Trennbarkeit als Konstruktionsprinzip
Mit Aom entwickelt Arper ein Sofasystem aus trennbaren Komponenten
Partner: Arper
Das Sofa Aom von Jean-Marie Massaud ist leicht genug, dass zwei Personen es anheben können, und zerlegbar wie ein Puzzle. Probesitzen kann man bei GREENTERIOR am 18. und 19. November in der Station Berlin. Vorab spricht Andrea Mulloni, Head of Sustainability bei Arper, über Rücknahme und Ökobilanzen.
Womit begann die Entwicklung von Aom?
Ein zentrales Ziel war, auf Polyurethanschaum als Polstermaterial zu verzichten, der sich nur schwer recyceln lässt. Stattdessen verwenden wir Breathair®, ein sortenrein trennbares und besonders formstabiles Polyester-Elastomer, das ursprünglich für medizinische Matratzen entwickelt wurde. Seine dreidimensionale Struktur ermöglicht unterschiedliche Festigkeitsgrade, ohne mehrere Lagen zu verkleben. Dadurch lassen sich die Komponenten trennen und gesondert verwerten, statt sie gemeinsam zu entsorgen. Grundlage war ein interner Leitfaden, der sich an Standards wie dem EU Ecolabel und LEVEL, den italienischen Mindestumweltkriterien sowie kommenden EU-Verordnungen orientiert. Aom ist die erste Kollektion, bei der dessen Kriterien vollständig umgesetzt wurden.
Auch Breathair® und EPP sind Kunststoffe. Worin unterscheiden sie sich in der Verwertung von Polyurethanschaum?
Es ist ein Problem des Produktlebenszyklusmanagements. Während Polyurethan in den meisten Fällen nach seiner ersten Nutzungsphase zur Energiegewinnung verbrannt wird, wird das Polypropylen der EPP-Basis, auch wenn es einem Downcycling-Prozess unterliegt, über etablierte Recyclingkreisläufe mehrfach zurückgewonnen und in den Produktionskreislauf zurückgeführt.
Wie kam Jean-Marie Massaud ins Spiel?
Wir wandten uns mit einem klaren Briefing an ihn. Seine Aufgabe war, die materialbezogenen und ökologischen Anforderungen in ein komfortables und gestalterisch überzeugendes Sofa zu übersetzen. Zugleich sollte ein modulares System mit möglichst wenigen Bauteilen entstehen, das Produktion und Lagerhaltung vereinfacht. Daraus entwickelte er die puzzleartige Basis aus expandiertem Polypropylen, kurz EPP. Linke, mittlere und rechte Module lassen sich unterschiedlich konfigurieren, wieder trennen und erweitern.
Arper folgt dem Prinzip der Reduktion. Was ließ sich bei Aom im Vergleich zu einem herkömmlichen Polstermöbel einsparen?
Wir verzichten auf Polyurethanschaum, Holzrahmen, Klebstoffe, Nägel und Klammern. Ein spezielles Befestigungssystem verbindet den Bezug direkt mit der geformten EPP-Basis, in die sich auch Kabelläufe und technische Komponenten integrieren lassen. Die Konstruktion kommt mit wenigen Bauteilen aus und ist so leicht, dass zwei Personen ein Sofa anheben können. Das ist besonders im Objektbereich wichtig, wo Möbel zum Reinigen bewegt oder für veränderte räumliche Anforderungen neu konfiguriert werden. Aom eignet sich zudem für den Außenbereich: Breathair® lässt Wasser hindurch, während Öffnungen und Ablaufrinnen in der feuchtigkeitsbeständigen EPP-Basis es ableiten.
Leiden Komfort und Langlebigkeit unter dieser Reduktion?
