Stories

Als die Locher lachen lernten

2000-2020: Humorvolle Produkte von Alessi, Koziol & Co

Wer die Form sucht, die nur der Funktion folgt, der hat rund um die Nullerjahre einen der schwierigsten Momente der Designgeschichte erlebt. Denn in den Kreativschmieden von Herstellern wie Alessi oder Koziol entstanden Anfang des neuen Millenniums allerhand bunte Dinge, die winkten, feixten, nach Keks rochen oder einem während des Gebrauchs etwas vorturnten.

von Tanja Pabelick, 16.10.2020

Zum Jahrtausendwechsel beschäftigten sich Designer mit den kleinen, bisher unscheinbaren Dingen des Alltags: Sie nahmen sich der Haushaltsgegenstände an. Sie hinterfragten die Form archetypischer Objekte wie Wäscheklammern, Seifenspender oder Brotdosen. Sannen über die Form von derlei Produkten nach, die so weit hinter ihrer Funktion zurückstehen, dass in Bezug auf ihren Namen Unsicherheit herrscht. Wie heißt beispielsweise der Rollenhalter für Haushaltstücher? Oder das Ding, mit dem sich nasse Fliesen abziehen lassen? 2000 bekamen sie, wenn schon namenlos, wenigstens ein Gesicht und damit Distinktionsmerkmale.

Besen mit Irokesen
Der Konsument konnte wählen: lieber eine Spülbürste mit Kulleraugen, mit Beinchen oder einem frechen Igelschnitt? Was sonst eigentlich nur in der Mode als typologisch galt und in zweiter Instanz vielleicht bei den Möbeln, breitete sich jetzt auch in Besteckschubladen und Badezimmern aus, bezog Vorratskammern und Handschuhfächer: die Individualisierung des Menschen durch den Charakter seines Besitzes. Während Konsumenten ihren persönlichen Ausdruck bisher mithilfe von Gürteln, Schuhen und Sofalandschaften suchten, beeinflusste die eigene Lebensphilosophie jetzt auch die Wahl der Spülbürste oder der Wäscheklammer.

Glück aus Plastik
Bei all den fröhlichen Produkten ging es der italienischen „Dream Factory“ Alessi oder der „Glücksfabrik“ Koziol vor allem darum, die Menschen auf einer emotionalen Ebene anzusprechen. Das funktioniert am direktesten, wenn man sich menschlicher Mimik und Gestik bedient. Da recken sich Ärmchen, da lachen die Locher, da bleckt der Flaschenöffner die Zähne gen Kronkorken. Eine andere Ebene der Ansprache ist die über einen lustigen Akt. Wie sich die Produkte dabei verhalten, ist typisch für die Zeiten vor Youtube, in denen noch über Heimvideos bei „Pleiten, Pech und Pannen“ gelacht wurde. Zum Kichern verleitet auch das Magic Bunny, das Stefano Giovannoni für Alessi gestaltet hat. Zieht man dem Kaninchen die Ohren lang, zaubert es ein paar Zahnstocher aus dem Hut. Salz- und Pfefferstreuer Lilliput hingegen führen einen Poledance auf. Den Stunt ermöglichen kleine Magnete, die die Eierköpfe in ihren Moonboots versteckt haben. Auch dieser Entwurf stammt von Giovannoni. Ebenso wie Nutty, ein Nüsse knackendes Eichhörnchen oder Mary Biscuit, die vanillig duftende Keksdose.

Von superlustig bis supernormal
Kunterbunte Produkte mit vordergründig originellen Qualitäten, deren Lustigkeitskurve nach dem ersten „Ha!“ schon wieder absackt, können uns heute kaum mehr begeistern. Sie stehen für die Art von Humor, die wir Haushaltsmitgliedern im Vorschulalter zugestehen. Auf der anderen Seite könnten wir uns aber auch fragen, warum wir 2020 nichts mehr zu lachen haben (wollen). Waren die fröhlichen Accessoires von 2000 nicht auch Ausdruck einer sorglosen Grundstimmung? Schon ein paar Jahre nach den Chimären aus Haustier und Haushalt wandten wir uns den Ikonen des Supernormalen zu, den Post-its, BIC-Kugelschreibern und dem Industriegeschirr. Auch schön, aber vergleichsweise trist. Sie zogen in ein Leben ein, das nicht mehr die New Economy feierte, sondern sie schon als Dotcom-Blase abgehakt hatte. Ist die Laune unserer Dinge am Ende vor allem ein Spiegel des Zeitgeistes?

Der Designer als Humorist?
Designer suchen immer die perfekte Form für die Funktion eines Produktes und können daran nur scheitern. Ein fehlerloser Gestalter ist eigentlich nur die Natur. Oder wie Bruno Munari es mal formulierte: „L'uovo ha una forma perfetta, benché sia fatto col culo“ – ein Ei hat die perfekte Form, auch wenn es von einem Hintern gelegt wird. Um also die kleinen Unstimmigkeiten, Mängel und Makel von Form und Funktion zu verstecken, überstrahlen Gestalter sie mit der äußeren Hülle. Mal mit dekorativer Schönheit – und mal mit Humor. Und vielleicht sollten wir uns bei aller Ernsthaftigkeit hier und da ein Augenzwinkern erlauben. Solange die Dinge nicht zurückzwinkern.

