Menschen

Trennbarkeit als Konstruktionsprinzip

Mit Aom entwickelt Arper ein Sofasystem aus trennbaren Komponenten

Das Sofa Aom von Jean-Marie Massaud ist leicht genug, dass zwei Personen es anheben können, und zerlegbar wie ein Puzzle. Probesitzen kann man bei GREENTERIOR am 18. und 19. November in der Station Berlin. Vorab spricht Andrea Mulloni, Head of Sustainability bei Arper, über Rücknahme und Ökobilanzen.

von Kathrin Spohr, 30.09.2026

Womit begann die Entwicklung von Aom?
Ein zentrales Ziel war, auf Polyurethanschaum als Polstermaterial zu verzichten, der sich nur schwer recyceln lässt. Stattdessen verwenden wir Breathair®, ein sortenrein trennbares und besonders formstabiles Polyester-Elastomer, das ursprünglich für medizinische Matratzen entwickelt wurde. Seine dreidimensionale Struktur ermöglicht unterschiedliche Festigkeitsgrade, ohne mehrere Lagen zu verkleben. Dadurch lassen sich die Komponenten trennen und gesondert verwerten, statt sie gemeinsam zu entsorgen. Grundlage war ein interner Leitfaden, der sich an Standards wie dem EU Ecolabel und LEVEL, den italienischen Mindestumweltkriterien sowie kommenden EU-Verordnungen orientiert. Aom ist die erste Kollektion, bei der dessen Kriterien vollständig umgesetzt wurden.

Auch Breathair® und EPP sind Kunststoffe. Worin unterscheiden sie sich in der Verwertung von Polyurethanschaum?
Es ist ein Problem des Produktlebenszyklusmanagements. Während Polyurethan in den meisten Fällen nach seiner ersten Nutzungsphase zur Energiegewinnung verbrannt wird, wird das Polypropylen der EPP-Basis, auch wenn es einem Downcycling-Prozess unterliegt, über etablierte Recyclingkreisläufe mehrfach zurückgewonnen und in den Produktionskreislauf zurückgeführt.

Wie kam Jean-Marie Massaud ins Spiel?
Wir wandten uns mit einem klaren Briefing an ihn. Seine Aufgabe war, die materialbezogenen und ökologischen Anforderungen in ein komfortables und gestalterisch überzeugendes Sofa zu übersetzen. Zugleich sollte ein modulares System mit möglichst wenigen Bauteilen entstehen, das Produktion und Lagerhaltung vereinfacht. Daraus entwickelte er die puzzleartige Basis aus expandiertem Polypropylen, kurz EPP. Linke, mittlere und rechte Module lassen sich unterschiedlich konfigurieren, wieder trennen und erweitern.

Arper folgt dem Prinzip der Reduktion. Was ließ sich bei Aom im Vergleich zu einem herkömmlichen Polstermöbel einsparen?
Wir verzichten auf Polyurethanschaum, Holzrahmen, Klebstoffe, Nägel und Klammern. Ein spezielles Befestigungssystem verbindet den Bezug direkt mit der geformten EPP-Basis, in die sich auch Kabelläufe und technische Komponenten integrieren lassen. Die Konstruktion kommt mit wenigen Bauteilen aus und ist so leicht, dass zwei Personen ein Sofa anheben können. Das ist besonders im Objektbereich wichtig, wo Möbel zum Reinigen bewegt oder für veränderte räumliche Anforderungen neu konfiguriert werden. Aom eignet sich zudem für den Außenbereich: Breathair® lässt Wasser hindurch, während Öffnungen und Ablaufrinnen in der feuchtigkeitsbeständigen EPP-Basis es ableiten.

Leiden Komfort und Langlebigkeit unter dieser Reduktion?
Nein. Breathair® ist für eine intensive Nutzung ausgelegt. Wird ein Sofa nach zehn Jahren nicht mehr benötigt, wäre es daher nicht sinnvoll, sein Material zu entsorgen. Möglich wäre, die Komponenten zurückzunehmen und in einem neuen Sofa wiederzuverwenden, wobei möglicherweise nur der Bezug ausgetauscht wird. So würden wir weniger neue Materialien benötigen und könnten das Produkt günstiger anbieten. Bei Smartphones akzeptieren wir dieses Prinzip bereits – warum nicht auch bei Möbeln? Konstruktiv ist Aom damit auf die drei R in ihrer vorgesehenen Reihenfolge ausgelegt: Reduce, Reuse und – erst danach – Recycle. Die Reduktion ist bei uns eng mit Forschung und Entwicklung verbunden, die Wiederverwendung eröffnet neue Geschäftsmodelle und das Recycling senkt die Umweltauswirkungen weiter.

