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Unbequem in die Zukunft

Transformation der Saalecker Werkstätten zur Designakademie

Kann Gestaltung die Bedeutung eines Orts verändern? Die Saalecker Werkstätten waren einst Wirkungsstätte des NS-Ideologen Paul Schultze-Naumburg. Heute sucht dieDAS unter Arne Cornelius Wasmuth neue Perspektiven für einen Ort, der sich weder auf seine Vergangenheit reduzieren noch von ihr befreien lässt.

von Tanja Pabelick, 28.10.2026

Sie wirken in ihrer Umgebung idyllisch, ja geradezu entrückt, die in die Jahre gekommenen Gebäude der ehemaligen Saalecker Werkstätten. Zwischen üppig grünen Baumkronen ragen gedrungene Türmchen und rote Dächer hervor. Dahinter fällt das Gelände steil zur Saale ab. Prominent und imposant thront das Ensemble weithin sichtbar über der Landschaft. Doch die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Bauwerks legt deutsche Vergangenheit frei, die bis heute nachwirkt. Sie hat den Saalecker Werkstätten den Titel  eines „unbequemen Denkmals“ eingebracht. Und sie dieser Tage zu einem Ort gemacht, der als Designakademie im Werden und jährliche Sommerakademie für die Kulturlandschaft mehr ist als „Peripherie“ oder „Provinz“.

Saaleck hat gerade einmal rund 200 Einwohner*innen. Das wenige Kilometer entfernte Naumburg verbindet die Region über die Schiene in etwas mehr als 30 Minuten mit Weimar oder Halle, in 90 Minuten mit Berlin. Eher unwahrscheinlich, dass es einen hierher verschlägt. Es sei denn, man beschäftigt sich mit „unbequemen Denkmälern“. So wie Arne Cornelius Wasmuth, ehemaliger Journalist und Denkmalexperte, heute Vorstandsvorsitzender der Marzona Stiftung Neue Saalecker Werkstätten und Gründungsdirektor der dieDAS – Design Akademie Saaleck. Vor zehn Jahren forschte er an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) zum europäischen Kulturerbe und stieß dabei auf Paul Schultze-Naumburg.

Viel Kleines im Großen
Der Maler und Architekt ohne Abschluss Schultze-Naumburg fand das Gelände 1901, begann dort zu bauen und gründete 1904 die Saalecker Werkstätten, die bis 1930 existierten. „Die Lage ist wie ein Adlerhorst, exponiert und von Weitem zu sehen. Schultze-Naumburg wollte sich hier gewissermaßen selbst inszenieren“, erläutert Wasmuth. „Sein Vorbild war das ‚English House’ ,damals Inbegriff eines gewissen gesellschaftlichen Status und ausgestattet mit Tennisplätzen, Karpfenteich, Rosengarten und Remise. Nur war das Projekt ein ziemlicher Misserfolg. Schultze-Naumburg schuf eine sehr eigenartige, mehrgeschossige Struktur, die von außen als ein gewaltiger Kubus dasteht und hinter dessen unverhältnismäßig kleinem Eingang teils winzige Räume warten. Es ist wie ein Schlumpfhaus. Absolut merkwürdig.“ Es waren aber auch nicht das Ensemble, seine Architektur oder die Koordinaten allein, die Wasmuth 2015 beim ersten Besuch faszinierten, sondern vor allem das unsichtbare Erbe.

Vom Korsett zum Kuckuck
Während sich Schultze-Naumburg um 1900 in Berlin noch neben Reformgestalter*innen wie Henry van de Velde und Anna Muthesius für eine Erneuerung der Frauenmode und die Abschaffung des Korsetts eingesetzt hatte, wandte er sich nach seinem Umzug nach Saaleck zunehmend der Heimatschutzarchitektur zu. Spätestens ab Mitte der 1920er-Jahre radikalisierte er sich auch politisch. Er propagierte rassistische Ideologien, diffamierte die Moderne als „entartet“ und engagierte sich im nationalsozialistischen „Kampfbund für deutsche Kultur“. „In der Blütezeit der Saalecker Werkstätten arbeiteten hier, im Architektenflügel und auf dem gesamten Gelände, bis zu 70 Menschen. Darunter waren Zeichner, Architekten und Ingenieure. Sie planten die zahlreichen Bauprojekte im ganzen Deutschen Reich. Bei den Saalecker Werkstätten konnte man gewissermaßen ein gestalterisches Komplettpaket bestellen. Man bekam das Haus, den Park und die Möbel, selbst die Kuckucksuhr“, erzählt Wasmuth.

Ein Adlerhorst mit Schatten
Insgesamt 22 Millionen Euro wurden von öffentlicher Hand für die Renovierung von Villa, Werkstätten und Nebengebäuden bewilligt. Die dänische Architektin Dorte Mandrup konnte für den Masterplan sowie die Gestaltung weiterer Anbauten und Architekturelemente, unter anderem eine bauskulpturale Brücke, die sogenannte „Infinity Bridge“, gewonnen werden. Letztere wird am höchsten Punkt des Geländes stehen, weithin sichtbar von der tiefer liegenden Saale und ihren Auen. Das geschwungene Stahlband folgt einer endlosen, in sich zurücklaufenden Schleife. Als Unendlichkeitszeichen verweigert sie Hierarchien und wird zur Landmarke eines Orts, „an dem Blick und Denken ihre Richtung ändern können“, wie es die Architektin selbst beschreibt.