Dieser Artikel ist Teil des Dossiers: 2000-2020: 20 Jahre Interior & Design

Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail

Mehr Stories

Neues Licht

Wie dekorative Leuchten den Wohnraum aktivieren

Wie dekorative Leuchten den Wohnraum aktivieren

Diven mit Tiefgang

Die Trends der Keramikmesse Cersaie 2021

Die Trends der Keramikmesse Cersaie 2021

3 Days of Design 2021

Die Highlights aus Kopenhagen

Die Highlights aus Kopenhagen

Zeitloser Funktionalismus

Mid-Century in der zeitgenössischen Innenarchitektur

Mid-Century in der zeitgenössischen Innenarchitektur

Ausgezeichnete Designleistungen

Ester Bruzkus gewinnt den Best of Interior Award 2021

Ester Bruzkus gewinnt den Best of Interior Award 2021

Super, Salone?

Neuheiten und Eindrücke aus Mailand 

Neuheiten und Eindrücke aus Mailand 

Die Welt des Enzo Mari

Retrospektive in der Triennale

Retrospektive in der Triennale

Supersalone 2021

Die Highlights aus Mailand

Die Highlights aus Mailand

Slowenien glokal

Designausstellung zeigt Produkte „made in Slovenia“

Designausstellung zeigt Produkte „made in Slovenia“

Kontext statt White Cube

Designmesse Nomad im größten Engadiner Patrizierhaus

Designmesse Nomad im größten Engadiner Patrizierhaus

Das Werk der Hände

Japanisches Design seit 1945 von Naomi Pollock

Japanisches Design seit 1945 von Naomi Pollock

Maßstab Mensch

Rückblick auf unsere Veranstaltung zu Themen der Innenarchitektur

Rückblick auf unsere Veranstaltung zu Themen der Innenarchitektur

Die Raumausstatter

Tischlerei- und Studiobesuch bei Der Raum in Weißensee

Tischlerei- und Studiobesuch bei Der Raum in Weißensee

Loungige Landschaften

pads und pads sofa von jehs+laub für Brunner

pads und pads sofa von jehs+laub für Brunner

Über Originalität und Frechheit

Die Kollektion LeGer Home by Lena Gercke x Otto

Die Kollektion LeGer Home by Lena Gercke x Otto

Roboter, Cyborgs, Urhütten

Die Architekturbiennale 2021 in Venedig

Die Architekturbiennale 2021 in Venedig

Gib Stoff!

Diese Textilien können mehr als nur gut aussehen

Diese Textilien können mehr als nur gut aussehen

Renaissance der Schalter

Zukunftsgerichtete Gebäudetechnik jenseits des Smart Home

Zukunftsgerichtete Gebäudetechnik jenseits des Smart Home

Milano Design City 2021

Neue Möbel und Leuchten aus Mailand 

Neue Möbel und Leuchten aus Mailand 

Best-of Salone del Mobile

Eine stille Retrospektive auf die Mailänder Möbelmesse

Eine stille Retrospektive auf die Mailänder Möbelmesse

Material der Wahl

Vier Designstudios und ihre aktuellen Werkstofffavoriten

Vier Designstudios und ihre aktuellen Werkstofffavoriten

Alles fake?

Zeitgenössische Materialien, die Mimikry zum Stilmittel machen

Zeitgenössische Materialien, die Mimikry zum Stilmittel machen

Metallische Metamorphosen

Interiors mit Aluminium, Stahl & Co

Interiors mit Aluminium, Stahl & Co

Aneckender Architekt

Ausstellung zu Mart Stams Schaffenszeit in der DDR

Ausstellung zu Mart Stams Schaffenszeit in der DDR

Virgil Abloh vs. Dieter Rams

Zwei Designikonen in neues Licht gerückt

Zwei Designikonen in neues Licht gerückt

Neue Gastlichkeit

Wie wir unser Zuhause mit Freunden teilen

Wie wir unser Zuhause mit Freunden teilen

Best-of Outdoor

Die schönsten Neuheiten für Garten, Terrasse und Balkon

Die schönsten Neuheiten für Garten, Terrasse und Balkon

Best-of Textilien, Teppiche & Tapeten

Was 2021 auf den Boden und an die Wand kommt

Was 2021 auf den Boden und an die Wand kommt

Architektur im Ausnahmezustand

Veränderte Ansprüche an das Wohnen durch Corona?

Veränderte Ansprüche an das Wohnen durch Corona?

Zwischen Design und Desaster

Experiment und Improvisation im Gestaltungsprozess

Experiment und Improvisation im Gestaltungsprozess