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Stiefkind mit Potential

Warum wird der Durchschnittsbalkon von Designern vernachlässigt?

Meine Dachterrasse, mein Pool, mein Garten. In der Großstadt kann man von solch einem Luxus meist nur träumen, denn private Outdoorflächen sind rar und oft ziemlich klein. Auf der Suche nach der passenden Möblierung haben wir festgestellt: Der Durchschnittsbalkon ist ein Stiefkind des Designs.

von Claudia Simone Hoff, 29.04.2020

Meine Dachterrasse, mein Pool, mein Garten. In der Großstadt kann man von solch einem Luxus meist nur träumen, denn private Outdoorflächen sind rar und oft ziemlich klein. Auf der Suche nach der passenden Möblierung haben wir festgestellt: Der Durchschnittsbalkon ist ein Stiefkind des Designs.

Outdoor ist das neue Indoor, jedenfalls wenn es nach den Designs der meist italienischen High-End-Hersteller geht. Hier darf man gern auch draußen zeigen, was man hat. Mit ausladenden Sofalandschafen, großzügigen Pergolen oder Outdoor-Küchen aus Edelstahl im Wert eines Mittelklassewagens. Doch was ist mit all den Kleinbalkon-Besitzern, die statt Allerweltsware aus dem Möbelmarkt lieber gut gestaltete und am besten nachhaltig produzierte Stühle, Tische und Hocker hätten? Sie stehen, lapidar gesagt, vor dem gestalterischen Nichts. Das ist schade, gerade in Zeiten, in denen jeder danach dürstet, so häufig wie möglich im Freien zu sein.

Und warum eigentlich ist das Tiny House seit Jahren schon in aller (Architekten-)Munde, während der kleine Balkon verschwiegen wird oder gar als nicht vorzeigbar gilt? Dabei stellt er durchaus eine Herausforderung dar, vor allem für den Designer. Denn je kleiner ein Raum – egal ob innen oder außen –, desto durchdachter muss er sein und wenn möglich mit multifunktionalen Objekten ausgestattet.

Das Potential ist da
Kleine Balkone seien unter Freunden und Kollegen immer wieder ein Thema, sagt Sebastian Herkner, der Outdoor-Möbel für Ames, Dedon und Gloster entwirft. Man müsse sich entscheiden: zwischen einer gemütlichen Lounge-Ecke oder einem funktionalen Essplatz – beides zusammen scheint nicht vorgesehen zu sein. Es gibt zwar bei fast allen Herstellern vereinzelt auch Möbel für kleine Outdoor-Flächen, doch es fehlen Kollektionen, die einheitlich gestaltet sind – samt Stühlen, Tischen, Hockern, Lounge-Sesseln. „Hier besteht definitiv eine Marktlücke“, sagt der Offenbacher Designer.

Es erstaunt, dass die Einrichtung für den kompakten Balkon bei den Herstellern so ins Hintertreffen geraten konnte. Doch gibt es auch erst seit einigen Jahren übergreifende, teils sehr luxuriöse Kollektionen für Draußen – und zwar nicht nur bei reinen Outdoor-Herstellern. Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis erkannt wird, dass der kleine Balkon durchaus Potential hat: finanziell gesehen und gestalterisch sowieso. Bis es soweit ist, haben wir einige Gestaltungstipps als Inspiration zusammengestellt.


Einheitliche Gestaltungssprache
Eine klare Vorstellung darüber, wie man seinen Balkon nutzen möchte, ist sehr hilfreich bei der Planung. Reichen eine gemütliche Bank und zwei Hocker, oder sollen es lieber vier Stühle sein? Oder doch nur zwei Lounge-Sessel und ein Beistelltisch? Je einheitlicher Farben, Formen und Materialien der Objekte sind, desto großzügiger und ruhiger wirkt die gesamte Fläche. Akzente kann man mit einzelnen Accessoires wie Kissen, Plaids, Fellen, Schalen, Vasen und Tableware setzen. Sie erzeugen Behaglichkeit und lassen den Balkon zum Kokon werden.

Farben und Muster
Farben sind ein starkes Statement, weshalb man nicht mehr als zwei Farben verwenden sollte. Sie können gern kontrastieren, beispielsweise ein zurückhaltendes Grau von (Eternit-)Blumenkübeln mit Möbeln in einer intensiven Farbe wie Gelb, Rot oder Türkis. Fermob beispielsweise ist ein Outdoor-Möbelhersteller, der einen ausgeprägten Sinn für Farbe quer über die verschiedenen Kollektionen hinweg beweist. Pflanzen und Blumen bringen ebenfalls Farbe auf den Balkon, und wer gestalterisch besonders ambitioniert ist, stimmt sie auf Möbel und Accessoires ab.

Multifunktionale Möbel
Ein Hocker, der gleichzeitig Beistelltisch ist. Eine maßgefertigte Holzbank, die unter dem Sitz Stauraum bietet. Stühle, die sich zusammenklappen und an die Wand hängen lassen oder stapelbar sind: Multifunktionale Möbel sind der schönste Gefallen, den man einem kleinen Balkon machen kann. Aber auch flexible Objekte, die sich sowohl innen auch als außen nutzen lassen. So kommt beispielsweise der Alvar-Aalto-Hocker von Artek bei Sonnenschein auf dem Balkon zum Einsatz und wandert danach zurück ins Wohnzimmer.

Vorhandene Räume nutzen
So klein der Balkon auch sein mag, gibt es fast immer Flächen, die genutzt werden können. An Hauswänden lassen sich Gerüste für Kletterpflanzen montieren, und das Outdoor-Regal von String eignet sich zum Abstellen von Gießkannen, Gartenscheren und Arbeitshandschuhen. Einige Hersteller wie Unopiù (Urban Balcony) bieten aufeinander abgestimmte Komponenten mit Kletterwand, Regal und Pergola an. Praktisch sind Tische, die sich an das Geländer hängen lassen und eine platzsparende Lösung für einen kleinen Arbeitsplatz oder ein Picknick für eine Person bieten.

Accessoires
Accessoires sind eine Allzweckwaffe bei der Gestaltung eines kleinen Balkons. Mit Kissen, Plaids, Pflanztöpfen, Kerzen, Schalen und Tableware in verschiedenen Materialen, Farben und Mustern lassen sich leicht Stimmungen schaffen. Bambus, Leinen, Erd- und Brauntöne gepaart mit Rosa ergeben einen Scandi Look, Gesammeltes vom Flohmarkt gepaart mit Designklassikern schaffen einen lässigen Vintage Look, ein Miami Feeling kommt auf mit Knallfarben und einem Condesa-Stuhl von OK Design.

Links

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www.dear-magazin.de

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