Nein. Breathair® ist für eine intensive Nutzung ausgelegt. Wird ein Sofa nach zehn Jahren nicht mehr benötigt, wäre es daher nicht sinnvoll, sein Material zu entsorgen. Möglich wäre, die Komponenten zurückzunehmen und in einem neuen Sofa wiederzuverwenden, wobei möglicherweise nur der Bezug ausgetauscht wird. So würden wir weniger neue Materialien benötigen und könnten das Produkt günstiger anbieten. Bei Smartphones akzeptieren wir dieses Prinzip bereits – warum nicht auch bei Möbeln? Konstruktiv ist Aom damit auf die drei R in ihrer vorgesehenen Reihenfolge ausgelegt: Reduce, Reuse und – erst danach – Recycle. Die Reduktion ist bei uns eng mit Forschung und Entwicklung verbunden, die Wiederverwendung eröffnet neue Geschäftsmodelle und das Recycling senkt die Umweltauswirkungen weiter.
Gibt es bereits ein System, das gewährleistet, dass Aom sachgerecht demontiert und seine Materialien der Wiederverwendung oder dem Recycling zugeführt werden?
Ein vollständig etabliertes Rücknahmesystem für Aom gibt es noch nicht. Entsprechende Anfragen würden wir derzeit von Fall zu Fall bearbeiten. Technisch wissen wir, wie sich die Möbel demontieren und ihre Komponenten wiederverwenden oder recyceln lassen. Ein effizientes System erfordert jedoch Investitionen in Logistik, Personal und Abläufe sowie eine ausreichende Nachfrage. Bei Catifa Carta haben wir ein solches System bereits aufgebaut. Da Aom gerade erst auf den Markt gekommen ist, benötigen wir zunächst konkrete Anfragen, bevor wir die Rücknahme skalieren können.
Liegt für Aom bereits eine Umweltproduktdeklaration, kurz EPD, vor?
Noch nicht. Wir haben jedoch die Kompetenz aufgebaut, Ökobilanzen intern zu erstellen. Damit können wir bereits im Entwicklungsprozess Materialien, Konstruktionen und Verbindungen anhand ihrer messbaren Umweltauswirkungen vergleichen. Eine EPD gilt dagegen für eine exakt definierte Produktvariante und muss extern verifiziert werden. Das ist zeit- und kostenintensiv. Wird sie ausdrücklich benötigt, können wir die intern erstellte Ökobilanz unabhängig prüfen und in eine EPD überführen lassen.
Plant Arper, diese Informationen künftig über einen digitalen Produktpass (DPP) zugänglich zu machen, möglicherweise noch bevor produktspezifische EU-Vorgaben für Möbel greifen?
Die erforderlichen Produkt- und Nachhaltigkeitsinformationen können schon heute digital zugänglich gemacht werden. Bei Catifa Carta verwenden wir dafür einen QR-Code. Derzeit prüfen wir, ob NFC besser geeignet wäre, weil die Technologie eine wechselseitige Kommunikation über das Smartphone ermöglicht. Kunden könnten damit nicht nur Angaben zu Materialien, Herkunft und Umweltauswirkungen abrufen, sondern auch eine Rücknahme anstoßen oder einen Schaden melden. Wir wollen ein System entwickeln, das über die reine Bereitstellung von Produktdaten hinausgeht und Wartung, Wiederverwendung sowie Transparenz unterstützt.
Vor drei Jahren haben wir über Ihren Nachhaltigkeitsbericht und die Säulen Ihrer Strategie berichtet: das Wohlbefinden der Menschen, zirkuläre Geschäftsmodelle und die vollständige Rückverfolgbarkeit über den Lebenszyklus. Wie hat sich die Strategie seither weiterentwickelt?
Die wichtigste Entwicklung besteht darin, dass wir heute alle drei Säulen bereits zu Beginn des Entwicklungsprozesses einbeziehen. Unsere Leitlinien bündeln das vorhandene Wissen in einer Checkliste mit rund 20 bis 25 Kriterien. So erkennen wir frühzeitig, welche ökologischen Anforderungen ein Produkt erfüllt und für welche Märkte es geeignet ist.
