Stories

Gentle Monster: Eine Fashion-Dystopie

Hochwertige Sonnenbrillen kauft man beim Optiker? Diese Zeiten sind vorbei.

von Kathrin Spohr, 15.10.2018

Hochwertige Sonnenbrillen kauft man beim Optiker. Wenn es nach dem koreanischen Unternehmer Hankook Kim geht, sind diese Zeiten vorbei. Mit seinem Label begeistert er nicht nur Liebhaber wie Tilda Swinton, Henrik Vibskov und Alexander Wang. Kürzlich ist der Luxuskonzern LVMH mit einer Beteiligung in Höhe von 60 Millionen Dollar eingestiegen. Was steckt hinter dem Erfolg?

Kann es liebenswerte Monster geben? Es klingt paradox oder nach einem Märchen, aber Gentle Monster gibt es. Fantasie und Wirklichkeit zugleich. Es ist der Name einer abgefahrenen koreanischen Eyewear Brand, die derzeit nicht nur mit ihren radikalen Brillendesigns, sondern auch mit ungewöhnlichen Shops und experimentellen Installationen international Wellen schlägt. Eine traumhafte Erfolgsgeschichte. Und das, obwohl – oder gerade weil – der Name in der Modewelt kontrovers klingt, weil er das Gegenteil von Schönheit und Perfektion indiziert.

Colour Blocking etwa markiert das Brillengestell Poxi: Die Gläser sind mittig mit einem rot eingefärbten Balken versehen. Es wäre der perfekte Style für die Musikerin Grace Jones der Neunzigerjahre. Und bei der aktuellen Kapselkollektion Once Upon a Future würde auch Elton John sicher fündig: Das filigrane Metallgestell Hackerzack etwa ist überdimensioniert groß, kreisförmig und hält nur ein einziges rundes Brillenglas. Ziemlich edgy, ziemlich sphärisch. Die etwas kleinere, kantigere Variante Atom Valley eignet sich nicht minder für extraterrestrische Fashion-Statements. Schnell sind Modelle vergriffen oder sogar ganz ausverkauft. Kein Zweifel, Gentle Monster hat Kultstatus.

Das liegt nicht nur an den radikalen Brillendesigns, sondern auch an den ebenso ungewöhnlich und im Einklang mit den Kollektionen immer wieder neu inszenierten Geschäftsinteriors. Vom 31. Mai bis zum 18. Juni 2018 hat Gentle Monster in New York zusammen mit dem angesagten Dover Street Market Store eine Pop-up-Installation mit dem Titel Passengers gelauncht. Im Zentrum der Produktpräsentation stehen zwei mannsgroße Kreaturen: Außerirdische auf der Reise durchs All. Es sind keine furchterregenden Monster. Ihre laborhafte und gleichzeitig schicke Detailästhetik macht sie sympathisch – sie könnten einem Filmset oder Bühnenbild entstammen. Passend zu diesem Setting ist die exklusive Sonnenbrillen­edition Cobalt in Schwarz und Gold entstanden. In Downtown Los Angeles wurde 2017 der zweite US-Flagship Store eröffnet. Das Konzept: Harvest.

Alles dreht sich hier um das Thema Ernte – in einem retrofuturistischen Look. Allein der Eingangsbereich des 1.500 Quadratmeter großen Geschäfts ist überwältigend: 2.000 Metallstangen, die Reispflanzen symbolisieren sollen, empfangen die Besucher. Jeder Store, jede Kollektion basiert quasi auf einem eigenen frischen Drehbuch und unterscheidet sich komplett vom nächsten. Das sorgt für Überraschung. Einziger roter Faden: Das Grundprinzip, jeden Shop wie eine Kunstgalerie anzulegen. Kunden tauchen in einen konzeptionellen Raum sensorischer Erlebnisse ein: Da begegnen ihnen kinetische und surreale Skulpturen, handgefertigte Objekte, Materialien und Oberflächen, die Bezug auf das jeweilige Store-Thema nehmen. Es sind intensive Retail-Welten voller Inspirationen. Gentle Monster lädt die Besucher dazu ein, immer wieder einen neuen Blick auf teils verrückte, wilde Fantasiewelten zu werfen – gefiltert durch die über- und unterproportionierten Linsen seiner Brillen.

