You can’t escape Prague
Beim DesignBlok 2026 traf tschechisches Designerbe auf neue Ideen
Ein Festival, eine Stadt und die Frage, was aus gestalterischem Erbe wird: Beim Prager Designfestival DesignBlok zeigte sich, wie eng in Tschechien Entwurf und Herstellung verbunden sind. Ein Rundgang zwischen Werkstatt, Burg und Museum, zwischen Glastradition und neuen Ideen.
„You can’t escape design“, lautet das Motto von DesignBlok. In Prag führte das Festival vom 7. bis 11. Oktober 2026 an Orte, an denen gestalterische Geschichte und Gegenwart aufeinandertreffen: von der Reitschule auf der Burg über den Messepalast der Nationalgalerie bis zum Kunstgewerbemuseum. Auch der wiedereröffnete Industriepalast zählte zu den Spielorten.
Die 28. Ausgabe des Festivals stand unter dem Thema Licht. Vor dem Rudolfinum leuchtete BEACON, eine Installation des britischen Designers Lee Broom. Der tschechische Leuchtenhersteller Brokis setzte sie aus 292 Segmenten recycelten Glases um. Internationale Gäste und Kooperationen gehörten zum Programm: Bei der Award-Gala war der niederländische Designer Marcel Wanders Ehrengast, den Vorsitz der Jury hatte Max Fraser von Dezeen.
Interessanter als die Namen auf der Gästeliste war auf diesem Rundgang jedoch eine andere Frage: Was entsteht, wenn Gestalterinnen und Gestalter auf vorhandenes Fertigungswissen treffen?
Wo Glas Gestalt annimmt
Die Werkstatt von Martin Janecký liegt versteckt in den Gärten des Malteserordens auf der Kleinseite Prags. Durch einen ummauerten Garten geht es in einen gewölbten Raum mit abblätterndem Putz, silbernen Abluftrohren und einem Perserteppich auf dem Terrakottaboden. Es ist die einzige Glashütte mitten in Prag. Bei unserem Besuch arbeitet Janecký mit dem Tlingit-Künstler Preston Singletary und dessen Team aus Seattle. Das Glas ist nur kurze Zeit formbar, jeder Handgriff muss sitzen.
Janecký modelliert heißes Glas von innen, durch die Öffnung der Blase. So entstehen lebensgroße Köpfe, die verblüffend plastisch wirken. Mit dem Material kam er als Jugendlicher in der Glashütte seines Vaters in Berührung. Doch die traditionelle Glasbläserei wurde ihm zu eng. Seine heutige Arbeit zeigt, was aus einer erlernten Technik werden kann, wenn sie nicht nur weitergegeben, sondern für eine eigene künstlerische Form genutzt wird.
Die Vergangenheit steht im Raum
Wie in Prag die tschechische Gestaltungsgeschichte betrachtet wird, zeigten mehrere Ausstellungen während des Festivals. Im Kunstgewerbemuseum rückte Retro Lamps tschechoslowakische Leuchten der 1950er- bis 1980er-Jahre und ihre oft wenig bekannten Entwerfer*innen ins Licht. In der Reitschule erzählte Design for Václav Havel dagegen vom politischen und gestalterischen Aufbruch nach 1989. Im Zentrum stand Havels Arbeitszimmer, das Bořek Šípek Anfang der 1990er-Jahre entwarf und das nach mehr als zwei Jahrzehnten auf die Burg zurückkehrte.
Einen anderen Blick auf die jüngere Vergangenheit bot das Design Museum Prague mit UGLY: Czechoslovak Brutalism 1960–1989. Die Ausstellung zeigte Möbel aus abgerissenen Bauten – Einrichtungsgegenstände, die gewöhnlich zuerst aus einem Gebäude verschwinden. Hier ist es umgekehrt: Die Möbel sind geblieben, die Architektur ist verloren gegangen. Viele Bauten aus der Zeit zwischen 1960 und 1989 galten seit dem Ende des Sozialismus als Relikte einer überwundenen politischen Ordnung und wurden abgerissen.
