Stories

Endstation Comeback

Reanimation geglückt, Patient lebt: Wie kluge Umnutzung funktioniert.

von Markus Hieke, 15.11.2013

Bröselnde Fassaden: Zeugnisse vergangener Tage, die ihrem ursprünglichen Zweck nach heute keine Verwendung mehr finden. Warum sich eine aufwändige Sanierung trotzdem lohnen kann, selbst wenn ein Abriss zugunsten eines Neubaus mitunter effizienter wäre, zeigen drei Beispiele mit industrieller Vorgeschichte. Von der Erschließung ungenutzter Stadträume über die Entwicklung eines Kunstzentrums bis hin zu selbstgezimmerten Wohn-Arbeits-Kokons, vereint sie ihre einzigartige Wandelbarkeit.

Was sich im Design als Upcycling-Trend etabliert, ist in der Architektur längst keine neue Disziplin mehr: die Umnutzung. Es geht um die Reanimation von Objekten, die ihre Funktion aufgrund veränderter Anforderungen verloren haben, aber noch in passabler Verfassung sind. Die Gestalter architektonischer Umnutzungsprojekte stehen dabei vor zwei Herausforderungen: Zum einen sollten sie Vorgefundenes möglichst wenig verändern, sodass Charme und Anmutung erhalten bleiben. Zum anderen aber sollen Ergänzungen und Erneuerungen für eine vitale Zukunft sorgen. Bestenfalls berücksichtigt eine Umgestaltung energetische Aspekte, sodass die Nutzung auch klimatisch nachhaltig ist. Zudem sollte sich ein Umbauprojekt einladend zeigen, damit kein fremdartiger Koloss in einem sonst authentischen Umfeld entsteht.

Mit Engagement neu erschlossen
Was möglich wird, wenn sich Liebhaber eines Objektes für dessen zweite Chance engagieren, zeigt ein Beispiel in New York. Eine Bürgerinitiative im Stadtteil Chelsea bemühte sich um den Erhalt der letzten Überreste der High Line, einer Güterbahnlinie aus vergangenen Zeiten, und hatte Erfolg. Auch wenn das Industriedenkmal kaum zugänglich war, konnten sie eine Umnutzung der alten Trasse durchsetzen. Ganze drei Jahrzehnte lang hatte das Hochbahn-Gerüst vor sich hin gerostet. Nun erreichten die Bemühungen der Anwohner – unterstützt von Künstlern, Kreativen, Stadtplanern und Architekten –, dass ein erster Abschnitt der Trasse von der Stadt finanziert zu einer Parkanlage umgebaut und 2009 eröffnet werden konnte. Neben Schotter, Gleis und Grünanlagen gibt es barrierefreie Wege zum Flanieren. Holzbänke, geschwungene Liegen und Sitzstufen laden zum Verweilen ein und bieten außergewöhnliche Blicke auf den Hudson River oder die Straßenschluchten von Manhattan. 2011 eröffnete ein zweites, durch Spenden finanziertes Teilstück. Und es wird ein dritter Abschnitt folgen, mit Teileröffnung 2014.

Nach Abschluss des Umbaus wird der High Line Park auf etwa 2,3 Kilometern frei zugänglich sein. Bereits heute zieht der grüne Schlauch entlang der 10th Avenue vorwiegend Kreative und Touristen an die Lower West Side von Manhattan. Angrenzende Häuser werden aufwändig saniert und in hochwertige Wohnobjekte und repräsentative Büros verwandelt, die besonders in der Kreativbranche beliebt sind.

Brauhaus der zeitgenössischen Kunst
Als das Sammlerehepaar Burkhard Varnholt und Salome Grisard das Gebäude der ehemaligen Kindl-Brauerei im Berliner Bezirk Neukölln sah, waren sie sofort fest entschlossen: Aus dem Bau müsse etwas Besonderes werden. Ein Begegnungsort für Nachbarschaft und kunstaffines Publikum. Kein Museum, keine weitere Galerie und auch keine Ausstellung ihrer eigenen Privatsammlung. Auch der Bezirk sah das Baudenkmal ausschließlich für kulturelle Zwecke vor, um eine größtmögliche Offenheit für die Bevölkerung zu erreichen. Immerhin war der markante Backsteinbau mit dem großen Biergarten bereits seit der Fertigstellung 1930 ein beliebtes Ausflugsziel vieler Nachbarn. Gebraut wurde in den einst größten Sudpfannen Europas, dem damaligen Aushängeschild des Hauses. Auf großzügigen 5.500 Quadratmetern entsteht nun das KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst  – mitten im kreativen Szenekiez. Privatfinanziert und äußerst behutsam verändert, soll sich der Bau vom „Palast Berliner Bierkultur“ zum Treffpunkt internationaler Gegenwartskunst in einer multikulturellen Nachbarschaft mausern.