An solchen Gentle-Monster-Gesamtkunstwerken arbeiten etwa 250 angestellte Architekten, Designer, Ingenieure und Künstler. Um die 140 verschiedene Brillen-Styles werden jährlich entwickelt. Das Unternehmen wurde 2011 von dem Koreaner Hankook Kim in Seoul gegründet. Er will die Art und Weise, wie Brillen gemacht, getragen und präsentiert werden, hinterfragen. Gentle Monster sollte deshalb mehr als eine Eyewear Brand sein. Kim wollte dazu High-End-Experimente entwickeln und die Grenzen zwischen Fantasie und Realität ausloten. Paradoxe Widersinnigkeit lautet das Spiel, das Gentle Monster auf jeder Designebene zum Besten gibt. Von futuristischen, abgedrehten Brillensilhouetten über die Konzepte und Visuals der Kampagnen bis hin zu experimentellen und stets anders kunstvoll gestalteten Shops, Pop-ups und Installationen. Wenn es so etwas wie ein wiederkehrendes Element gibt, dann den radikalen, herausfordernden Look der Kollektionen und Präsentationen.

Von Beginn an hat Gentle Monster internationale Ausnahmekünstler und Celebrities für sein Vorhaben gewinnen können, wie Tilda Swinton, die Modedesigner Henrik Vibskov und Alexander Wang oder auch den Möbelhersteller Moooi von Marcel Wanders. So ist die Marke in einem ziemlich rasanten Tempo populär geworden. Innerhalb von nur sieben Jahren sind 15 Flagship Stores in Asien und den USA und 25 Instores in exklusiven Kaufhäusern entstanden. Auch online sind viele Modelle erhältlich, und bei ausgewählten Boutiquen weltweit. Der Service stimmt: Zum Ausprobieren zuhause gibt es temporär fünf Gestelle. Dass im vergangenen Jahr L Catterton Asia, eine Tochtergesellschaft des französischen Luxusgüter-Giganten LVMH, 60 Millionen Dollar in den Brillenhersteller investiert hat, zeigt einmal mehr, wie sehr Gentle Monster kreativer Treiber ist.

Damit geht die Expansion erstmals weiter nach Europa: Im Londoner Kaufhaus Selfridges ist die Repräsentanz von Gentle Monster als Cornershop ganz neu. Inszeniert als aktueller Aufenthaltsort der Traders, außerirdischer Kreaturen, die durch den Weltraum reisen auf der Suche nach neuen Territorien. Sie tauschen Mineralien und Mikroorganismen. Wieder ein großer Nährboden an Inspiration, dem eine eigene Kollektion entspringt. Und im ebenfalls frisch fertiggestellten Store in Seouls Szeneviertel Hongdae lautet das Sujet The Rocket: ein Fantasy-Märchen um einen alten Mann, der sich entschließt, eine Rakete zu bauen, um damit zu einem fremden Planeten zu reisen, auf dem er seinen Hund im Traum getroffen hat. Viele unerwartete und künstlerische Details nehmen im Interiordesign Bezug auf diese Reisegeschichte.

In einer Zeit, die dem Retail das Ende voraussagt, lernt man von Gentle Monster, wie Einkaufserlebnisse zur visuellen Bereicherung und Herausforderung werden können. Die gehypte Marke schafft es damit, die Welt des mainstreamigen Luxusshopping um etwas Geheimnisvolles, Rätselhaftes zu bereichern. Und zeigt sich dabei natürlich auch als extrem Instagram-tauglich!

Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

Gentle Monster

www.gentlemonster.com

Mehr Stories

Bewegung als Moment

Zu Besuch bei dem Berliner Leuchtenlabel Analog

Zu Besuch bei dem Berliner Leuchtenlabel Analog

How will we work?

Entwurf einer Designkarriere im Jahr 2040

Entwurf einer Designkarriere im Jahr 2040

Gestaltung auf Augenhöhe

Das Buch Räume für Kinder vom Berliner Büro baukind

Das Buch Räume für Kinder vom Berliner Büro baukind

Der ganzheitliche Arbeitsplatz

Wilkhahns Planungsansatz für das Büro von morgen

Wilkhahns Planungsansatz für das Büro von morgen

Neustart in Mailand

Streifzug durch die Milano Design City 2020

Streifzug durch die Milano Design City 2020

German Design Graduates 2020

Award geht in die zweite Runde

Award geht in die zweite Runde

Post-Corona-Office

Drei Office-Guides für eine neue Büroorganisation

Drei Office-Guides für eine neue Büroorganisation

Homeoffice 2.0

Utensilien für eine neue Dauerhaftigkeit

Utensilien für eine neue Dauerhaftigkeit

Revolution aus dem Off

Der 3D-Druck beweist sich als eine Notlösung

Der 3D-Druck beweist sich als eine Notlösung

Salone del Mobile 2020 wird verschoben

Mailänder Möbelmesse findet im Juni statt

Mailänder Möbelmesse findet im Juni statt

I am Office

Der Mensch ist verantwortlich für Wandel der Arbeitswelt

Der Mensch ist verantwortlich für Wandel der Arbeitswelt

Arbeiten im Multispace

Wie der rasante Wandel der Arbeitswelt Büroräume verändert

Wie der rasante Wandel der Arbeitswelt Büroräume verändert

Ratgeber Büro: Arbeiten im Wohnzimmer?

