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Vorschau imm cologne 2019: Modern Mood

Das neue Möbeljahr beginnt am Rhein. 

von Norman Kietzmann, 10.01.2019

Das neue Möbeljahr beginnt am Rhein. Vom 14. bis 20. Januar wird die 70. Kölner Einrichtungsmesse imm cologne von der Küchenmesse LivingKitchen begleitet. 1355 Aussteller, davon 981 aus dem Ausland, sind diesmal in den Messehallen im Stadtteil Deutz dabei. Die entscheidenden Themen: Wandelbarkeit, Ökologie und das alles überstrahlende Bauhaus-Jubiläum. 

Es wird wieder geschwoft. Die TV-Serie Babylon Berlin läuft zurzeit in Dauerschleife und entführt geradewegs zurück in die Zwanzigerjahre, in einen Moment des Umbruchs und Aufbruchs gleichermaßen. Mittendrin die noch junge Moderne, die uns heute wieder in den Bann zieht – in einer Zeit, in der ebenso viele Konstanten über Bord geworfen werden. Auch wenn noch einige Wochen vergehen werden, bis Anfang April die Bauhaus-Gründung in Weimar vor 100 Jahren offiziell gefeiert wird: Das ganze Jahr über werden uns die Festivitäten begleiten, genau wie auf dieser imm cologne

Neue Gewänder
Die Messe bildet den Startschuss für die kollektive Erinnerungsmaschine: Nicht nur zum Anschauen, sondern zugleich zum Ausprobieren. Bauhaus-Lizenzen sind derzeit die heiß begehrten Trümpfe im Design-Poker. Den Ikonen soll jedoch nicht mit eiserner Strenge gehuldigt werden. Stattdessen wird ein Dialog mit der Gegenwart gesucht, schließlich sind wir nicht im Museum. „BauhausNOW“ heißt die Losung bei Tecta, wo Marcel Breuers Clubsessel D4 (1927) in neuen Gewändern gezeigt wird: Die britische Gestalterin Esther Wilson hat einen schwarzen Stoffbezug mit farbigen Streifen bestickt, während die Hamburger Textildesignerin Kerstin Bruchhäuser einen vierfarbigen Patchworkbezug nach der traditionellen, koreanischen Pojagi-Nähtechnik von Hand gefertigt hat.

Skandinavischer Farbtopf 
Knoll International schlägt anlässlich des Bauhaus-Jubiläums zum ersten Mal die Zelte auf der imm cologne auf und zeigt Variationen von Mies van der Rohes Barcelona Chair (1929). Thonet lässt mehrere Klassiker von Hamburger Design-Studio Besau Marguerre überarbeiten. Mit neuen Farben und Haptiken sollen die Ikonen in der Gegenwart Erdung finden. Die gedämpften, zurückhaltenden Töne sind das genaue Gegenteil zu den am Bauhaus verwendeten Primärfarben. Auch dies ist kein Zufall: Die Zwanzigerjahre-Avantgarde wird in einen skandinavischen Mid-Century-Farbtopf getaucht und damit bekömmlicher gemacht. Natürlich ist der Bauhaus-Begriff auch dehnbar. Richard Lampert nimmt das Leiterregal DHS 10 und den Sessel 350 von Herbert Hirche wieder in Produktion. Die beiden Möbel stammen zwar aus den Fünfziger- und Siebzigerjahren. Macht aber nichts, denn dafür hat der Designer am Bauhaus studiert. 

Zurück zum Original
Herbert Hirche ist damit einer der wenigen Grenzgänger, der mit authentischer Bauhaus-Infusion und einer Glaubwürdigkeit in der kaum weniger anziehenden Nachkriegsmoderne punkten kann. Deren Aufbruchsstimmung ist ebenso im Werk von Charles und Ray Eames greifbar. Vitra legt auf dieser imm cologne den ikonischen Fiberglass Chair aus dem Jahr 1950 wieder auf, dessen Produktion in den Neunzigerjahren aus ökologischen Gründen eingestellt wurde. Die ab den 2000ern gefertigte Polypropylen-Version entsprach zwar formell dem Original, doch das entscheidende Feeling fehlte: Die strukturierte, haptische Oberfläche von glasfaserverstärktem Kunststoff, der mit neuen Technologien unbedenklich zu fertigen ist.

