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How will we work?

Entwurf einer Designkarriere im Jahr 2040

Die Strukturen und Rahmenbedingungen der Arbeit werden in Designkarrieren oftmals ausgeklammert und dem Markt überlassen. Dabei ist das System der Praxis selbst ein Entwurf. Unsere Vision einer Designkarriere im Jahr 2040 ist die Doppelspitze. Sie verändert unsere Arbeits- und Lebensbedingungen entscheidend: eröffnet Weitsicht, fördert Kommunikation, fordert Struktur, stützt Entscheidungen, bietet Rückversicherung und lässt vor allem Zeit für Privates. Dieser Entwurf ist ein Appell an alle, die Strukturen und Produktionsbedingungen für das Design schaffen.

von Olaf Grawert und Matylda Krzykowski , 16.11.2020

Montag, 12:02

Olga und Mathias stehen im Forum und blicken gespannt ins Publikum und in die Kameras. Der Trailer ist zu Ende, die Präsentation für das neue Ausbildungszentrum fast abgeschlossen. Es ist die erste Institution ihrer Art, in der Primär- und Sekundärbereich im Bildungssystem abgeschafft sind. Mit einem Schwerpunkt auf Raum und Umwelt wird gelehrt, wie Dinge entstehen: How it’s made. Das Gebäude, seine Struktur und Ausstattung, ist dabei selbst Teil dieser Denke – als Verbindung von Theorie und Praxis. Nicht nur die Auftraggeber sind anwesend, denn die Präsentation findet öffentlich statt - digital und vor Ort.

Mathias’ Hosentasche vibriert. Er schaut auf seinen Taschencomputer. Fünf Nachrichten.

Mathias schaut Olga an, nickt zweimal und verlässt kommentarlos den Raum. Die Präsentation geht weiter.

Es sind insgesamt 24 Beteiligte aus unterschiedlichen Bereichen für das Projekt verantwortlich. Jeweils zwei Personen aus Pädagogik und Pflege, aus Architektur und Design, aus Fertigung und Entwicklung, aus Psychologie und Technologie, aus Philosophie und Kunst, aus Verwaltung und Betrieb. Sie entwerfen mit, kommen aus der Nachbarschaft und Stadtgesellschaft, von unterschiedlichen Standpunkten, im Alter von 12 bis 90 Jahren. Nachdem die Prämissen für das Projekt formuliert sind, bedankt sich Olga bei allen Anwesenden für die Zusammenarbeit in den letzten elf Monaten.

Die Anwesenden applaudieren, zufriedene Gesichter im Raum und auf den Screens. Als alle das Forum verlassen, geht Olga in das gemeinsame Büro, setzt sich an den Schreibtisch und verfasst eine kurze E-Mail.

Dienstag, 10:07

Olga und Mathias haben ein spontanes Steh-Meeting einberufen, um die Präsentation zu besprechen und die Verantwortlichkeiten für den Spiel- und Lernbereich zu klären. Die Designagentur, die Mathias und Olga 2032 gegründet haben, heißt „Name TBA”. Sie wollten den Einsatz von Zeit, Energie, Kreativität und Geld zu einem Beruf machen.

Im Jahr 2040 sind beide zu jeweils 70 Prozent angestellt. Ihre Mitarbeiter arbeiten zwischen 25 und 70 Prozent, vor Ort und von zu Hau­se. Olga und Mathias sind Designer, aus ehemals unterschiedlichen Bereichen und unterschiedlichen Geschwindigkeiten, mit unterschiedlichem Verständnis für Verantwortung und Handlungsmacht. Olga kommt aus der Architektur, Mathias aus Design und Kunst. Beide haben im Service gearbeitet, beide haben gelehrt. In der Krise haben sie entschieden, ihre Solo-Selbstständigkeit aufzugeben, zugunsten einer gemeinsamen Agentur mit unterschiedlichen Formaten: Räume und Gespräche, Gegenstände und Publikationen - öffentlich und privat. In ihrer Vorstellung wollten sie einerseits Struktur garantieren, andererseits Freiräume bieten. Auch für Andere.

Heute gibt es Zuwachs im Team. Zu den zwei Designern, die den Lead in der Entwicklung haben, stoßen zwei Neurowissenschaftler*innen dazu, die den Entwurf auf dessen langfristige Auswirkungen testen. Nachdem sie sich vorgestellt haben, bekommen sie ein Buch geschenkt.

Mit ihrem Buch haben Olga und Mathias viele junge Unternehmen für neue Organisationsprinzipien begeistern können, was die beiden manchmal noch immer nicht recht glauben wollen. Am Abend halten sie einen Vortrag, den diese Woche Olga übernimmt.

Mittwoch, 08:32

Die Sonne scheint. Mittwoch ist immer „frei”.

Donnerstag, 14:46

Mathias sitzt in seinem Büro und schaut auf das Bild vor sich. Ein historischer Grundriss eines Großraumbüros, aus der Zeit vor der Corona-Krise vor 20 Jahren. Er lacht. Die beiden haben heute Team-Supervision, was zweimal jährlich stattfindet.

„Es ist nicht immer einfach.” Der Blick von außen hilft in der Zusammenarbeit. Er unterstützt sie, ihre Arbeit zu evaluieren, ihre Ziele und Werte zu aktualisieren und Werkzeuge für ihr gemeinsames Auftreten zu entwickeln. Eine gemeinsame Visitenkarte, die beide Namen trägt, war ein Anfang.

„Wir haben gelernt, eine gemeinsame Sprache zu sprechen. Kommunikation ist das Hauptthema. Trotzdem bewegt uns täglich die Frage, wie wir unsere Haltung zur Praxis in eine produktive Arbeitsform übersetzen können. Was kann man selbst leisten und was holt man sich von außen dazu?”

Freitag, 11:27

Mitten in der Power Hour. Jeden Freitag gibt es ein informelles Zusammenkommen aller Mitarbeiter - online und offline - im Büro, unterwegs und zu Hau­se vor dem Bildschirm. Man räumt auf, bringt den Müll runter, reinigt die Kaffeemaschine, sortiert sich und den Server. Im Tun findet Austausch statt und die kommende Woche wird geplant.

Olga grinst, auf ihrem Schreibtisch hat sie eine Zeitschrift  gefunden. „Kennt ihr das schon?”

Stolz liest sie aus einem Artikel vor: „Name TBA überzeugt, weil sie es wagen, anders zu sein. Der Weg dahin war mühsam. Für die Doppelspitze Mathias und Olga war klar, dass sie sich nicht einfügen wollen. Hätten sie es getan, wären sie nicht die unglaubliche Agentur, die sie heute sind. Sie wären ein weiteres Zahnrad in der Design- und Architekturmaschinerie. In der Schnelllebigkeit und Wachstum zählten.

Stattdessen haben sie Systeme neu gedacht und etabliert. Was macht die Agentur aber vor allem authentisch und integer? Sie kooptiert nicht. Qualifikation über Netzwerk. Diversität über Netzwerk. In allen Bereichen: von der Führungsebene bis zu den Praktikant*innen. Denn im Doppel können Leerläufe zu ungeplanten Ideen führen. Nicht zuletzt deshalb passen die Resultate der Agentur nicht in eine Schublade, vielleicht weil die Eltern von Olga und Mathias nie darum gebeten haben.”


Matylda Krzykowski ist Designerin und Kuratorin. Olaf Grawert ist Architekt und Autor. Dieser Artikel und die Visualisierungen entstanden zu zweit in einem Raum vor einem Bildschirm. Dauer: 7,5 Std. Budget: 500 Euro. Gemeinsamer Stundensatz: 66,66 Euro.

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