Neuer Nutzen durch behutsamen Eingriff
Die kleine Brauerei, die nach dem Auszug des ursprünglichen Bierproduzenten im Jahr 2005 in die Kellerräume einzog, bleibt erhalten. In Anlehnung an vergangene Zeiten gibt es einen Biergarten und ein Café im alten Sudhaus. Der im Originalzustand erhaltene Raum mit seinen sechs riesigen Kupferpfannen soll auch Bühne kultureller Veranstaltungen werden. Das angrenzende Maschinenhaus bietet über drei Etagen Raum für wechselnde Ausstellungen im White-Cube-Charakter. Im würfelförmigen Kesselhaus mit seinen 20 Metern Kantenlänge sollen internationale Künstler Interventionen inszenieren. Und im markanten, 38 Meter hohen Turm werden auf sieben Etagen Produktionsbüros sowie Künstlerateliers untergebracht.

Das Ziel der Sanierung: möglichst wenig in Struktur und Gestalt eingreifen. Teilweise wird neu verputzt und versiegelt, teilweise nur die Fliesenoberfläche gereinigt. Lediglich der Eingangsbereich soll komplett neu hinzugefügt werden: ein Anbau aus Sichtbeton und Glas, nicht an der Hauptfassade, sondern dezent an der schmalen Ostseite des Gebäudes platziert. Der Entwurf dafür stammt von der Inhaberin und Architektin Salome Grisard selbst. Damit das Umnutzungsprojekt KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst glückt, wird besonders Wert auf die Einbeziehung der Nachbarschaft gelegt. Bis zur Fertigstellung im Herbst 2014 bietet eine Veranstaltungsreihe die Möglichkeit, den Ort kennenzulernen, zu erproben oder stadtsoziologische Themen zu diskutieren. Eintritt frei. Von der Textilfabrik zum Wohnraum
Einen Umnutzungstraum, ganz privat, hat sich ein Paar im belgischen Waarschoot erfüllt. Die Architektin Julie d´Aubioul und ihr Lebenspartner mögen es, wenn es – gerade im rauen und feuchten Klima des Landes – einen Raum zwischen drinnen und draußen gibt. So entdeckten sie die Halle einer alten Textilfabrik vom Ende des 19. Jahrhunderts für sich und wussten, dass dies ihr neues Zuhause werden würde. Besonders die gusseisernen Säulen und das alte Sheddach begeisterten die beiden Liebhaber alter Industriebauten. Der Kaufpreis war günstig, denn der Bau ist marode, das Dach undicht und die Wände porös. Nur kam eine Komplettsanierung für sie nicht in Frage. Zu wertvoll ist die Geschichte, die in den Mauern steckt. Die meisten umliegenden Gebäude der einstigen Fabrik waren bereits abgerissen worden.

Ihre Halle hingegen sollte trotz schlechtem Zustand umgenutzt und Alter und Patina nicht hinter frischem Anstrich verborgen werden. Auf 860 Quadratmetern sollten Raum zum Wohnen, ein Atelier für sie und eine Werkstatt für ihn geschaffen werden. Zunächst entstand ihr Büro: eine feststehende Einheit im Zentrum der Halle, deren leichte Konstruktion aus schmalen Balken und rahmenlosen Fenstern so nur dank des schützenden Hallendaches denkbar wurde.

Brillante Übergangslösung
Während die zukünftige Wohnung noch in Planung war, sah sich das Paar vor der Herausforderung, eine vorübergehende Wohnlösung zu konstruieren, die später spurlos zurückgebaut werden könnte. An nur zwei Wochenenden zimmerten sie sich mobile Boxen, in denen jeweils Schlafzimmer, Wohnzimmer und Bad unterkamen. Der Vorteil: Bei Bedarf lassen sich die Boxen frei im Raum bewegen. Im Sommer lässt sich die gesamte Halle zum Wohnraum erklären. Und im Winter stellt man die Boxen eng zusammen, sodass sie wie wärmende Kokons in der großen Halle funktionieren. Durch einen Deckel aus transparenten Polycarbonatplatten werden die kleinen Räume mit Tageslicht versorgt, das durch die Dachfenster ins Halleninnere fällt.

Baukulturelles Erbe wiedererweckt
Mit ihrem nachhaltigen Revitalisierungskonzept schafft die Architektin etwas, was ihre Textilfabrik mit der New Yorker Hochbahntrasse und der Neuköllner Brauerei verbindet: Sie erweckt baukulturelles Erbe der Industrie zu einem zweiten Leben. Mithilfe möglichst kleiner Eingriffe werden die Gebäude wieder nutzbar gemacht und finden eine neue Bestimmung. Ihre Anziehungskraft geht aus von einer Detailliebe, wie wir sie von Neubauten heute nur selten kennen. Was zunächst von Kreativen als Potenzial besserer Lebensqualität erkannt wird, sollte aber vor allem eines sein und bleiben: ein offener Ort für alle, an dem wir uns in eine vergangene Zeit zurückversetzt fühlen und dem Tempo des Alltages ein kleines Stück entfliehen können.

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The High Line

Park in New York

KINDL

Zentrum für zeitgenössische Kunst

Julie D´Aubioul

Leben in der Textilfabrik

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