Architektur für ein junges Land
Geoffrey Bawa im Vitra Design Museum
Seit dem 26. September widmet das Vitra Design Museum in Weil am Rhein dem sri-lankischen Architekten Geoffrey Bawa eine große Ausstellung. Sie erzählt vom Bauen in einem Land, das sich nach dem Ende des Kolonialismus neu erfinden muss.
Südasien hat bei den baulichen Ergänzungen des Vitra Campus in Weil am Rhein zuletzt eine große Rolle gespielt: In den vergangenen Jahren wurde das spektakuläre Architekturensemble auf dem Gelände des Möbelherstellers Vitra um das Khudi Bari, ein Kleinstwohnhaus nach einem Entwurf der Architektin Marina Tabassum aus Bangladesch, und das Doshi Retreat, eine Gartenskulptur des indischen Pritzker-Preisträgers Balkrishna Doshi, ergänzt. Das Vitra Design Museum widmet nun dem bedeutendsten Architekten Sri Lankas im 20. Jahrhundert eine monografische Ausstellung: Geoffrey Bawa. Architektur für die Sinne entstand in Zusammenarbeit mit dem M+ Museum in Hongkong sowie dem Geoffrey Bawa Trust und präsentiert zahlreiche Zeichnungen, Modelle, Dokumente und Fotografien zum Werk des 2003 verstorbenen Architekten.
Vom Juristen zum Architekten
Geoffrey Bawa zählt zu den wenigen Architekten des globalen Südens, die bereits in den 1980er-Jahren in Europa wahrgenommen wurden. Bawa wurde 1919 in der damaligen britischen Kolonie Ceylon in eine Oberschichtenfamilie geboren. Er studierte zunächst in Oxford Englisch und in London Jura bevor er sich 1954 an der traditionsreichen AA in London für das Architekturstudium einschrieb. Diese relativ späte Entscheidung für den Beruf war die Folge eines Immobilienkaufs: 1948 hatte Bawa eine ehemalige Plantage auf Sri Lanka erworben und im Zuge des Umbaus zu einem luxuriösen Landsitz damit begonnen, sich für architektonische Fragestellungen zu interessieren.
Zunächst war seine Formensprache von den aktuellen Strömungen der europäischen Moderne beeinflusst. Doch bereits ab Ende der 1950er-Jahre entwickelte Bawa unter Verwendung von heimischen Baustoffen und lokalen Handwerkstechniken einen individuellen Architekturstil, der an lokale Traditionen anknüpfte. Es sind diese Bauten, die den Ruhm Bawas begründeten und im Mittelpunkt der Ausstellung in Weil am Rhein stehen. Bawa selbst hat sich gegen jede Einordnung seines Schaffens gewehrt. Dennoch hat man in ihm einen Exponenten des von Kenneth Frampton propagierten „kritischen Regionalismus“ sehen wollen. Frampton bezeichnet Bawas Architektur in der aktuellen fünften Auflage seiner Modern Architecture als „vernacular modernism“. Auch der Begriff der „Tropenmoderne“ ist auf Bawas Werk angewendet worden.
Mangel als Methode?
Im Katalog zur Ausstellung vertritt Milinda Pathiraja die Auffassung, dass es insbesondere die in Sri Lanka in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Verfügung stehenden und begrenzten materiellen Ressourcen waren, die Bawas Architektursprache hervorbrachten. Die Regierung des Landes beschritt seit Mitte der 1950er-Jahre einen gleichermaßen nationalistischen wie sozialistischen Kurs, der unter anderem zu einer Verknappung moderner Baustoffe führte. In der Ausstellung illustrieren verschiedene Stühle, die Bawa von lokalen Handwerker*innen und mit verfügbaren Materialien nach berühmten Vorbildern – etwa Mies van der Rohes Barcelona Chair – fertigen ließ, Pathirajas These.
Doch greift diese wohl etwas kurz. Bereits 1987 benannte William J. R. Curtis die Kolonialarchitekturen der Portugiesen, Niederländer und Briten, die nacheinander Ceylon als Kolonialmächte beherrschten, als wichtige Einflüsse in Bawas Werk. Fragen nach den Einflüssen auf Bawas „Vernakularismus“ und deren Bedeutung bei der Schaffung einer sri-lankischen Nationalarchitektur geht die Ausstellung leider kaum nach, obwohl Bawa im Laufe seiner Tätigkeit zu einer Art Staatsarchitekt aufstieg. Zwischen 1979 und 1982 errichtete er Sri Lankas Parlamentsgebäude. Stattdessen belässt man es in Weil am Rhein bei der Feststellung, dass der Architekt sich zu seinen Einflüssen nicht selbst geäußert hat.
Erleben statt erklären
Die Schau konzentriert sich vor allen Dingen auf das Zusammenspiel von Architektur und Natur in Bawas Schaffen. Den ersten Raum der von der französisch-libanesischen Architektin Lina Ghotmeh gestalteten Ausstellung dominiert eine Installation, die den Titel Architektur für die Sinne aufgreift. Sie zeigt wie in einem Guckkasten Fotografien Iwan Baans von Bawas Wohnhaus, die mit Tonaufnahmen vom selben Ort unterlegt sind. Bawas Äußerung, dass Architektur nicht vollständig erklärt werden kann, sondern erlebt werden muss, ist ein Schlüssel zur gesamten Ausstellung. Die knapp 50 Fotos, die Iwan Baan von den Bauten Bawas gemacht hat, erleichtern dabei das Erleben ungemein.
