Himmel

Ein Herz für Vintage

Wie der Hersteller COR gebrauchte Möbel neu editiert

Wie der Hersteller COR gebrauchte Möbel neu editiert

Kuratierter Kraftakt

Die Neuheiten der Stockholmer Möbelmesse 2024

Die Neuheiten der Stockholmer Möbelmesse 2024

Die Macht der Visualisierung

Wie Raumplanungen digital zum Leben erweckt werden

Wie Raumplanungen digital zum Leben erweckt werden

Best-of Tableware 2024

Neuheiten für die Küche und den gedeckten Tisch

Neuheiten für die Küche und den gedeckten Tisch

Ein Kessel Buntes in Paris

Die Neuheiten von Maison & Objet und Déco Off 2024

Die Neuheiten von Maison & Objet und Déco Off 2024

Skandinavische Designtradition

Das schwedische Unternehmen Kinnarps im Porträt

Das schwedische Unternehmen Kinnarps im Porträt

Dimensionen der Weichheit

Neuheiten von der imm cologne 2024

Neuheiten von der imm cologne 2024

Bühne für den Boden

Vorschau auf die Domotex 2024

Vorschau auf die Domotex 2024

Was darf ich für Dich tun

KI – Künstliche Intelligenz oder Kreative Invasion?

KI – Künstliche Intelligenz oder Kreative Invasion?

Wrestling & Fabelwesen

Neues von der Design Miami und Alcova Miami

Neues von der Design Miami und Alcova Miami

Alles auf einmal

Die Bundeskunsthalle in Bonn feiert die Postmoderne

Die Bundeskunsthalle in Bonn feiert die Postmoderne

Breite Eleganz

Fischgrätplanken von PROJECT FLOORS in neuen Formaten

Fischgrätplanken von PROJECT FLOORS in neuen Formaten

Alles auf eine Bank

Die Möbelkollektion Semiton von García Cumini für Arper

Die Möbelkollektion Semiton von García Cumini für Arper

Homeoffice im Wandel

Gestaltende über Lösungen für das Arbeiten zu Hause – Teil 2

Gestaltende über Lösungen für das Arbeiten zu Hause – Teil 2

Blick ins Homeoffice

Gestaltende über Lösungen für das Arbeiten zu Hause – Teil 1

Gestaltende über Lösungen für das Arbeiten zu Hause – Teil 1

Ruf der Falte

Paravent-Ausstellung in der Fondazione Prada Mailand 

Paravent-Ausstellung in der Fondazione Prada Mailand 

Best-of Fliesen 2023

Dekorative Neuheiten für Wand und Boden

Dekorative Neuheiten für Wand und Boden

Sinn für Leichtigkeit

Alberto-Meda-Ausstellung in der Mailänder Triennale

Alberto-Meda-Ausstellung in der Mailänder Triennale

Bunte Becken

Die Colour Edition von DuPont Corian

Die Colour Edition von DuPont Corian