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Aneckender Architekt

Ausstellung zu Mart Stams Schaffenszeit in der DDR

Mart Stam in der DDR? Für viele unbekannt: Der niederländische Architekt und Designer lebte und arbeitete für kurze Zeit in Ostdeutschland. Eine Ausstellung im Berliner Museum der Dinge widmet sich jetzt seinem Wirken in den Anfangsjahren des jungen kommunistischen Staates.

von Uli Meyer, 24.03.2021

Ein unvorstellbares Maß an Idealismus und Leidenschaft müssen die Protagonisten des Wiederaufbaus beider deutschen Staaten nach dem totalen Zusammenbruch am Ende des Zweiten Weltkriegs empfunden haben. Einer von ihnen ist Mart Stam (1899-1986): Der Bauhäusler und bekennende Kommunist entschied sich 1948 bewusst für einen Aufenthalt in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ), der späteren DDR. Hier hoffte er, seine Vision vom neuen Wohnen und Arbeiten realisieren zu können.

Funktionsgerecht, industriell herstellbar und von hoher Qualität
Stam ging zuerst nach Dresden, wo er die Hochschule für Werkkunst sowie die Akademie der Bildenden Künste leitete. Nach internen Zwistigkeiten übernahm er die Leitung der neu gegründeten Hochschule für angewandte Kunst in Berlin-Weißensee, der er das Institut für industrielle Gestaltung angliederte. Mit einer kleinen Schar von Institutsmitarbeitern – zum Teil ehemaligen Bauhaus-Lehrern wie er selbst – entwarf er in kürzester Zeit eine Produktserie, die die grundlegendsten Bedürfnisse der durch die Folgen von Krieg und Vertreibung gezeichneten Bevölkerung abdecken sollte. Wichtigste Anforderung nach der sich die Gestaltung richtete: Es musste seriell und damit industriell produzierbar sein. Kein Dekor durfte die funktionalistische Gestaltungsprogrammatik stören.

Entwürfe aus Holz, Keramik und Textil
Mit leidenschaftlichem Engagement entstanden Entwürfe, Modelle und Produktmuster für Geschirr, Mehrzweckgefäße, Spielzeuge, Leuchten und Kochutensilien. Zunächst vor allem in Holz, Keramik und Textil. Andere Werkstoffe waren schwer zu beschaffen oder die Produktionsstätten mussten als Reparationsleistungen an die Sowjetunion abgetreten werden. An der Hochschule arbeitete Stam zudem an einer grundlegenden Reformierung der Ausbildung im Geiste des Bauhauses.

Opfer der Formalismusdebatte
Schnell eckte er auch in Berlin an. Die von oben gewünschte Gestaltungssprache lässt sich heute noch gut an der – damals in Planung befindlichen – Stalinallee, der heutigen Karl-Marx-Allee, ablesen: Statt der funktionalistischen Laubenganghäuser von Hans Scharoun wurden Gebäude im Stil des sozialistischen Klassizismus gebaut. Statt seriell produzierter Bauteile war wieder das verzierte, dekorative Einzelstück gefragt. Glatte, unverzierte Oberflächen wurden zum Feindbild und als formalistisch und kosmopolitisch gebrandmarkt. Damit war Mart Stam nicht einverstanden und das ließ er auch durchblicken. Er wurde daraufhin sowohl an der Kunsthochschule wie auch am Institut abgesetzt und sogar mit einem Hausverbot belegt. Sein Nachfolger am Institut, der Grafiker und linientreue Kulturfunktionär Walter Heisig, erklärte: „Ein Besteck ohne Ornament ist Formalismus.“

Es lässt sich nur erahnen, welche Enttäuschung Mart Stam empfunden haben muss. Von nun an saß er zwischen allen Stühlen. Er verließ 1953 die DDR und kehrte nach Amsterdam zurück. Als Kommunist verschrien, kam er nur noch schwer an Aufträge und löste schließlich 1966 sein Büro auf.