Strukturelle und räumliche Bewegung

Strukturelle und räumliche Bewegung

Sitzen 4.0

Büromöbel von Wilkhahn meistern die Herausforderungen unserer Zeit

Büromöbel von Wilkhahn meistern die Herausforderungen unserer Zeit

Büro nach Maß

Customized Furniture von Girsberger

Customized Furniture von Girsberger

Neue Arbeitswelt

Maßgeschneiderte Bürowelten von Planmöbel

Maßgeschneiderte Bürowelten von Planmöbel

KI versus Planungsbüro

Wilkhahn-Symposium über das Bauhaus und die Digitalisierung

Wilkhahn-Symposium über das Bauhaus und die Digitalisierung

Rudolph Schelling Webermann

Wir waren zu Besuch im Hannoveraner Studio

Wir waren zu Besuch im Hannoveraner Studio

Studio Visit: Kuehn Malvezzi

Die Berliner Architekten arbeiten ohne Papier und Türen

Die Berliner Architekten arbeiten ohne Papier und Türen

Lucie Koldova: Black Box im White Cube

Kompakte Box im offenen Raum: Lucie Koldova führt ihr Studio in einer alten Autowäscherei in Prag.

Kompakte Box im offenen Raum: Lucie Koldova führt ihr Studio in einer alten Autowäscherei in Prag.

Move it: Fünf Stühle fürs Büro

Nicht ohne Grund gilt der Bürostuhl als Königsdisziplin des Möbeldesigns. Fünf Neuheiten der Orgatec 2018.

Nicht ohne Grund gilt der Bürostuhl als Königsdisziplin des Möbeldesigns. Fünf Neuheiten der Orgatec 2018.

Die Arbeitswelt befindet sich im Umbruch. Ein Spaziergang auf der Orgatec zeigt, was das bedeutet.

Die Arbeitswelt befindet sich im Umbruch. Ein Spaziergang auf der Orgatec zeigt, was das bedeutet.

Werksbesuch Steelcase: Innovation von Herzen

Auf über sieben Etagen führt Steelcase zum einen vor, wie seine Möbel in Aktion wirken.

Auf über sieben Etagen führt Steelcase zum einen vor, wie seine Möbel in Aktion wirken.

Das Büro der Zukunft: Multispace

Eine Studie des Fraunhofer Instituts zeigt, welche Effekte die Bürogestaltung auf die Arbeit hat.

Eine Studie des Fraunhofer Instituts zeigt, welche Effekte die Bürogestaltung auf die Arbeit hat.

Das Licht am Arbeitsplatz der Zukunft

Die Leuchten von Waldmann sind für das Arbeiten von morgen schon heute bereit.

Die Leuchten von Waldmann sind für das Arbeiten von morgen schon heute bereit.

Orgatec 2018: Arbeit neu denken

Die Orgatec hat sich zu einer Leitmesse für moderne Arbeitswelten etabliert. Ein Preview.

Die Orgatec hat sich zu einer Leitmesse für moderne Arbeitswelten etabliert. Ein Preview.

Szenenwechsel mit Konstantin Grcic

Er braucht viel Licht und einen festen Ort. Ein Studiobesuch in Berlin.

Er braucht viel Licht und einen festen Ort. Ein Studiobesuch in Berlin.

In die weite Welt

Cor konfektioniert zunehmend Möbel für das Objektsegment

Cor konfektioniert zunehmend Möbel für das Objektsegment

Coworking mit Ruhe: Messehalle als Labor

Ein Reality-Check: CoWork Lounge BuzziSpace und Inform Contract in Vancouver.

Ein Reality-Check: CoWork Lounge BuzziSpace und Inform Contract in Vancouver.

Raus aufs Land

Ein Workshop auf der Wiese in Biesental von USM und UNStudio

Ein Workshop auf der Wiese in Biesental von USM und UNStudio