Gibt es bereits ein System, das gewährleistet, dass Aom sachgerecht demontiert und seine Materialien der Wiederverwendung oder dem Recycling zugeführt werden?
Ein vollständig etabliertes Rücknahmesystem für Aom gibt es noch nicht. Entsprechende Anfragen würden wir derzeit von Fall zu Fall bearbeiten. Technisch wissen wir, wie sich die Möbel demontieren und ihre Komponenten wiederverwenden oder recyceln lassen. Ein effizientes System erfordert jedoch Investitionen in Logistik, Personal und Abläufe sowie eine ausreichende Nachfrage. Bei Catifa Carta haben wir ein solches System bereits aufgebaut. Da Aom gerade erst auf den Markt gekommen ist, benötigen wir zunächst konkrete Anfragen, bevor wir die Rücknahme skalieren können.

Liegt für Aom bereits eine Umweltproduktdeklaration, kurz EPD, vor?
Noch nicht. Wir haben jedoch die Kompetenz aufgebaut, Ökobilanzen intern zu erstellen. Damit können wir bereits im Entwicklungsprozess Materialien, Konstruktionen und Verbindungen anhand ihrer messbaren Umweltauswirkungen vergleichen. Eine EPD gilt dagegen für eine exakt definierte Produktvariante und muss extern verifiziert werden. Das ist zeit- und kostenintensiv. Wird sie ausdrücklich benötigt, können wir die intern erstellte Ökobilanz unabhängig prüfen und in eine EPD überführen lassen.

Plant Arper, diese Informationen künftig über einen digitalen Produktpass (DPP) zugänglich zu machen, möglicherweise noch bevor produktspezifische EU-Vorgaben für Möbel greifen?
Die erforderlichen Produkt- und Nachhaltigkeitsinformationen können schon heute digital zugänglich gemacht werden. Bei Catifa Carta verwenden wir dafür einen QR-Code. Derzeit prüfen wir, ob NFC besser geeignet wäre, weil die Technologie eine wechselseitige Kommunikation über das Smartphone ermöglicht. Kunden könnten damit nicht nur Angaben zu Materialien, Herkunft und Umweltauswirkungen abrufen, sondern auch eine Rücknahme anstoßen oder einen Schaden melden. Wir wollen ein System entwickeln, das über die reine Bereitstellung von Produktdaten hinausgeht und Wartung, Wiederverwendung sowie Transparenz unterstützt.

Vor drei Jahren haben wir über Ihren Nachhaltigkeitsbericht und die Säulen Ihrer Strategie berichtet: das Wohlbefinden der Menschen, zirkuläre Geschäftsmodelle und die vollständige Rückverfolgbarkeit über den Lebenszyklus. Wie hat sich die Strategie seither weiterentwickelt?
Die wichtigste Entwicklung besteht darin, dass wir heute alle drei Säulen bereits zu Beginn des Entwicklungsprozesses einbeziehen. Unsere Leitlinien bündeln das vorhandene Wissen in einer Checkliste mit rund 20 bis 25 Kriterien. So erkennen wir frühzeitig, welche ökologischen Anforderungen ein Produkt erfüllt und für welche Märkte es geeignet ist.

Greenterior findet am 18. und 19. November 2026 im Rahmen des Klimafestivals für die Bauwende in der Station Berlin statt. Programm und Anmeldung unter klimafestival.heinze.de. Weitere Beiträge zu Ausstellern und Referent*innen finden Sie in unserem Greenterior-Dossier.

Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail

Mehr Menschen

Weben im Wedding

Werkstattbesuch bei den Gründerinnen von Studio Jumi in Berlin

Werkstattbesuch bei den Gründerinnen von Studio Jumi in Berlin

Was Nachhaltigkeit leisten muss

Sarah Depoortere über Energieeffizienz, Reparierbarkeit und Herausforderungen der Kreislaufwirtschaft

Sarah Depoortere über Energieeffizienz, Reparierbarkeit und Herausforderungen der Kreislaufwirtschaft