Innere Werte
Ohnehin ist die Frage der Materialität keine Nebensache mehr, sondern für viele Konsumenten sogar das Zünglein an der Waage. „Massivholz wird seine Stellung noch einmal ausbauen. Wir sind am Anfang einer Holz-Renaissance. Die Entwürfe von Tischen, Schränken oder Sideboards sind dabei filigran und elegant und weg von der Rustikalität vergangener Zeiten“, sagt Ursula Geismann vom Verband der Deutschen Möbelindustrie e.V. Zertifizierte Hölzer, ungiftige Leime, Textilien aus natürlichen oder recycelten Fasern spielen ebenso eine wichtige Rolle wie die Rückkehr von Linoleum, das aus Leinöl, Korkmehl und Jutegewebe besteht und nicht nur für Böden, sondern ebenso für Tischplatten oder Schrankfronten verwendet wird. „Neo-Ökologie ist ein Megatrend bei Möbeln. Auch das Thema ‚vegane Möbel‘ ist im Kommen, wobei die allermeisten Hersteller dies noch nicht im Marketing verwenden. Dabei sind 85 Prozent aller Möbel ohnehin vegan“, erklärt die Pressesprecherin und Trendanalystin. 

Modularität und Farbe
Ein Grund für die Attraktivität von Mid-Century-Entwürfen liegt in ihren vergleichsweise kompakten Dimensionen, die mit dem mobilen Lebensstil der Digital-Nomaden korrespondieren. Auch neue Möbel setzen verstärkt auf eine Tauglichkeit für kompakte Grundrisse in teuren Metropolen. So werden Polstermöbel in einzelne Module aufgegliedert, die sich leichter bewegen und je nach Bedarf zu einem großen Ensemble kombinieren lassen. Farbe setzt auch hier Akzente: „Bei den Bezugsstoffen bleibt das blaue Farbspektrum von Europablau über Hellblau, Türkis zu Petrol weiterhin beliebt. Das sanfte Olivgrün bleibt ebenfalls, denn es steht für Natürlichkeit, Frühling, Hoffnung, Gesundheit und Natur. Pantone hat ‚Living Coral‘, einen lebensbejahenden Orange-Ton, als Farbe des Jahres 2019 ausgerufen“, fährt Ursula Geismann fort.

Fließende Zonen
In der Wohnraum-Simulation Das Haus soll Farbe ebenso als atmosphärischer Verstärker für das Wohlbefinden wirken. Die 180 Quadratmeter große Installation in Halle 3.1 wird diesmal von Designstudio Truly Truly aus Rotterdam konzipiert. „Wir sehen, dass die Auflösung der Grenzen zwischen privat und öffentlich, Freizeit und Arbeit, Intimität und Geselligkeit auch in der Wohnung zu neuen Formen führt. Unsere Vorstellung vom Wohnen ist viel organischer, fließender. Wohnen, Arbeiten, Schlafen und Abhängen sind nicht streng getrennt“, erklärt der Australier Joel Booy, der Studio Truly Truly mit seiner Frau Kate 2014 gegründet hat. Die ineinander greifenden Funktionen münden in einem offenen Grundriss, der mit Pflanzen und Vorhängen in einzelne Zonen gegliedert wird, ohne die Durchlässigkeit des Raumes aufzugeben.

Soziale Verortung
Einen Blick in die Küche der Zukunft wirft Alfredo Häberli mit der Sonderausstellung „Sense & Sensuality“ in Halle 4.2.: ein neues Format, mit dem „Das Haus“ in die parallel zur imm cologne stattfindende Küchenmesse LivingKitchen übertragen wird. „Für mich hat die Küche als Seele des Hauses, eigentlich als Feuerstelle, um die man drumherum sitzt, eine extrem wichtige soziale Komponente. Zum anderen wird aber auch die Idee des Degrowth, also von der Reduzierung des Wachstums und der Zurück-Beschränkung auf Wichtiges, ein ganz zentrales Thema sein“, erklärt Alfredo Häberli. Die Küchenausstattung mitsamt einiger Geräte und Werkzeuge werden real sowie virtuell als Augmented Reality zu erleben sein.

Indoor-Farming
Auf der LivingKitchen spielt die Technologie eine immer wichtigere Rolle. Neben Smart-Home-Anwendungen, mit denen Küchengeräte vernetzt und digitalisiert werden, rücken die Themen Self-Production, Urban Gardening und Indoor Farming in den Mittelpunkt. Obst und Gemüse werden nicht nur beim Händler gekauft, sondern im Kilometer-Null-Radius selbst in urbanen Zentren produziert. Auch Endverbraucher sollen auf der LivingKitchen mit einem neuen Format angesprochen werden: Zwischen mehreren Hallenbereichen wird ein Foodmarket platziert, wo der Kauf von Lebensmitteln mit neuen Erlebnisqualitäten punkten soll. Auch hier gilt, was für Sofas und Sessel zählt: Die Sinne wollen mit stimulierenden Moods aktivieren werden. Mehr dazu in der kommenden Woche aus Köln. 

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