Mit Formholz sah der WiChair noch ein wenig nach Midcentury aus. Mit Schalen aus Kunststoff wirkt er nun deutlich zeitgenössischer. Wilkhahn-Designerin Alina Schnizler über dünne Kanten, sichtbares Altmaterial und eine Feder, die sie eigentlich verstecken wollte.
Seine Premiere hat der WiChair von Wilkhahn im Jahr 2024 mit Sitzflächen und Rückenlehnen aus Formholz gefeiert. Nun kommt ein Modell mit Sitz- und Rückenschalen aus Kunststoff mit Rezyklatanteil hinzu. Warum diese Variante?
Einerseits können wir dadurch den WiChair in einer besonders kostengünstigen Ausführung anbieten. Andererseits gibt uns der Kunststoff auch gestalterisch neue Möglichkeiten. Während wir für den WiChair in der Holzausführung einen gewissen Retro-Look wollten, sollte die Kunststoffvariante konsequent modern wirken. So haben wir beispielsweise alle Kanten der Kunststoffelemente ganz dünn ausgeformt. Das verleiht dem Stuhl eine sehr elegante Linienführung. Außerdem ist der Kunststoff etwas flexibler als Holz. Dadurch kann sich die Lehne stärker mitbewegen.
Erweitern sich mit dem neuen Material auch die Einsatzmöglichkeiten des WiChairs?
Die Kunststoffausführung eignet sich natürlich besonders gut für Bereiche, in denen das Thema Reinigung eine wichtige Rolle spielt. Das sind zum Beispiel die Sektoren Bildung, Pflege und Gesundheit.
Wo lagen die Herausforderungen bei der Entwicklung der neuen Kunststoffvariante?
Bei Recyclingmaterial ist es sehr schwierig, gleichbleibende Farben und einheitliche Oberflächen zu garantieren. Darum ist fast immer ein gewisser Anteil Neumaterial erforderlich. Wir haben versucht, uns an den höchstmöglichen Anteil an Rezyklat heranzutasten. Heute bestehen 60 Prozent des verwendeten Kunststoffs für die Schalen aus Rezyklat. Dafür haben wir in Kauf genommen, dass man auf den Oberflächen der Kunststoffteile kleine Einsprengsel aus Altmaterial sieht. Dieses stammt übrigens aus Kunststoffverpackungen von Endverbrauchern. Nach dem Sammeln, Sortieren und Reinigen werden sie zu Granulat verarbeitet und wieder in den Wertstoffkreislauf eingebracht.
Mit dem WiChair hat Wilkhahn sein Portfolio um einen bewusst kleinen und einfachen Arbeitsstuhl erweitert. Warum war das dem Unternehmen wichtig?
Uns war von Beginn des Prozesses an klar, dass Materialreduktion beim Entwurf des WiChairs im Mittelpunkt stehen sollte. Als Einsatzbereiche haben wir zum Beispiel an Co-Working- und Homeoffice-Situationen gedacht, in denen ein großer und massiver Arbeitsstuhl schnell „zu viel“ sein kann. Unser Stuhl sollte sich in eine Umgebung einfügen können, ohne sie zu dominieren. Mit seiner Mischung aus modernen und Midcentury-Formen ist der Entwurf nicht nur funktional und klar – er verweist auch auf die lange Wilkhahn-Tradition hochwertigen Industriedesigns.
Wie habt Ihr das erreicht?
Die Besonderheit des WiChairs liegt in der sogenannten Schwinge aus Stahl. Sie bildet das „Herzstück“ des Stuhls, das Drehgestell, Sitzfläche und Rückenlehne miteinander verbindet. Alle Bewegungen, die der Stuhl ausführen kann, beruhen auf der Elastizität des Materials. Das Geheimnis liegt in der Wahl des richtigen Stahls. Er muss federn, darf aber nicht brechen.
Warum habt Ihr diese Lösung gewählt?
Uns hat die Einfachheit gereizt. Und die Begeisterung für das Material Stahl, das sich ohne Qualitätsverlust recyceln lässt.
Was inspiriert Dich an der Design-Tradition von Wilkhahn?
Ich finde es faszinierend, dass man sich bei Wilkhahn schon vor Jahrzehnten gefragt hat, wie man ein Produkt konstruiert, das sich gut reparieren und auch demontieren lässt. Der WiChair steht in dieser Tradition. Man sieht bei ihm genau, wie er zusammengesetzt ist.
Was macht für Dich die Designsprache von Wilkhahn aus?
Für mich besteht die Besonderheit des Wilkhahn-Designs in der Liebe zum Detail. Es gibt keinen Bestandteil, der nicht sorgfältig gestaltet ist. Das sieht man zum Beispiel, wenn man sich unsere Stühle an der Unterseite anschaut. Sie sehen auch da schön aus, wo man es – fast – nicht bemerkt!
Wie viel kannst Du von Deinen eigenen Designvorstellungen in ein Projekt wie den WiChair einbringen?
Auch wenn unsere Entwürfe immer Teamarbeit sind – jedes Wilkhahn-Produkt zeigt die Handschrift des Mitarbeitenden, der das Design federführend betreut hat. Ich bringe zum Beispiel immer das Thema Farbe ein. Das liegt mir total am Herzen. Aber wir diskutieren jedes Detail im Team. Ich wollte zum Beispiel die Feder am Gestell des WiChairs abdecken, um einen cleaneren Look zu bekommen. Aber ich habe mich überzeugen lassen, sie zu zeigen. Heute bin ich total glücklich über die Entscheidung.
In den letzten Jahren drehte sich im Bürodesign alles um „New Work“ und mobiles Arbeiten. Wo siehst Du die Themen der Zukunft?
Im Moment verändert sich gerade extrem viel in der Arbeitswelt. Das macht es so schwierig, in die Zukunft zu blicken. Viele Unternehmen holen ihre Mitarbeitenden zurück ins Büro, aber die Entwicklung in Richtung Remote-Arbeit wird sich nicht vollständig zurückdrehen lassen. Dennoch: Ein direkter Austausch wird immer wichtig sein. Gleichzeitig sind Online-Meetings längst Normalität. Ich glaube, dass die Brücke zwischen Mensch und Technologie einfacher und intuitiver werden muss. Eine schöne Vision für die Zukunft wären für mich zum Beispiel Arbeitsumgebungen, die KI-Arbeit unterstützen, die aber zugleich Bereiche schaffen, in denen sich Menschen von der digitalen Welt erholen können. Das könnten zum Beispiel Begegnungszonen sein, die es ermöglichen, dass Menschen mit den Händen arbeiten können, wo sie gemeinsam Dinge ausprobieren und erschaffen.
Wilkhahn
Wir glauben an die Kraft guter Gestaltung! Mit unseren langlebigen Möbeln für zukunftsfähige Arbeitswelten stellen wir den Menschen mit seinen Bedürfnissen und Potenzialen in den Mittelpunkt – zur Förderung von Wohlbefinden, Kooperationsfähigkeit und Identität als Basis für den Unternehmenserfolg.
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