Frisch, ohne neu zu sein

Bo Hellberg von String Furniture über modulare Möbel und langlebige Interiors

Bo Hellberg von String Furniture über modulare Möbel und langlebige Interiors

Herr der Hotels

Interview mit dem Architekten und Designer Matteo Thun

Interview mit dem Architekten und Designer Matteo Thun

Kollektiv als Prinzip

Interview mit Lisa Ertel und Anne-Sophie Oberkrome von Studio Œ in Berlin

Interview mit Lisa Ertel und Anne-Sophie Oberkrome von Studio Œ in Berlin

Mehr als Kulisse

Studiobesuch bei Gonzalez Haase AAS in Berlin

Studiobesuch bei Gonzalez Haase AAS in Berlin

„Bedeutung verleiht einem Objekt Schönheit“

Marius Myking über die Designphilosophie von Snøhetta

Marius Myking über die Designphilosophie von Snøhetta

Neue Deutsche Gemütlichkeit

Studiobesuch bei Antonius Schimmelbusch in Berlin

Studiobesuch bei Antonius Schimmelbusch in Berlin

Die Erfinder des Draußen

Pieter Van Puyvelde über Ingenieurskunst und organisches Design

Pieter Van Puyvelde über Ingenieurskunst und organisches Design

Design ist eine Haltung

Die britische Autorin Alice Rawsthorn im Gespräch

Die britische Autorin Alice Rawsthorn im Gespräch

„Nutzer wollen verstehen, wie Gebäude funktionieren“

Über Smart-Home-Interfaces, Türkommunikation und die Zukunft intelligenter Architektur

Über Smart-Home-Interfaces, Türkommunikation und die Zukunft intelligenter Architektur

Der talentierte Mr. Durst

Studiobesuch bei Sven Durst in Berlin

Studiobesuch bei Sven Durst in Berlin

„Technik möglichst im Hintergrund halten“

Ein Gespräch mit Hans-Jörg Müller von Gira über das neue System 70

Ein Gespräch mit Hans-Jörg Müller von Gira über das neue System 70

„Farbe ist nicht immer bunt“

Interview mit der Farbdesignerin Melanie Hövermann von Klöber

Interview mit der Farbdesignerin Melanie Hövermann von Klöber

Happy Herkner!

Interview mit Sebastian Herkner anlässlich seiner Studiogründung vor zwanzig Jahren

Interview mit Sebastian Herkner anlässlich seiner Studiogründung vor zwanzig Jahren

Konzentration in Zeiten der Zerstreuung

Ein Gespräch mit Ernst Holzapfel von Sedus

Ein Gespräch mit Ernst Holzapfel von Sedus

Wenn Schalter sprechen

Cathy Figueiredo von Melon Breakers über ihre Schalterkollektion für JUNG

Cathy Figueiredo von Melon Breakers über ihre Schalterkollektion für JUNG

Leise, aber bemerkenswert

Wie Edward Barber und Jay Osgerby drei Jahrzehnte lang die Designszene gemeinsam prägten

Wie Edward Barber und Jay Osgerby drei Jahrzehnte lang die Designszene gemeinsam prägten

„Digitale Fantasien setzen wir in physische Räume um“

Über 3D-gedruckte Wandpaneele aus Recyclingmaterial

Über 3D-gedruckte Wandpaneele aus Recyclingmaterial

Die Designvermittlerin

Studiobesuch bei der libanesischen Interiordesignerin Joy Herro von The Great Design Desaster in Mailand

Studiobesuch bei der libanesischen Interiordesignerin Joy Herro von The Great Design Desaster in Mailand

Gewebte Vielfalt

Ein Gespräch mit Marius Myking von Snøhetta über generatives Teppichdesign

Ein Gespräch mit Marius Myking von Snøhetta über generatives Teppichdesign

Dialog der Kulturen

Agi Kuczynska von TAKK Studio im Interview

Agi Kuczynska von TAKK Studio im Interview

Eine Frau setzt sich durch

Studiobesuch bei Salwa Samargandi von SAL Architects im saudi-arabischen Dschidda

Studiobesuch bei Salwa Samargandi von SAL Architects im saudi-arabischen Dschidda

Leidenschaftlicher Vermittler

Ein Nachruf auf Burkhard Remmers

Ein Nachruf auf Burkhard Remmers

Der Material-Minimalist

Studiobesuch beim Berliner Architekten Mark Randel in Mitte

Studiobesuch beim Berliner Architekten Mark Randel in Mitte

„Neu ist ein mächtiger Begriff“

Die Designerin Hella Jongerius im Interview

Die Designerin Hella Jongerius im Interview

Seltsam schön

Ein Treffen mit Tadan im Berliner Kaufhaus KaDeWe

Ein Treffen mit Tadan im Berliner Kaufhaus KaDeWe

Form folgt Verantwortung

Produktdesigner Jonathan Radetz über nachhaltiges Möbeldesign, öffentlichen Raum und Design als gesellschaftliche Praxis

Produktdesigner Jonathan Radetz über nachhaltiges Möbeldesign, öffentlichen Raum und Design als gesellschaftliche Praxis

Warum unsere Städte mehr Natur brauchen

Bas Smets über Mikroklima, Klimaanpassung und neue Allianzen zwischen Pflanzen und Architektur

Bas Smets über Mikroklima, Klimaanpassung und neue Allianzen zwischen Pflanzen und Architektur

Blumen als Medium

Die Berliner Masterfloristin Carolin Ruggaber im Porträt

Die Berliner Masterfloristin Carolin Ruggaber im Porträt