Greenterior findet am 18. und 19. November 2026 im Rahmen des Klimafestivals für die Bauwende in der Station Berlin statt. Programm und Anmeldung unter klimafestival.heinze.de. Weitere Beiträge zu Ausstellern und Referent*innen finden Sie in unserem Greenterior-Dossier.
Mehr Menschen
Frisch, ohne neu zu sein
Bo Hellberg von String Furniture über modulare Möbel und langlebige Interiors
Mehr als Kulisse
Studiobesuch bei Gonzalez Haase AAS in Berlin
„Nutzer wollen verstehen, wie Gebäude funktionieren“
Über Smart-Home-Interfaces, Türkommunikation und die Zukunft intelligenter Architektur
„Technik möglichst im Hintergrund halten“
Ein Gespräch mit Hans-Jörg Müller von Gira über das neue System 70
„Farbe ist nicht immer bunt“
Interview mit der Farbdesignerin Melanie Hövermann von Klöber
Konzentration in Zeiten der Zerstreuung
Ein Gespräch mit Ernst Holzapfel von Sedus
Wenn Schalter sprechen
Cathy Figueiredo von Melon Breakers über ihre Schalterkollektion für JUNG
Gewebte Vielfalt
Ein Gespräch mit Marius Myking von Snøhetta über generatives Teppichdesign
Leidenschaftlicher Vermittler
Ein Nachruf auf Burkhard Remmers
„Gerade die Struktur ermöglicht Freiheit“
Warum das modulare Prinzip von USM bis heute relevant ist
„Die Menschen sehnen sich nach Ruhe“
Interview über die Teppichkollektion Neuland von Object Carpet
Schönheit neu definieren
Wie ein Stuhl Kreislaufdenken, Ästhetik und Klimaschutz zusammenführt
Altholz mit Zukunft
Hanna-Maria Greve von WINI über die Idee der wiederverwendbaren Spanplatte
„Zirkularität ist kein gestalterischer Kompromiss“
Concular Spaces über die Chancen kreislauffähiger Büroinnenausbauten
Liebe zu exzellenter Gestaltung
Burkhard Remmers über das nachhaltige Design des neuen WiChair
Wir sollten die Möglichkeiten unserer Zeit besser nutzen
Ein Gespräch mit dem Arbeitswissenschaftler Dr. Stefan Rief
„Innenarchitektur macht Pflege menschlicher“
Ein Gespräch mit Theresia Holluba zur Lebensqualität in Gesundheitsräumen
Lokal global
Vince Berbegal über die mediterrane DNA und globale Vision von Actiu
„Wir denken in Ressourcen statt in Altlasten“
Marco Schoneveld über zirkuläre Möbelkonzepte, neue Materialien und ihre Vorteile
Einfach Ruhe
Ein Gespräch mit dem Berlin Acoustics-Gründer Manuel Diekmann
Ganzheitliche Gestaltung
Einblicke in die Neukonzeption der DOMOTEX 2026
Auf ein Neues!
Fünf Architektur- und Designbüros stellen ihren Re-Use-Ansatz vor
Nachhaltigkeit beginnt im Inneren
Gabriela Hauser über die Rolle der Innenarchitektur bei der Bauwende
Design als Problemlöser
Interview mit Jonas Pettersson von Form Us With Love
Zukunftsperspektiven für zeitlose Möbel
Ein Gespräch mit Rolf Keller über die Kreislaufwirtschaft bei Vitra
Das Büro als Bühne
Wilkhahn launcht Magazin über agiles Arbeiten
Treffpunkt Workcafé
Ernst Holzapfel von Sedus im Gespräch
Design als Klebstoff
Junge Gestaltende sorgen für frischen Wind in Köln – Teil 1
Der Büroplatz zum Wohlfühlen
Dirk Hindenberg von Klöber im Interview
„Wir müssen Möglichkeitsräume schaffen“
Der Architekt Klaus de Winder im Gespräch