Projekte

Kunst und Spionage

Einen irren Streifzug durch die Geschichte bietet die Villa Heike in Berlin

von Norman Kietzmann, 04.03.2020

Irrer Streifzug durch die Geschichte: Die Villa Heike war Fabrikantenresidenz, Geheimdienstquartier und NS-Archiv. Nach zwanzig Jahren Leerstand und Verfall ist das Art-Deco-Gebäude vom Architekten Christof Schubert in ein Atelier- und Bürogebäude mit angeschlossenem Ausstellungsraum transformiert worden. 

In Berlin gibt es einige Gebäude mit wechselvoller Vergangenheit. Doch nur wenige warten mit derart filmreifen Wendungen auf wie die Villa Heike. 1910 wurde sie als Wohnsitz, Verwaltungsgebäude und Ausstellungsraum des Maschinenbau-Fabrikanten Richard Heike im Bezirk Alt-Hohenschönhausen gebaut. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der weitestgehend unzerstörte Bau von den Sowjets konfisziert und als Geheimdienst-Zentrale genutzt – einschließlich eines Gefängnisses im Souterrain. Später übernahm die Stasi den Bau und richtete in den Sechzigerjahren das Archiv für NS-Unterlagen ein, das auch die rückseitigen Fabrikhallen bespielte – mit über elf Kilometern Aktenbeständen. Ein sensibler, hochgeheimer Fundus, der zusammen mit dem Stasi-Gefängnis in einer abgesperrten Zone lag.

Fünfköpfige Baugruppe
Nach der Wende stand der Bau fast zwanzig Jahre lang leer und verwahrloste. Die einstigen Industriehallen um das Gebäude wurden nach einem Brand in den 2000er Jahren abgerissen. Nur eine Intervention des Denkmalamtes bewahrte die Villa Heike vor demselben Schicksal. Anschub kam durch den Architekten Christof Schubert, der ein neues Nutzungskonzept für die Villa mit 1.850 Quadratmetern Nutzfläche entwickelte und diese über eine Kleinanzeige im Internet publik machte. Drei Monate später hatte er vier weitere Mitstreiter aus dem Kreativbereich gefunden, mit denen er zusammen die Baugruppe das Archiv bildete und 2015 bis 2019 den 2,6-Millionen-Euro-Umbau stemmen konnte.

Maskerade der Geheimdienste 
Die vom Architekten Richard Lotts errichtete Villa war einer der ersten Stahlbeton-Skelettbauten Berlins. Die Fassade zeigt noch schwungvolle Züge des Jugendstils – und lässt trotzdem bereits die geometrische Abstraktion des Art Decó erkennen. Das Hybridhafte zeigt sich auch im Inneren. Der eindrucksvolle Eingangsbereich wartet mit mächtigen Säulen und stark herausgearbeiteten Kannelierungen auf. Darüber erhebt sich eine Kassettendecke aus Beton, die bereits einen Hauch von Bauhaus in sich trägt. Die Architekten gingen bei der Sanierung wie Archäologen vor. Sie entfernten die Maskerade, die die Geheimdienste dem Bau auferlegt hatten: Sperrholzverschalungen, Tapeten oder PVC-Beläge – dahinter kamen Kastenfenster, Stuckdecken, Steinputzoberflächen oder Terrazzoböden zum Vorschein.

Im Vestibül und Hochparterre sind sämtliche Einbauten entfernt worden. Die hohen Räume mit freistehenden Säulen dienten einst dem Fabrikanten Richard Heike zur Präsentation seiner Maschinen für die Lebensmittelindustrie. Die Stasi archivierte hier später die besonders brisanten Akten über mögliche Kriegsverbrecher und prominente NS-Größen – und verwandelte den einst hellen, lichtdurchfluteten Raum in eine geschlossene Geheimkammer. Heute wird dieser Bereich erneut für Ausstellungen und Veranstaltungen genutzt. In den oberen drei Etagen sind die Atelierräume untergebracht, die jeweils von langen Fluren erschlossen und durch die hohen Fenster von viel Tageslicht durchflutet werden. 

Lesbare Historie
Die Tonalität der Innenwände korrespondiert mit den verwendeten Lichtschaltern, dem Designklassiker LS 990 von Jung. In den weiß verputzten Atelierräumen kommt die Ausführung Alpinweiß zum Einsatz. Für die sandfarbenen Wände im Eingangs- und Ausstellungsbereich der Ton 32142 Ombre Naturelle Claire aus der Serie Les Couleurs® Le Corbusier. Auf den Korridoren greift die Version Messing Antik mit atmosphärischer Patina die Farbigkeit der hölzernen Türen und Rahmungen auf. Sie lassen die Grandezza des Hauses ebenso wieder aufleben wie das freigelegte Parkett und die aufgearbeiteten Holzdecken. Die Architekten haben darauf geachtet, Beschädigungen und Abnutzungen zum Teil sichtbar zu lassen. Nur zerstörte Elemente sind durch Einbauten in identischer Materialität und einer neutralen Formensprache ersetzt worden. Schließlich soll die besondere Historie dieses Ortes nicht übertüncht, sondern auch in Zukunft lesbar bleiben. 

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Projektarchitekt

Christof Schubert

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