Eine solche Begegnung zwischen gestalterischem Aufbruch und eingesessener Nachbarschaft hat es in der Region schon einmal gegeben. Gut fünfzig Kilometer entfernt, auf einem Hügel oberhalb des Weimarer Ilmparks, gärtnerten, experimentierten und feierten vor gut hundert Jahren die Bauhäusler*innen, eine avantgardistische Gemeinschaft, deren Treiben der bürgerlichen Nachbarschaft mitunter fremd geblieben sein dürfte. Doch was dort erprobt wurde, sollte die Gestaltung weit über Weimar hinaus verändern. Auch Saaleck soll ein Ort mit internationaler Strahlkraft werden, dessen Mission und Botschaft weit über das Lokale hinausreichen, dessen Wirkung aber gerade vor der eigenen Haustür beginnt.

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Geschichte gestalten
Wie das gelingen kann, erprobt die Design Akademie Saaleck bereits seit 2020 im laufenden Bauprozess. Zum jährlich stattfindenden internationalen Fellowship-Programm, das maßgeblich von Programmdirektorin Tatjana Sprick entwickelt wird, kommen Kunstschaffende und Gestaltende aus Architektur, Design und Handwerk. Unter wechselnder künstlerischer Leitung arbeiten sie praktisch zu Themen wie Materialkreisläufen, Identität oder Gemeinschaft, setzen sich mit dem Ort auseinander und nutzen die rückgebauten Materialien des Hauses als Ressourcen.

Nach der Eröffnung soll sich dieser Kreis noch mehr erweitern: für Forschende und Studierende ebenso wie für Schulklassen, Nachbar*innen und Menschen aus der Region. Die Fellows sollen künftig bis zu zwei Monate bleiben und ein Study Center soll es wissenschaftlich Forschenden ermöglichen, sich für ein Semester mit dem Ort und seinen Themen auseinanderzusetzen. Mit dem ersten vollständigen Betriebsjahr rechnet Wasmuth 2029. Geplant sind Workshops und Ausstellungen, Filmabende, Vorträge und Tage der offenen Tür. „Wenn es passt, auch einfach mal ein Grillabend fürs Dorf“, sagt Wasmuth. Und was hier beiläufig klingt, ist es gerade nicht. Denn ein internationaler Kulturort, der wie ein Fremdkörper über dem Dorf thront, würde die falsche Botschaft senden. Die Menschen vor Ort sollten nicht bloß Publikum sein, sondern selbst Teil des neuen Kulturangebots werden, es nutzen und mitgestalten können.

Offene Türen
„Wir erreichen sicher nicht jeden“, sagt Wasmuth. „Vor allem in einer Ecke, wo über 40 Prozent die AfD wählen.“ Dass ausgerechnet die Wirkungsstätte eines Vordenkers völkischer Kulturpolitik in Sachsen-Anhalt heute zu einem internationalen, offenen Ort für Gestaltung wird, gibt dem Projekt eine politische Dimension, die untrennbar mit seinem Standort verbunden ist. Die Geschichte der Saalecker Werkstätten soll deshalb auch nicht überschrieben werden. Ein Dokumentationszentrum im ehemaligen Hühnerstall wird sie künftig öffentlich vermitteln. Gleichzeitig soll ihr etwas Gegenwärtiges entgegengesetzt werden. Nicht allein durch historische Aufarbeitung, sondern auch durch das, was hier passiert, und durch die Menschen, die daran teilhaben.

„Meine Vision für diesen Ort ist, dass er lebt und von einer Bandbreite von Menschen frequentiert wird. Und das ist auch das Spannende. Sie reicht von ganz weit draußen in der Welt bis hin zu den Nachbarn in Saaleck. Sie alle sollen dieDAS als kulturellen, kreativen, offenen, freundlichen Ort erleben.“ Wie solche Begegnungen aussehen können, zeigte sich bereits bei einem Tag der offenen Tür. Mitarbeitende des Studios der niederländischen Designerin Hella Jongerius knüpften gemeinsam mit Dorfbewohner*innen aus Stoffresten eine „Himmelsleiter“. Entstanden ist ein textiles Unikat, das Jongerius der Akademie schenkte und das nach der Sanierung in Saaleck ausgestellt werden soll. Internationales Design traf auf lokales Handwerk, aus Zuschauen wurde Mitmachen. Vielleicht zeigt sich genau darin, was Wasmuth für Saaleck vorschwebt: ein Ort, an dem sich die Welt und die unmittelbare Nachbarschaft ganz real begegnen, damit im gemeinsamen Tun Distanzen kleiner werden.

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