Stadtluft macht süss
Zentrale Wohnlage bevorzugt: Bienen lieben's urban.
Etwas mulmig fühlt es sich schon an. Die Luft summt und brummt. Fleißig, wie man es von ihnen erwartet, fliegen die Bienen umher, vorm Eingang zum Stock gibt es Stau. „Die Berliner Bienen sind lieb“, beruhigt der Imker, hebt den Deckel der Kiste hoch und zieht einen über und über mit Bienen bedeckten Holzrahmen heraus. Ohne Kopfschutz, ohne Handschuhe. Tatsächlich, keines der Pelztierchen sticht, und der Imker kann die von Honig goldglänzenden Waben vorführen. Nur wenige Meter abseits der vielbefahrenen Clayallee im Südwesten Berlins wohnen zwei Dutzend Völker und liefern zuverlässig pfundweise Großstadthonig. Und sie sind nicht allein, denn in der Hauptstadt sollen geschätzte tausend Imker Bienen halten.
Und viele der Berliner Bienenvölker haben deutlich repräsentativere Adressen als eine Durchgangsstraße in Zehlendorf. Es gibt Bienenstöcke auf dem Dach des Doms, des Technikmuseums, des Abgeordnetenhauses, des Hauses der Kulturen der Welt, des Westin Grand Hotels und natürlich auch auf dem Tempelhofer Feld. Alles Orte, die nicht gerade naturnah wirken. Doch ebenso wie Nachtigall, Fuchs und Wildschwein kommt Apis mellifera carnica, wie die Berliner Honigbiene auf Lateinisch heißt, sehr gut im urbanen Lebensraum zurecht. Denn anders als auf dem Land, wo Monokulturen auf den Feldern nur einseitige Nahrung wachsen lassen, finden die Insekten in der Stadt gesunde Abwechslung: Straßengrün, Brachen, Balkone, Terrassen, Parks, Haus- und Kleingärten bieten reichlich Blüten und dank des wärmeren Kleinklimas auch über einen längeren Zeitraum im Jahr.
Hipsterhobby
Und wer bei Stadthonig an giftige Abgase und Feinstaub denkt, liegt zum Glück falsch: Die Bienen filtern den Nektar, bevor sie ihn in ihrem Stock einlagern, der Honig ist nachweislich nicht belastet. Und das reiche, teilweise exotische Angebot an Blüten verleiht dem urbanen Produkt zudem ein intensiveres, reichhaltigeres Aroma. Seit einigen Jahren ist es in internationalen Metropolen wie New York oder Paris regelrecht angesagt zu imkern. Auch auf Frankfurter Hochhäusern, Münchner Dachterrassen oder Düsseldorfer Hotels stehen mittlerweile die unscheinbaren Holz- oder Styroporkisten, in denen die Bienen aus Wachs Waben bauen, Nachwuchs aufziehen und Honigvorräte anlegen.
Bienen vorm Balkon
Auf den Geschmack gekommen? Kein Problem, denn selbst auf dem Balkon der Etagenwohnung kann man ein fleißiges Völkchen halten. Es gibt Bausätze für Bienenkästen, die an die Brüstung gehängt werden können. Das ist sogar legal! Wie alle Haustiere brauchen auch die Insekten ein wenig Aufmerksamkeit und Pflege. Der Lohn: natürlich Honig und außerdem das gute Gefühl, ein klein bisschen zur Rettung der Welt beigetragen zu haben. Schließlich bedroht das anhaltende Bienensterben auch unsere Lebensgrundlage. Ohne die fleißigen Bienchen, die die vielen Blümchen bestäuben, hätten wir bald nichts mehr zu essen.
Erfahren Sie mehr über Bienenleben in der Stadt und Kunstprojekte mit Bienen in den beiden Bildergalerien zu diesem Artikel.
Alle Beiträge aus unserem großen Themenspecial Insekten lesen Sie hier.
Adressen rund um die Biene
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