Moderne Ruine
Brutalistischer Umbau in Ecuador von Aquiles Jarrín
Ein Interieur, das Züge einer unfertigen Arbeit trägt oder wie eine moderne Ruine anmutet: So beschreibt der ecuadorianische Architekt Aquiles Jarrín den Umbau eines Apartments aus den Siebzigerjahren, das seine Bauherren inmitten des historischen Zentrums von Quito erworben hatten. Der Wunsch der dreiköpfigen Familie war ein Zuhause mit offenen, multifunktionalen Räumen und einem zentralen Gemeinschaftsbereich, der auf Abtrennungen verzichtet – und viel Natur ins Innere lässt. Jarrín nahm es wörtlich und stellte sich die brutalistische Struktur als Wald vor.
Ein gut erhaltenes Apartment aus den Siebzigerjahren, mitten im historischen Zentrum von Quito samt einer Nachbarschaft aus Kolonialbauten und mit Blick auf den innerstädtischen Panecillo-Hügel: Als „eine sehr reizvolle Stadtlandschaft“ bezeichnet Aquiles Jarrín den Kontext des Bestandsbaus, in dem er eine Wohnung mit 112 Quadratmeter Grundfläche an die Bedürfnisse einer dreiköpfigen Familie anpassen sollte. Doch statt sich auf die Ausblicke zu verlassen, schuf er selbst eine Topografie aus Wasser, Wind und Bäumen.
Großstadtdschungel
Wichtig war den künftigen Bewohnern eine möglichst multiple Nutzung des Wohnraums mit weitestgehend undefinierten Funktionen. Konkret bedeutete das eine Aufteilung, in denen soziale und private Zonen ineinander übergehen und auf harte Trennungen verzichtet werden sollte. Vor allem dem Gemeinschaftsbereich wollten sie damit eine zentrale Bedeutung verleihen. „Die Bauherren wünschten sich einen dynamischen Raum, der eine ständige Wiederentdeckung und Aneignung des Ortes ermöglicht“, erklärt der Architekt, der nicht nur sämtliche Bedürfnisse der Familie, sondern auch die Potentiale und Beschränkungen des Bestands genau ergründete.
So riss Jarrín zunächst einen Großteil der Trennwände ein, sodass nur noch frei im Raum verteilte Säulen vorhanden sind. Auf dieser freien Fläche plante er das Wohnzimmer, um das sich Schlafzimmer, Küche und Bäder gruppieren. Außerdem entfernte er Putz und Farbe an Decken, Säulen und Wänden und legte so Beton und Ziegelsteine frei. Einen bestehenden Luft- und Lichtschacht verwandelte er in einen begrünten Patio, der dank seiner Glaswände von zahlreichen Blickwinkeln einsehbar und zum „grünen Herzen“ des Apartments wird.
Walden im Wohnzimmer
Doch die neue, entkernte Struktur brachte auch Herausforderungen mit sich. Ohne die Mauern bekamen die 30 mal 30 Zentimeter breiten Betonpfeiler eine starke Präsenz. Jarríns Lösung: ein poetisches Konzept, das eine neue Sichtweise erlaubte. Als Inspirationsquelle betrachtete er die Säulen fortan als Baumstämme. So sei die Idee entstanden, dass man sich nicht in einem domestizierten Raum befindet, sondern in einer wilden Welt oder einem Wald, sagt der Architekt. Hieraus wiederum entstand im nächsten Schritt die horizontale Gliederung des Innenraums. Angelehnt an die Säulen, entwickelte er ein Raster aus metallenen, sich überkreuzenden Balken im Boden.
Diese „Innentopographie“ sorgt für eine Unterteilung des Schnittes und für variierende Höhen. Gleichsam übernehmen ihre Oberflächen die Funktion von Möbelstücken. Durch ihre simple Form funktionieren sie zudem als Regalfächer und Sitzgelegenheiten. Interessant sind aber vor allem die Überlappungen der so entstandenen Struktur, die innerhalb des gemeinschaftlichen Wohnraums einen Hohlraum formiert. Hier sah Jarrín einen kleinen Innenpool vor, der in diesem Kontext das Bild eines natürlichen Tümpels hervorruft.
„Die Verbindung aus klaren Linien und dem Finish der Metallelemente verleiht dem Inneren des Projektes so viel Kraft, dass die schöne koloniale Stadtlandschaft vor den großen Fenstern zu etwas Zweitrangigem wird“, fasst Aquiles Jarrín zusammen. Tatsächlich verleihen die rohen Materialien und die ungewöhnliche Bodenstruktur dem Innenraum eine völlig gegensätzliche Erscheinung. So passt sich der Entwurf nicht nur den Bewohnern an, sondern wird auch zu einem bemerkenswerten Statement inmitten kolonialer Prachtbauten.
FOTOGRAFIE JAG studio
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