Zusammen machten die Ausstellungen deutlich, dass gestalterisches Erbe nicht einfach bereitliegt: Es muss gesammelt, eingeordnet und bisweilen gegen vorschnelle Urteile verteidigt werden.
Tradition in neuer Form
Für die Kristallglasmanufaktur Moser stellt sich die Frage anders. Der Designer Jan Plecháč ist seit 2022 Creative Director des Traditionsunternehmens und gestaltete beispielsweise die DesignBlok-Ehrentrophäe: einen Kristallstamm, der von Hand geschliffen wird und die Fertigung selbst zum Teil seiner Aussage macht. Auch die 2026 vorgestellte Vasenserie Aura zeigt Plecháčs Ansatz: Ihre Farbverläufe und geschliffenen Oberflächen übersetzen das Motiv des Nordlichts in Kristall.
Noch unmittelbarer wird die Verbindung von vorhandenem Können und neuer Form bei Materra. Als Master & Master eine Leuchte für DesignBlok entwickeln wollte, lag ein möglicher Partner gleich in der Nachbarschaft: ein Betrieb, der Backformen aus Keramik herstellt. Dieses Fertigungswissen wurde zum Ausgangspunkt des Briefings für den Designer Tomáš Král. Seine Tischleuchte greift die Formensprache der Backformen auf, ohne selbst eine zu sein. Dass Materra 2026 mit einem DesignBlok Award ausgezeichnet wurde, ist dabei nur die Pointe einer interessanteren Geschichte: Der Entwurf entstand nicht unabhängig von seiner Herstellung, sondern aus den Möglichkeiten eines Betriebs vor Ort.
Der Designer Jiří Krejčiřík ging vom Material eines konkreten Orts aus. Seine Kollektion Sand Preludium entstand aus Sandstein, wie er für die Renovierung der Neuen Propstei auf der Prager Burg verwendet wurde. Einer der drei Tische trägt eine Platte, die Krejčiřík selbst im Steinbruch bearbeitete. Seine Zusammenarbeit mit dem Sozialunternehmen SKOBA führt in eine andere Werkstatt: Nach Papierleuchten im Jahr 2025 zeigte das Team 2026 mit der B1 Collection auch Organizer und Aufbewahrungsboxen. Die ausgezeichnete Arbeit überträgt buchbinderisches Können auf weitere Gegenstände des Alltags.
Im Kunstgewerbemuseum fielen zwei weitere Arbeiten auf: die hauchzarten, von Flechten inspirierten Porzellanobjekte Lichen von Rozálie Vlachová (DesignBlok Award 2026) sowie die Spiegelobjekte von Anastasia Mazur, deren Rahmen an die tschechische Korbflechttradition anknüpfen. So unterschiedlich Porzellan und Flechtwerk sind, beide Arbeiten gewinnen ihre Form aus der Auseinandersetzung mit dem Material und seiner Verarbeitung.
Zwischen Entwurf und Werkstatt
Tradition erwies sich in Prag weder als fester Stil noch als fertiges Rezept. Janecký formt Glas von innen, Král entwickelt aus der Anmutung keramischer Backformen eine Leuchte, SKOBA macht aus Buchbinderwissen neue Alltagsobjekte. Ob diese Ansätze der tschechischen Designszene dauerhaft ein eigenes Profil geben, lässt sich nach einem Festival nicht entscheiden.
Und dann ist da Prag selbst. Auf dem Weg zwischen Werkstatt, Burg und Museum zog die Stadt mit ihren Gassen und ihrer Architektur immer wieder den Blick auf sich. You can’t escape Prague. Das galt auch für die Arbeiten bei DesignBlok: Sie erzählten nicht allein von Ideen, sondern ebenso von den Orten und Werkstätten, aus denen sie hervorgingen.
Festival DesignBlok
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