Neben dem Naturbezug ist Geoffrey Bawas Zusammenarbeit mit sri-lankischen Künstlerinnen und Künstlern ein zweiter Schwerpunkt im Vitra Design Museum. Über lange Jahre arbeitete der Architekt immer wieder mit der Batikerin Ena de Silva, der Textildesignerin Barbara Sansoni und dem Bildhauer Laki Senanayake zusammen. Dieser Abschnitt der Ausstellung bietet einen spannenden Einblick in die kulturellen Zusammenhänge, in denen Bawas Architektur entstand.
Auch wenn Geoffrey Bawa. Architektur für die Sinne zuweilen etwas wenig Distanz zum Gegenstand der Beschäftigung zeigt: Der Schau gelingt es, ein eindrucksvolles Porträt von einem der wichtigsten postkolonialen Erneuerer der südasiatischen Architektur zu zeichnen. Und sie skizziert auch die Umstände und Limitierungen, mit denen sich Bawa im unabhängig gewordenen Sri Lanka konfrontiert sah. Schließlich – und hierin liegt ein wesentliches Anliegen der Ausstellung – präsentiert sie Bawas sensiblen Umgang mit der Natur als Fingerzeig für eine ökologische Architektur des 21. Jahrhunderts.
Geoffrey Bawa. Architektur für die Sinne
26.09.2026–28.02.2027
Vitra Design Museum
Charles-Eames-Straße 2
79576 Weil am Rhein
Mehr Stories
Zwischen Bauwende und Planungspraxis
GREENTERIOR zum zweiten Mal beim Klimafestival für die Bauwende in Berlin
Drei Materialien der Moderne
Die Ausstellung „Glas | Beton | Metall“ im Bauhaus Dessau zum 100. Jubiläum
Schwebende Ordnung
USM zerlegt in Kopenhagen seinen Designklassiker
Gebrauchte Segel und kreative Türstopper
Fünf Ausstellungen der 3daysofdesign rückten Material, Werkzeug und Gestaltung ins Zentrum
Vom Altar an die Bar
Wie SICIS das antike Mosaik zeitgenössisch interpretiert
Eine Designerin, die vermisst wird
Konstantin Grcic und Caroline Perret erinnern sich an Pauline Deltour
Ode an die Unendlichkeit
Toyo Ito inszeniert das Werk von Andrea Branzi in der Mailänder Triennale
Bunt und metallisch
JUNG kooperiert mit Melon Breakers und DORNBRACHT
Olympia und Design
Ausstellung White Out in der Mailänder Triennale
Zweite Chance für den Boden
Nachhaltige Beläge zwischen Materialinnovation, Rückbau und Wiederverwendung
Mit Farbe gestalten
Studio Wok und India Mahdavi über Atmosphäre, Zurückhaltung und Emotion
Countdown zur DOMOTEX
Die wichtigsten Facts in der Übersicht
Offenes Zukunftslabor
Frankfurt RheinMain ist World Design Capital 2026
Architects Space
Treffpunkt für Architektur, Planung und Design auf der DOMOTEX 2026 in Hannover
Werkzeugkasten der Möglichkeiten
Rückblick auf die Dutch Design Week 2025
Green Office als Komplettpaket
Assmann gestaltet zirkuläre Arbeitswelten und nachhaltige Lösungen für die Zukunft
Antwerpen zwischen Barock und Design
Gartenkunst im Rubenshuis und Outdoor-Möbel der Region
Zukunftsorientierte Gestaltung
Wie Brunner gutes Design mit verantwortungsvollem Handeln verbindet
Außenräume und Innenräume
Wie die Architekturbiennale 2025 in Venedig neue Konzepte für ein Klima im Wandel entwirft
Wenn Möbel Wurzeln schlagen
Ausstellung mit USM Modulen bei der Architekturbiennale Venedig 2025
Diskurs statt Dystopie
Deutschlands Vision für klimaresiliente Städte auf der Biennale 2025 in Venedig
Analog sitzen, virtuell denken
Wie Interstuhl seine Designkompetenz ins Digitale erweitert
Spektrum der Ruhe
Wie nachhaltig sind farbige Möbel?
Leben im Denkmal
Ausstellung Duett der Moderne im Berliner Mitte Museum
Das Prinzip Ordnung
Ausstellung über Le Corbusier im Berner Zentrum Paul Klee
Zwischen Zeitenwende und Tradition
Unsere Highlights der Munich Design Days und des Münchner Stoff Frühlings
Function follows vision
Ausstellung in Krefeld zu Arbeiten von Friedrich Kiesler und Walter Pichler
NACHHALTIGKEIT TRIFFT DESIGN
GREENTERIOR by BauNetz id auf dem Klimafestival 2025
Bauwirtschaft geht leer aus
Verleihung des Bundespreis Ecodesign 2024 in Berlin
KOMMUNIKATIVER WORKFLOW
Raumkunst Werdenfels setzt auf die 3D-Planung mit Palette CAD