Die Sammlung Industrielle Gestaltung
Die kleine Ausstellung in Berlin ist eine Kooperation zwischen dem Werkbundarchiv / Museum der Dinge und der Stiftung Industrie- und Alltagskultur, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die von Mart Stam gegründete „Sammlung Industrielle Gestaltung“ der DDR sichtbar zu machen. Die in der Ausstellung gezeigten keramischen Objekte und zeichnerischen Entwürfe bilden einen kleinen Teil des Grundstocks der heutigen Sammlung. Präsentiert werden un­ter an­de­rem Teile von Kaffee-, Tee- und Speisegeschirr für Haushalt und Hotel von Mart Stam und Marianne Brandt sowie Reproduktionen der Entwurfszeichnungen dazu. Beeindruckend sind die Sensibilität, Experimentierfreudigkeit und Sorgfalt, mit der jedes Produkt ausgefeilt, korrigiert und in immer neuen Varianten weiterentwickelt wurde.

Zurück zur industriellen Fertigung
Letztlich bleibt die Formalismusdebatte nur eine Episode in der Wirtschaftsgeschichte der DDR. Um möglichst ökonomisch produzieren zu können, wurden schon ab Mitte der Fünfzigerjahre wieder industrielles Bauen und die Massenproduktion unumgänglich. Auch am Institut für angewandte Kunst kehrte man wieder zur modernen Formgebung zurück. Die funktionale Gestaltung von Mart Stam wurde aufgegriffen und teilweise fortgeführt – in der Ausstellung gut erkennbar am Wasserkessel von Margarete Jahny sowie ihrem späteren Kännchen „RATIONELL“ für Mitropa (1969, mit Erich Müller). Hans Merz entwickelte in dieser Phase sein bekanntes Campinggeschirr. Beide studierten noch bei Mart Stam.

Die Widersprüche der Ostmoderne
Mit Erich John, Martin Kelm und Jürgen Peters kam um 1960 eine neue Generation von Weißensee-Absolventen als Diplom-Formgestalter
an das Institut. Fortschritte in der Industrieproduktion, insbesondere das Chemieprogramm der DDR, forderten von Neuem eine industriegemäße Formgebung. Die Sammlung Industrielle Gestaltung – von Mart Stam als Mustersammlung industrieller Entwürfe und Produkte angelegt – wurde in den Folgejahren weiterentwickelt und existiert bis heute. Sie wird seit 2005 vom Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland verwaltet und in einem Depot in Berlin-Spandau aufbewahrt. Mit der Sammlung wird der widerspruchsvolle Weg der Ostmoderne umfassend dokumentiert.

Stams Anspruch ans Wohnen
Widersprüchlich in vielerlei Hinsicht. So erklärte Mart Stam 1950 in seinem Vortrag Neue Möglichkeiten auf dem Gebiete der industriellen Gestaltung:„Hier geht es nicht um das Schaffen von Wohnraum allein. Es geht nicht bloß um das Erstellen von Dosen und Kisten mit Löchern für Türen und Fenster. Es geht darum, dass für die junge Generation all die Dinge neu geschaffen und neu gebildet werden, die eine Wohnung menschlich, bewohnbar machen.“ Ein Anspruch an das Gestalten von Wohnen und Bauen, dem damals weder die DDR noch der Westen mit ihrer seelenlosen Plattenbauarchitektur gerecht werden konnten – und an dem auch die heutige, oft hohle Investorenarchitektur immer wieder scheitert.

die frühen jahre.
mart stam, das institut und die sammlung für industrielle gestaltung

Werkbundarchiv – Museum der Dinge
Oranienstraße 25, 10999 Berlin
Geplante Laufzeit: 25. März bis 02. August 2021
Abhängig von der Pandemieentwicklung
Einlass nur mit Online-Ticket

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Links

Werkbundarchiv – Museum der Dinge

www.museumderdinge.de

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